Legitimitätsfragen!

Die Frage musste ja aufgeworfen werden: Wie kommen diese Typen eigentlich dazu, für 99 Prozent sprechen zu wollen? Die Antwort musste ja gegeben werden: Das haben schon mal welche in Deutschland gemacht, nämlich "eine kleine Gruppe von Nazi-Ideologen"! Da leben wir in einem Land, in dem man neuerdings ungeniert genetische Taschenspielertricks als Wissenschaft verkaufen darf, in dem man als Ausländer beäugt wird wie ein Stachel im Volkskörper, in dem Leitkultur deutscher Provenienz wieder diskutabel ist - aber nazistisch sind nicht diese Auswüchse und ihre Ideologen, nazistisch sind die, die gegen den Kapitalismus demonstrieren.

Das publizistische Hallali gegen die Protestkultur scheint eröffnet. Das "gesunde Volksempfinden" von Wir sind 99 Prozent! ist irgendwie nationalsozialistisch oder ähnelt der Leitlinien der SED - wie man diffamiert, kann man sich als williger Kunde der Diffamierungskampagne also aussuchen. Es ist für jeden Geschmack etwas dabei, um sich der "gutgemeinten Umarmung" zu entziehen. Wer hat der Bewegung eigentlich die Legitimität dafür gegeben, für 99 Prozent zu sprechen? Die Frage ist berechtigt und die Antwort knapp: niemand! Das ist schon wahr. Aber fragen sollte man dann auch, wer beispielsweise der EZB die Legitimität gegeben hat? Wer hat den Volksvertretern eigentlich die Berechtigung gegeben, mit Konzernen zu promenieren, gleichwohl man dem Bürger harten Fußmarsch verordnete? Die Antwort, sie wäre vermutlich dieselbe: niemand! Jedenfalls nicht der Souverän...
Überhaupt eine ganz verquere Sichtweise, die das Qualitätsmedium Stern pflegt. Woher nehmen diese Leute das Recht, für 99 Prozent zu sprechen, fragt es. Diese Leute fragen jedoch gleichfalls, woher das übrige Prozent das Recht nimmt, sich die Welt so zu gestalten, wie sie es für rentabel hält. Das ist nebenher die viel essentiellere Berechtigungsfrage. Woher nehmen diese Leute das Recht, die Welt als ein Gemisch aus Kosten und Nutzen, Aufwand und Brauchbarkeit, Aufwendungen und Verwendbarkeit zu betrachten, in dem die Interessen der Menschen immer mehr zurückgedrängt werden? Woher nehmen sie diese Chuzpe, 99 Prozent ihrer Profitgier untertan zu machen? Legitim durch politische Wahlen!, könnte man antworten. Sicher - jene Wahlen, bei denen keine Optionen, nur There is no alternative! angeboten werden; bei denen die Wahlbeteiligung mehr und mehr strauchelt; bei denen Volksvertreter gewählt werden, die in Aufsichtsräten profitorientierter Unternehmen sitzen. Ist das alles so sehr legitim?
Das ist die große Frage, die die Occupy-Bewegung umtreibt. Der Journalismus dreht nun den Spieß um und richtet dieselbe Frage auf die Parole dieser Bewegung und verunglimpft sie als nazistisch. An der Parole hängt er sich auf. Und die kleine Gruppe von Neoliberalismus-Ideologen, die ihr wildes Treiben für mit dem "gesunden Volksempfinden" kompatibel erachten, die haben keinen Hang zum Totalitarismus - oder wie darf man das verstehen? Die erklären doch auch unentwegt, sie machen Politik und Wirtschaft für die schweigende Mehrheit - popolus lo vult! Die Frage nach Gerechtigkeit, nach Gleichheitsaspekten, die in der Parole von Occupy! hörbar wird, das macht die Frage nach der Legitimität überflüssig - die Nazi-Ideologen, die der Stern bemüht, haben sich nie über solche Ideale den Kopf zerbrochen. Und das übrige Prozent, das sich auf 99 Prozent stützt, es kennt solche Aspekte heute auch nicht. Genau deshalb ist die Frage nach deren Legitimität berechtigt und jene nach der Legitimität der Demonstranten belanglos.