Mein Berlin Ironman 70.3 – Teil II

Nachdem ich die erste Hürde mit dem Schwimmen über 1,9km genommen hatte, lag der weitaus anstrengendste Teil aber noch vor mir und so gab es kein Aufatmen. Es galt für mich 90 anspruchsvolle Kilometer mit dem Rad zu überwinden, während ich mich schon auf den abschließenden Halbmarathon freute.

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Von der Elsenbrücke ging es bis zum Tempelhofer Feld in einem für mich zügigen Tempo. Die Zuschauer auf der Brücke jubelten mir auf verlassenen Strassen zu. Das Bild war immer gleich – an Kurven und Kreuzungen nur jubelnde Helfer, mal allein, mal zu zweit oder zu dritt. Sonst Leere. Eine kurze Anhöhe in Neukölln, weiter über den geraden Columbiadamm, vorbei an den Hangern des ehemaligen Flughafen Tempelhof und der Empfangshalle. Eine schnell zu nehmende Kurve brachte die wenigen Damen und die ersten Herren der zweiten Startwelle der Age-Grouper zum Mehringdamm. Den ging es rasant abwärts.

Ordner mit Trillerpfeifen sicherten den Wendepunkt ab, der ungemein “angenehm” über eine Stufe führte, die mit einer pinken Holzleiste verziert war. Einfacher wurde es mit diesem Brett nicht! Unsere Räder schepperten. Auch die Männer bremsten fast bis zum Stillstand, wenn sie nicht gerade Michael Raelert hießen und rüber sprangen.

Harter Antritt – die 5% Steigung sorgte nicht gerade für Begeisterung nach so einem Übergang. Kaum dass man diese Anhöhe geschafft hatte, fuhr man mit den noch nassen Sachen in den Gegenwind. Zum Glück kommt man so selten ins Schwitzen. Ich trank dennoch vorbildlich alle paar Kilometer etwas und fand meinen Rhythmus auch mit dem Essen recht schnell. Wenn die Böen leicht von schräg hinten kamen, knabberte ich nach jeder Runde einen Riegel. Zwei waren vollkommen ausreichend, mein reich gefüllter Picknickkorb konnte fast vollbeladen wieder mit nach Haus. Zu viel ist schließlich auch nicht gut!

Mein Berlin Ironman 70.3 – Teil II
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Von Anfang an quälte mich allerdings die Angst vor Krämpfen, die den Velothon eine Woche zuvor zur Tortour werden ließen. Diese Angst war mittlerweile, wie die vor einer Reifenpanne, immer präsent. Die Muskeln die noch eine Woche zuvor so angespannt für Schmerzen sorgten, waren zwar ausgeruht, aber mit jedem Tritt spürte ich, dass sie mir den Velothon noch nicht verziehen hatten. Zur Sicherheit lieber etwas kräftiger an der Pedale ziehen.

Ein kleiner Engpass brachte uns vom Columbiadamm auf das Feld. Dieses Feld mit den gefühlt einhundert Wendungen. Ich ratterte einem der Pro’s hinterher, er kannte anscheinend den Weg. Brachte uns fast rüttelfrei über seltsame schwarze Platten, Holperstellen und über Abwasserabdeckungen auf die erste Landebahn. Ich suchte Zuschauer. Stattdessen reichten Helfer Wasserflaschen. Auf ging es mit der ersten Geraden – vier Mal rauf, vier Mal runter. Schock! Das sollte ich noch eine weitere Bahn machen und diese Runde insgesamt drei Mal wiederholen? Was war eigentlich mit der dritten Landebahn? Die schien auf der Zeichnung doch irgendwie kürzer, oder doch nicht? Wind von links. Wind von rechts.

Konnte es sein? Es gibt ein kurzes Summen. Ein Motorrad mit Kameramann überholte mich. Wohl die Live Übertragung für’s Internet. Im Schlepptau den führenden Michael Raelert bei seiner zweiten Runde. Ich glaube ich stehe! Trete ich noch? Zum Glück kam die erste Wende, die im übrigen alle ziemlich gut zu nehmen waren, wenn man auf seine Spur achtete. Jede so großzügig bemessen und mit Absperrgittern zur zweiten Wende gesichert, dass auch ich nicht absteigen musste.

