Leben und Meinungen des Guido Rohm (7)

11. Juni 2011

5.42 Uhr! Zigarette. Kaffee. Ich habe auf dem Balkon gesessen, rauche ich doch nicht in der Wohnung, denn weder will ich mir noch der Familie den Qualm zumuten, diese geisterhaften Erscheinungen, die sich in alle Ritzen und Ecken verkriechen, die sie finden können, die sich dort festkrallen und nicht mehr verschwinden wollen.
Man muss lange lüften, will man sie vertreiben, muss sie mit Frischluftdämonen austreiben, mit einem Exorzismus der windigen Art.

Ich habe schlecht geschlafen, habe aber auch geträumt, leider beließ der Schmerz, der eben nicht irgendein Schmerz ist, sondern ein ganz besonderer Schmerz, mich nicht in meinen Traumwelten.
Also wanderte ich durch die Wohnung. Keine neue Tour. Eine altbekannte Strecke. Meine ganz persönliche Mitternachtswanderung.
Trotzdem bin ich wieder einmal früh wach, schreibe ich doch am liebsten in den frühen Morgenstunden, wenn die Häuser noch unter einer Dunstglocke hängen.

7.36 Uhr! Schrieb eine kleine Geschichte. Fragmente des Glücks. Die Seraphe sitzt lesend in der Küche. Sie blättert eine Seite um. Sie schlürft ihren Cappuccino. Dieses Wochenende ist Kinder-Wochenende. Wir freuen uns sehr auf die Kinder. Welche Kinder?, fragen sie. Meine Kinder aus erster Ehe. Großartige Kinder!

10.33 Uhr! Die Seraphe und ich schnippeln Tomaten, Wurst, Paprika für das Mittagessen. Im Hintergrund läuft Opernmusik. Verdi. Gounod. Leoncavallo. Donizetti. Mozart. Gluck. Wir kommen uns wie in einem Mafiafilm vor. Die Jungs spielen mit dem Sternchen im Kinderzimmer. Puccini! Was würde zum Essen besser passen als Puccini?

Leben und Meinungen des Guido Rohm (7)

Ein Paket an Alfie gesandt! Darin befindet sich „Blut ist ein Fluss“ und „Eine kurze Geschichte der Brandstifterei„. Außerdem noch ein Foto der Familie.

17.19 Uhr! Ein vertrödelter Tag. Die Kinder sind am Spielplatz. Der Vogel jubiliert. In den Nachrichten rollen Panzer. Die Aufständischen sollen erlegt werden. Die Jäger sind unterwegs. Gelber Staub wirbelt auf. Der Panzer rattert über eine Brücke. Ein Betonsteg. Der Mann im Panzer spürt jeder Unebenheit nach. Der Panzer hebt und senkt sich. Der Mann im Panzer will seine Landsleute nicht töten. Er hat den Auftrag. Er hat eine Familie. Er wird es tun. Syrien am 11. Juni 2011!

20.06 Uhr! Die Jungs werden jeden Augenblick ins Bett abwandern. Sie haben sich den Film Kung Fu Panda angesehen.

Sprengsatz in Ikea-Möbelhaus. Der Tod ist überall. Auch in Möbelhäusern.
Die Jungs wissen zum Glück noch nichts von Syrien und von Bombenattentaten. Sie werden mit der Erinnerung an einen verspielten Tag einschlafen. Süße Träume haben. Hoffentlich!

20.09! Genug der Unsinnigkeiten für einen Tag!

12. Juni 2011

7.30 Uhr! Die Kinder schlafen noch. Die Seraphe fegt im Nachthemd durch die Wohnung und räumt. Der Vogel steckt in seiner Nacht.

Leben und Meinungen des Guido Rohm (7)

Bücher. Die Wohnung läuft mit Büchern über. Es ist noch nicht so schlimm, wie ich es mal bei Franz Schuh sah, dessen Wohnung in Gebirgen aus Büchern versinkt, die allmählich zu einer Gefahr für ihn werden.
Ich werde umräumen müssen. Ich denke darüber nach. Die Werke des Marquis de Monet könnte ich unter dem Schreibtisch unterbringen, während die Romane meines Freundes Sebastian Mahl in der Toilette ihren Platz finden könnten. Seine Romane, Mahl mag mir das verzeihen, sind die ideale Klolektüre, ebenso wie meine eigenen Romane. Kurz. Bündig. Da kann man abbrechen, um beim nächsten Geschäft wieder abzutauchen, ohne dass es weh getan hätte.

Leben und Meinungen des Guido Rohm (7)

Umsiedelungen sind also vorzunehmen. Die Bücher sehen mich schon jetzt vorwurfsvoll an. Ich weiche ihren Blicken aus. Da wäre eine ganze Abteilung Kriminalromane, die neu zu sortieren wäre; eben jene Genreliteratur, die von manchen Zeitgenossen so gerne abgeurteilt wird und die, ich gestehe es ja gerne ein, auch viel Scheiße hervor gebracht hat. Aber eben auch Perlen. Elfriede Jelinek ist eine Anhängerin des Krimis (so wie es ja auch Brecht und Benjamin waren); in ihrer Frühzeit besprach sie die Krimis reihenweise. Und auch sie verfügt über eine große Sammlung von Kriminalromanen. Die Elfriede und ich sozusagen. Vielleicht kann sich der eine oder andere dort draußen bei uns noch einreihen.
Ich liebe das Wort „sozusagen“ seit unserem letzten Türkeiaufenthalt. Einer der Reiseführer benutzte es ohne Unterlass, jeder seiner Sätze wurde mit diesem „sozusagen“ abgeschlossen, sozusagen.
Leider löst das Wort noch nicht mein Bücherproblem, auch wenn mir das kein echtes Problem scheint. Wir leben mit den Büchern. Wir wollen in ihnen ersaufen.
Ist man erst einmal am Umräumen, dann stößt man auf längst vergessene Perlen, Romane eines Leander Blumenthal, der mit „Gefangen in Palermo“ einen wunderbaren Text schuf. Oder auch der poetische Wurf eines Axel Feierabend. Seine Erzählung „Stahl“ muss man als Meisterwerk bezeichnen. Ich will Ihnen rasch eine kleine Stelle ins Tagebuch stellen:

