Lust auf Lust?

Ob in der Arbeit mit Einzelnen oder Paaren: Nicht selten kann die Beratung schon nach zwei, drei Sitzungen abgeschlossen oder zumindest für längere Zeit unterbrochen werden. Das ist zum Beispiel dann häufig der Fall, wenn im Zentrum der Zusammenarbeit die Auflösung eines Glaubenssatzes steht. Was ein Glaubenssatz ist? Nun, ein gängiger und weit verbreiteter Glaubenssatz ist zum Beispiel: „Ein normaler Mensch hat zwei bis vier Mal pro Woche Sex. Wer diese Marke nicht schafft, hat insgeheim ein Problem.“ Wir lassen uns also Glauben machen, mit uns stimme etwas nicht, wenn wir nicht ständig bzw. alltagsnah Lust auf Lust hätten.

„Wissen Sie, wir glauben, dass mit uns etwas nicht stimmt. Wir haben schon über ein halbes Jahr keine Lust mehr auf Sex!“ Diese Ausgangslage ist von unterschiedlicher Bedeutung, je nach dem wie alt die Beziehung ist. Zum Beispiel schläft man zu Beginn häufiger miteinander. Mit den Jahren pendelt sich der Sex in der Regel auf einem niedrigeren Niveau ein. Und ich mache die Erfahrung, dass die Abwesenheit von Lust auf Sex, manchmal auch über einen längeren Zeitraum, durchaus auch zum „normalen“ Erleben gehören kann. Das allein ist noch kein Grund zur Sorge. Sie können sich selber unterstützen, indem Sie die Bandbreite dessen, was Sie als „normal“ anerkennen, bewusst erweitern. Es liegt in Ihrer Macht zu glauben, gelegentliche Sexpausen gehörten auch zum Leben.

In der Beratung frage ich dann vielleicht: „Was vermuten Sie, ist die Funktion von Sex in Ihrem Leben? Haben Sie Lust, Ihre Sexpause zu nutzen und gemeinsam zu erforschen, was sich so alles hinter der (Un-) Lust auf Sex in Ihrer Beziehung verbergen könnte?“ Das ist eine spannende Frage, finde ich, und ich lade Paare mitunter ein, sich achtsam und sorgfältig auf diesen herausfordernden Prozess einzulassen.

Dabei können wir erkennen, dass wir mit der Lust unser Selbstwertgefühl zu stärken versuchen. Zwischen Männern und Frauen besteht oft ein geheimer Sexvertrag, wie ich es nenne. Der unterschwellige Handel lautet dann vielleicht so: „Ich schlafe mit dir, um mich als begehrenswert zu fühlen.“ Oder: „Ich schlafe mit dir, um mich als stark und potent zu fühlen.“

Daran ist grundsätzlich nichts verkehrt. Aber: Das Bewusstsein darüber, welche Verträge in der Sexualität eingegangen werden, kann die Lust entlasten. Aber auch das ist erst einmal ein Glaubenssatz.