Mein Berlin Ironman 70.3 – Teil II
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Endlich, Ende der Bahn Nunmer eins. Endlich Gas geben, die Strecke zur zweiten Bahn effektiv mit einem Hauch Rückenwind nutzen. Aber was nun, das sollte es gewesen sein? Schon wartete die nächste Landebahn – hoch, runter, wieder hoch, wieder runter. Ein einziges auf den Lenker legen, wieder hochkommen, bremsen, antreten, bremsen. Den Mehringdamm runter und wieder hoch fahren. Zurück auf’s Flugfeld. Bei der dritten und finalen Runde gar nicht so schlecht. So bleibt man locker. Hängt nicht nur auf dem Lenker. Aber wie das Kraft und Geduld raubt! Wäre dazu nicht auch noch dieser Wind gewesen, der mich schwindelig pustete. Oder waren es doch die vielen Kurven? Alle kämpften für sich, einige kamen scheinbar wunderbar mit den Bedingungen zurecht oder hatten einfach Spass daran, andere wie ich bissen die Zähne zusammen.

Nachdem die erste Runde sich wirklich zäh abfahren ließ, verschwimmt die zweite in meiner Erinnerung. Nur mein kleines Teufelchen zur Rechten, sorgte für ein kurzes Murren, als mich eine andere Fahrerin sinnlos schneidet, nachdem sie sich mit Ach und Krach im Schlepptau hinter einem Mann an meinem Rad vorbei schieben konnte. Wie war das jetzt mit Windschattenfahren und gegenseitiger Rücksichtnahme? Ok, die Offiziellen können nicht überall sein, haben sonst  einen für mich prima Job gemacht. Schienen immer mal wieder an allen Orten präsent zu sein.

Die Zuschauer vermehrten sich langsam überall und an der Tribüne tobten sie bereits. die Stimme des Kommentators schallte über das Feld, als ich in die Wechselzone abbog. Ich stieg vom Rad – das ging auch schon mal zügiger! Als Erst-Ironmanbestreiter war ich überrascht, dass eine Helferin zur Rechten mir meinen roten Renner plötzlich aus der Hand nahm und mir eine Helferin zur Linken erklärte, in welcher Reihe ich meinen roten Beutel finde. Was für ein Komfort. Verlaufen konnte man sich nicht, man wird einfach immer weiter gelotst. Ich setzte mich auf eine Bank. Wieso setzte ich mich? Egal, schnell Helm und Schuhe ab in den Beutel, einen Schluck aus der Flasche, zwei Gele geschnappt, schon lief ich los. Wie in der WZ 1 ordentlich zügig.

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Was ist das?! Der frische Michael Raelert beglückwünschte den Zweit- und Drittplatzierten, die alle schon im Ziel ein Schwätzchen hielten. Gut, dafür sind das auch die Profis.

Wie bei den drei Radrunden, verhielt es sich beim Laufen. Die erste Runde schockierend, dass ich das tatsächlich noch zwei weitere Male absolvieren muss. Zweite Runde verflog und dritte Runde wurde zum Kampf. Aber dafür war ich da. Ich wollte kämpfen, auch wenn ich es mir einfacher vorgestellt hatte. Gerade einmal zwei Kilometer geschafft, als ich mein Spray verlor und ich zurück watscheln musste, weil das mit dem Rad-Laufwechsel noch nicht so recht verinnerlicht war. Kurze Zeit später eine bekannte Triathletin, die schon eine Runde weiter war. Wow, freute mich für sie, winkte kurz rüber. Sie ist schon im Frankfurt-Fieber.

Zwei weitere Kilometer später endlich das ersehnte Pausenhäuschen, wohl doch etwas kühl bei dem Wind am Bauch gewesen. Schnell weiter und endlich wieder ein bekanntes Gesicht, das mir dieses Mal ein paar aufmunternde Worte schickt. Ab da fühlten sich meine Füße wieder komplett an und ich kann mein ersehntes erstes Bändchen in Empfang nehmen. Die zweite Runde kann als Traumlauf verbucht werden. Ich lief konstant, konnte endlich wieder richtig atmen, mein Gel zeigte Wirkung. Ich erhielt einen Schwamm, der endlich das klebrige Gefühl im Gesicht und den Händen vertrieb. Ich rief einige lockere Worte bekannten Läufern entgegen, lächelte vor mich hin, freute mich, lief endlich.

