Mann ohne Volk

Die Betrübtheit ist einer Mehrzahl der Bundesbürger ins Gesicht gemeißelt. Entrückt in der üblichen Verklärung vergangener Augenblicke, hängen sie jenem schicksalhaften 31. Mai 2010 nach, an dem Bundespräsident Köhler seinen Rücktritt bekanntgab. Horst Köhler, dieser charismatische Mann des Volkes, dieser kompetente und begnadete Volkstribun, den eine unbeschreibliche Aura umrankte - wie geschrieben: Verklärung satt! Eine Verherrlichung, die schon zu seinen Amtszeiten betrieben wurde, als man ihn zum bürgernahen, unkomplizierten Konsul des kleinen Mannes umwertete, zur vox populi aus Bellevue. Die Gestalt Köhlers wurde mit hagiograpischen Beigaben ausgerüstet, damit er sich vom Klischee des etwas beschränkten, dennoch entschieden sozialstaatsfeindlichen Sparkassendirektors abhebe.

Dieser Mann des Volkes war nie einer; er war die präsidiale Kreatur der Neoliberalen, die Physiognomie biederner Spar- und Kürzungspolitik - er war jemand, der harmlos genug aussah, um die stückchenweise Abwicklung des Sozialstaates, an sein Volk zu verkündigen: so zu verkündigen, dass er dafür auch noch Beifall erntete anstelle von Anfeindungen und Widerstandsgeist. An diese Tradition wollte sein Nachfolger anknüpfen; er wollte zum Präsidenten aller Bürger werden und verlieh diesem Begehr etwas ungelenk Worte, als er zum Jahrestag der Wiedervereinigung sprach. Dies gipfelte in der Äußerung, dass auch der Islam zu Deutschland gehöre. Zunächst murmelten die Menschen griesgrämig, dann brummelten sie dezent hörbar, bis sie letztlich ihrem Ärger Luft machten: das sei gefährliches, lebensfernes Geschwätz, vernahm man aus den Gazetten, las man in Leserbriefen und hörte man bei Straßenumfragen. Der Moslem müsse sich anpassen; er dürfe aber nicht den Anspruch erlangen, als Teil dieses jüdisch-christlichen Landes zu gelten. Tröstlich dabei ist, dass man wenigstens auch auf die jüdische Tradition verweist: man hat also schon einmal hinzugelernt in diesem Lande!

Nun soll Wulff hier weder belobigt noch in Schutz genommen werden. Doch seine Aussage mag wesentlich volksnaher gewesen sein, wesentlich mehr für das gesamte Volk gegolten haben, als all die Reden Köhlers zusammengenommen. Wo der eine mit präsidialer Konzilianz einen ethischen Sozialabbau forderte, sprach der andere von egalitärer Daseinsberechtigung - natürlich wird Wulff zukünftig ebenfalls einen versöhnlichen Präses der Deutschland AG mimen, der eine soziale Spaltung nur dann gutheißen kann, wenn sie mit moralischer Attitüde vorangetrieben wird, mit ein wenig Sozialgerechtigkeitstrug und Ausgleichsrhetorik. Aber in diesem einen konkreten Falle - übersehen wir mal galant, dass der Alltag hierzulande ebensowenig jüdisch-christlich wie muslimisch ist, sondern eher einer Religion der Effizienz und der Kosten-Nutzen-Berechnung geschuldet! -, hat er alle Bürger dieses Landes angesprochen und ihnen alle dieselbe Daseinsberechtigung attestiert. Für diesen kurzen Augenblick, vielleicht auch zum letztenmal in seiner Amtszeit, war er der Präsident aller Bürger: ein Volkspräsident!

Nochmals: Wulff soll nicht gelobhudelt werden - hier geht es einzig um das berühmte Korn, das jedes blinde Huhn irgendwann einmal aufpickt. Wulff wird die Bürger dieses Landes noch mit ganz anderen Ansichten einschläfern, mit Befürwortung des schwachen Staates, mit aufklärerischen Krämervokabeln wie Eigeninitiative oder Neustrukturierung; letztere ist beispielsweise als schwer verständliches Synonym für Sozialabbau zu begreifen. Tragisch ist nur, dass sich da seit langem mal wieder ein Bundespräsident zu einer Phrase hinreißen ließ, die ihn an das Volk heranrückte; eine Phrase, die egalitär klang, versöhnlich und ohne spalterische Absicht, die für alle Bürger galt: und prompt diagnostiziert man bei ihm eine akute Volksfremdheit; augenblicklich erklärt man, dass er kein Mann des Volkes sei. Nicht sein darf, weil er der mittlerweile typisch gewordenen Separation der Menschen in gut-christlich und unbelehrbar-muslimisch nicht blind gefolgt ist. Keine Sorge: das wird er auch wieder tun, wenn er gedankenverloren in den Debatten zur Integration rührt, die ja stets mehr als einen Anflug von Assimilationsforderung beinhalten.

Dass es sich um des blinden Geflügel Korn handelt, um einen lichten Moment und Ausnahmefall, bewies Wulff umgehend. Nur zwei Tage nach seiner Rede, sprach er schon wieder: "Diese Mannschaft ist ein Spiegel der tatsächlichen Gesellschaft unseres Landes", erklärte er der versammelten Presse bei der Ordensverleihung für die DFB-Auswahl. Millionäre werden als Spiegelbild dieser Gesellschaft gefeiert, medizinisch hochklassig betreute Millionäre, während die medizinische Versorgung für einen Großteil dieser Gesellschaft immer teurer, immer unerschwinglicher wird; Millionäre, die Autogeschenke nachgeworfen bekommen, gleichwohl immer mehr Menschen zu arm sind, um sich Mobilität zu erhalten; Millionäre, die nichts, aber auch gar nichts, keine Reise, keine Berufskleidung, selbst bezahlen müssen, indes in dieser Gesellschaft immer mehr Menschen gezwungen sind, für einen Niedriglohn arbeiten zu gehen. Das ist das Spiegelbild der Gesellschaft? Es war eben doch nur ein kurzer Anflug von Volkspräsidentschaft; Wulff ist wieder der, für den er gehalten und für was er eingestellt wurde: ein weltentrückter Phrasenautomat ohne Ausstrahlung.

Wenn er sich diese nichtige und belanglose Aura bewahrt, die er bei der Ordensverleihung an den Tag legte, dann könnte er doch noch zu einem Mann des Volkes, zu einem Präsident aller Bürger verherrlicht werden - aber auch wirklich nur dann!


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