Lass Dir und Anderen Raum zur Entfaltung!

Lass Dir und Anderen Raum zur Entfaltung!
Ihr Lieben,
heute Abend möchte ich Euch eine Geschichte von Nicole Schneider erzählen:

„Feste Vorstellungen“

"Wie kannst Du nur?", fragte der Mann verbittert seinen Sohn, der ihm gerade mitgeteilt hatte, dass er jetzt nach dem Abschluss seines Studiums erst einmal ein halbes Jahr auf Reisen gehen wollte, um etwas von der Welt zu sehen.

"Ich habe gedacht, Du würdest Dir so schnell wie möglich eine Arbeit suchen, statt Dich herumzutreiben." Der Sohn schwieg, aber er war verletzt und zornig.
Wie oft gab es solche oder ähnliche Diskussionen, wenn er irgendetwas tat, was sein Vater anders sah als er.
Noch schlimmer aber waren die unausgesprochenen Vorwürfe, die in den sorgenvollen Blicken seines Vaters lagen und ihm das Gefühl gaben, ein Versager und ein schlechter Sohn zu sein.

So wie sonst schluckte er auch jetzt seine Wut und seine Tränen hinunter und verließ wortlos die Küche, in der sie noch vor wenigen Minuten gemütlich Tee miteinander getrunken hatten.


Innerlich war er hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, seinem Vater zu gefallen und dem Verlangen, seine eigenen Ideen und Träume durchzusetzen.

Der Vater verließ ebenfalls die Küche und ging in den Garten, um wieder einen kühlen Kopf zu bekommen. Er wollte doch nur das Beste für seinen Sohn!

Während er sich langsam beruhigte, fiel sein Augenmerk auf den Rosenstrauch, den er vor einiger Zeit unter dem Küchenfenster gepflanzt und seitdem voller Vorfreude gehegt und gepflegt hatte.

Mit gerunzelter Stirn blickte er auf die erste Blüte, die sich heute geöffnet hatte.

"Du bist ja weiß! Ich wollte eine gelbe Rose!", sagte er enttäuscht und ein leiser Vorwurf schwang in seiner Stimme mit. 

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 "Ja, ich bin weiß!", bestätigte die Rose und hob ihm selbstbewusst ihre Blüte entgegen.
"Ich finde aber gelbe Rosen schöner!", murmelte der Mann.

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 "Sei nicht kindisch!", erwiderte die Rose. "Ich fürchte, es ist nicht der Sinn meines Daseins, Dir zu gefallen.
In meinem Kern war angelegt, dass ich weiß werde. Natürlich konntest Du das nicht wissen, aber genau das ist das Problem. Du hast Dir die junge Pflanze besorgt und warst überzeugt, dass ich eine gelbe Rose werde.

Dem ist aber nicht so. Und nun bist Du enttäuscht, weil ich nicht Deiner Vorstellung entspreche. Wenn Du Dich dann besser fühlst - was ich bezweifele - kannst Du natürlich unzufrieden mit mir sein.



Du kannst mich gelb ansprühen oder mich immer nur durch eine gelb getönte Brille ansehen.
Aber das wird nichts daran ändern, dass ich in Wirklichkeit weiß bin. Und wenn Du mich so nicht haben willst, dann war es vielleicht ein Irrtum von Dir, mich zu pflanzen.

Und noch einmal: Es ist nicht der Sinn meines Daseins, so zu sein, wie Du mich haben willst. Entscheide Dich, mich entweder so zu mögen, wie ich bin, oder lass es, aber in jedem Fall akzeptiere es und hör bitte auf, mich zu kritisieren. Oder erwartest Du von mir, dass ich meine Blätter welken lasse, damit sie gelblich werden?

Bestimmt bin ich nicht perfekt und eine Menge Sachen an mir könnten anders sein - aber ich bin weiß. Genauso wie Dein Sohn ebenso ist wie er ist!" Die Rose hatte freundlich, aber bestimmt gesprochen.

"Woher weißt Du...?", stammelte der Mann. Die Rose wies mit einem ihrer Blätter auf das offene Küchenfenster. Der Mann blickte beschämt zu Boden und schlich davon.
Die Rose wandte ihre Blüte und damit auch ihre Aufmerksamkeit wieder der Sonne zu.

Ein paar Tage lang machte der Mann einen weiten Bogen um die Rose und mied ihren Blick, doch eine Woche später war ihr Beet sauber geharkt und das Unkraut war gejätet, damit die strahlend weiße Blüte vor dem dunklen Erdboden besonders gut zur Geltung kam.“


Ihr Lieben,

diese kleine Geschichte sollten wir vielen jungen Eltern, aber auch vielen Großeltern zu lesen geben.

Unsere Kinder und Enkelkinder sind nicht dazu da, um uns zu gefallen, um unsere Hoffnungen und Wünsche zu erfüllen.

Das „Beste“ für unsere Kinder und Enkelkinder ist selten das Richtige für sie,
das, was sie sich von ihrem Leben ersehnen und erhoffen.

Vor allem ist es aber wichtig, dass wir uns das Beispiel der Rose vor Augen führen:

Eine weiße Rose ist eine weiße Rose und aus einer weißen Rose wird keine gelbe Rose, weil wir das so wollen. So ist das auch mit unseren Kindern und Enkelkindern.
Wenn ein junger Mensch z.B. für einen handwerklichen Beruf geeignet ist und darin seine Berufung sieht, ist es unmenschlich, ihn zu einem Studium zu zwingen.

Wichtig ist, dass wir zu unseren Kindern und Enkelkindern stehen, dass wir sie lieben und dass wir sie bei ihrem (nicht unserem!) Streben unterstützen, ihren eigenen Weg zu finden!
Aber die kleine Geschichte gilt auch für uns Eltern und Großeltern.Wir sind nicht auf der Welt, um den Wünschen, Hoffnungen oder Vorstellungen anderer Menschen zu entsprechen, sondern wir sind auf der Welt, damit unsere eigenen Talente, Fähigkeiten und Begabungen erkennen und tapfer Schritt für Schritt unseren Weg gehen.
Ich wünsche Euch eine gute und erholsame Nacht und morgen den Mut, Euren eigenen Weg zu gehen und darüber nachzudenken, was für Euch (nicht für Andere!) das Richtige ist.

Ganz liebe herzliche zuversichtliche, liebevolle, hoffnungsvolle, humorvolle, freundliche, fröhliche, heitere Grüße aus Bremen

Euer seine Freiheit liebender Werner

Lass Dir und Anderen Raum zur Entfaltung!

Quelle: Karin Heringshausen


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