Es war aber zu früh für das Runners High, viel zu früh. Es waren doch noch 10km! Es war auch zu früh, um David Bowie im Kopf abzuspulen, den ich am Morgen noch etwas über Heroes singen hörte. Es taucht eine Glocke an einem Werbebogen vor mir auf. So viel Kraft muss sein, auch wenn es noch eine Runde zu überwinden galt. Der Wind stürmte so heftig, dass kurz vor der Stelle mit den Bändchen eine lange Reihe Absperrgitter auf meine Spur fiel. Eine Ordnerin stürzte, verletzte sich scheinbar und ich vergaß vor Aufregung das zweite orangefarbene Teil. Schnell noch einmal etwas zurück, beherzt zugegriffen und weiter.

Mein Berlin Ironman 70.3 – Teil II
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Letzte Runde, noch ein Gel und unfassbare Seitenstiche als Dankeschön. Ich jammerte, hampelte seltsam hin und her, versuchte meine Bahn nicht zu verlassen, hastete zum letzten Verpflegungspunkt und freute mich auf einen neuen Schwamm. Ich war früh dran, der Großteil an Triathleten sollte noch lange unterwegs sein und es gab schon einen Schwammnotstand! Dafür unendlich viele Eiswürfel. Sollte das ein Scherz sein? Also klebrig ab Richtung Ziel. Ich spürte jede Windböe und musste nun die letzten Karten ziehen.

David und Ziele – jeder vor mir wurde unweigerlich zu einem neuen Ziel. Meine Oberschenkel wollten nun keinen einzigen Schritt mehr machen, von “Schönlaufen” mit Kniehub weit entfernt, dachte ich nur immer daran, dass es gleich alles ok sein würde. Egal was noch passiert, ich schaffe es, koste es, was es wolle. Muskeln hin oder her.

Mein Berlin Ironman 70.3 – Teil II
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Ich sah die Leinwand schräg von der Seite, darüber die Zielzeit, die ich komplett aus den Augen verloren hatte und irgendetwas um die sechs Stunden schätzte. Stattdessen nur einige Minuten schlechter als letztes Jahr beim BerlinMan. Die Zahlen ratterten nur so durch meinen Kopf und es setzte umgehend Zufriedenheit ein.

Ironman Berlin 2013 Triathlon Eiswuerfelimschuh (163)Alles richtig gemacht – beim Radfahren ordentlich gekämpft. Ich habe mir immer wieder gut zugeredet, dass ich beim Laufen ganz andere Muskeln verwende und auf dem Rad ruhig noch etwas mehr geben kann. Hätte ich nicht gewusst, dass ich das Laufen sowieso irgendwie überstehe und ich dabei meinen Spaß haben würde, hätte ich sicher beim Radfahren etwas Fahrt rausgenommen.

Vier Riegel für’s Rad, drei Gele für die Laufstrecke geplant und ausreichend Trinken am Rad und in den Wechselbeuteln verteilt. Dennoch habe ich auf meinen Körper gehört und so gerade einmal die Hälfte von allem aufgebraucht.

Ich hörte, wie ich fünfte in meiner Altersklasse wurde und 35. Frau. Es hätte nicht eine Sekunde schneller sein können, jeder Wechsel lief wunderbar, die kleine Pause war nötig, die Raddistanz hart erkämpft und beim Laufen auch genau das gemacht, was ich kann: laufen!

Die Freude diese Mitteldistanz mit einer Zeit von 05:33:49 beendet und Platz 409. belegt zu haben, ist deshalb wirklich groß (meine komplette Auswertung gibt es auf Sportics).

Kaum dass ich ein wenig durchatmen konnte, stand auch schon der Eisenmann überhaupt vor mir und hat sogar mit mir schwitzendes Bündel Fotos machen lassen. Lieben Dank an dieser Stelle noch einmal dafür!

Mein Berlin Ironman 70.3 – Teil II
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Eine Extranotiz am Rande verdient der Duschwagen, den ich gern in meinem Garten stehen hätte. Regenduschen und Platz ohne Ende sorgte bei uns Triathletinnen für Begeisterung.

Aus Athletensicht gab es für mich an dieser Premierenveranstaltung fast nichts auszusetzen. Hier und da hätte man etwas besser machen können, was aber nicht nur in der Hand des Veranstalters lag. Ich werde in einem kleinen Extrabeitrag noch einmal genauer darauf eingehen.

Ironman Berlin 2013 Triathlon Eiswuerfelimschuh (166)


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