„In ihren blank polierten Stahlträumen steht eine Bank. Eine Bank verspricht Rast. Der Weg erfährt eine Unterbrechung. Die Frau träumt oft von dieser stählernen Bank in einer stählernen Landschaft. Sie sitzt dort. Der Himmel ist von Stahlvögeln gesäumt. Erwacht die Frau, dann erzählt sie ihrem Mann nichts von diesem Traum. Er ist Fachmann für Stahl. Er würde sie über die Beschaffenheit des Stahls befragen. Die Frau würde sagen: Stahl ist eben Stahl. Das würde dem Mann die Tränen in die Augen treiben. Er würde schreien: Das kannst du doch nicht sagen. Stahl ist nicht Stahl. Ja, aber was ist es denn sonst? Er würde sich zur Seite drehen. Den Schlafenden spielen. Darum spricht die Frau erst gar nicht darüber mit ihm. Sie schweigt. Sie denkt an ihre erstarrten Träume. Sie blickt sich im Schlafzimmer um. Sie kann kaum noch zwischen ihren Träumen und der Realität unterscheiden. Der Stahl ihrer Träume wuchert. Er wächst in dieses Leben hinein. Sie kann es sehen. Sie blickt auf die Hand ihres Mannes. Der linke Finger ist bereits zu einem Stahlfinger mutiert. Sie hält inne. Sie atmet nicht mehr.“
Aus „Stahl“ von Axel Feierabend.

8.00 Uhr! Die Kinder schlafen noch immer. Auch der Vogel lässt sich noch seine Nacht vorgaukeln. Kaffee. Zigarette. Ich muss niesen. Zum Niesen gehe ich in die Küche, damit die Kinder nicht davon geweckt werden. Heuschnupfen. Den habe ich seit Kindertagen. Mal ist es besser, mal schlimmer. In diesem Jahr würde ich von durchwachsenen Anfällen sprechen. Beim Niesen kommt Blut. Manchmal.
Wir sind heute Nachmittag bei Don Valentino und seiner bezaubernden Gattin zum Kaffee eingeladen.

Heute ist Sonntag. Ein Tag der Ruhe. Ich werde die Umsiedlungen auf einen Wochentag verschieben. Erleichtert atmen die Bücher auf. Schon gut, schon gut, sage ich zu ihnen. Ich habe es ja nur verschoben. Die Galgenfrist läuft.

Alle großen Schriftsteller waren Krimiautoren: Dostojewski, Döblin, Nabokov, Brecht, Lochmann.

18.44! Zurück vom Don, bei dem wir zu Kaffee und Kuchen geladen waren, der uns in den Schatten seines hohen Hauses setzte, an einen reich gedeckten Tisch. Leichte Unterhaltungen über dies und das. Der Champagner floss in regen Strömen. Lockerte die Zungen und das Denken. Don Valentinos Tochter erwartet in den nächsten Stunden ein Kind. Es hätte gut möglich sein können, dem Wunder noch während der Kaffeezeit beiwohnen zu dürfen.
Die ganze ehrenwerte Familie war versammelt. In diesen Kreisen spricht man nicht über die Geschäfte, die ja eh, so betont es der Don immer wieder, schon lange hinter ihm liegen. Zerschossene Kniescheiben gehören der Vergangenheit an.

Leicht angetrunken machten wir uns auf einen Spaziergang. Hin zum Friedhof. Denn dort endete bisher noch jeder Besuch im Hause Valentino. Wir grüßten Seraphes Mutter. Dort liegt sie. Wacht über ihre Töchter.

In dieser Gegend, so müssen Sie wissen, altes Mafialand eben, unterwirft man sich einem archaischen Glauben, der in Gebeten an ein Hinrichtungsopfer gipfelt. Der Katholizismus ist und bleibt eine Angelegenheit für sich. Don Valentinos Enkel überreichte mir sein Fahrrad. Eine der höchsten Auszeichnungen in diesen Kreisen.

Leben und Meinungen des Guido Rohm (7)

Ein Hinrichtungsopfer!

Leben und Meinungen des Guido Rohm (7)

DAS FAHRRAD gilt als der wichtigste Literaturpreis in Mafiakreisen

Leben und Meinungen des Guido Rohm (7)

Ich sitze mit Don Valentino vor dem Haus und genieße die letzten Sonnenstrahlen des Tages

Zurück. Wir verabschiedeten die Kinder, die nun wieder bei ihrer Mutter sind. Ich schreibe. Es sehnt mich nach einer Zigarette. Zwei weitere Tage gehen nun online und in die Geschichte meines Lebens ein.

Noch bin ich nicht tot. Noch schreibe ich.



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