Kunstausflug in Kassel

Kunstausflug in Kassel

"We finally built walls", 2010, Monica Bonvicini

Zug gefahren. Es passierte so gut wie gar nichts. Einziger Höhepunkt war die schlagfertige Antwort des Getränke und Snacks verkaufenden Servicemitarbeiters auf die Frage eines Fahrgastes, ob es das Bier auch aus dem Glas gebe: “Ja natürlich, nur hat das Glas die Form einer Flasche.” Thomas Gottschalk-Humor, aber mit Stil.

In Kassel angekommen, begab ich mich unmittelbar in eines der ältesten Museen der Stadt, in die Kunsthalle Fridericianium, wo gerade die Ausstellung des norwegischen Anarchokünstlers Matias Faldbakken auf Kunstinteressierte wartet, von denen es hier nach lokalen Aussagen paradoxerweise nicht so viele geben soll. “That death of which one does not die” lautet der Titel der ausgestellten Arbeit. Das eindringlichste Werk ist die Installation “vier Feuerlöscher –  entleert”, bei dem der Norweger zusammen mit Anders Nordby die Geräte des darin befindlichen Schaumes entledigt hat, welcher sich über den gesamten Boden der beiden Hallen verteilt. Jeder meiner Schritte wird so selbst zum Element eines destruktiven Chaos. Schön.

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"Untitled", 2010, Anders Nordby und Matias Faldbakken

An den Wänden hängen 29 ein- und uneingerahmte Müllsäcke aus dem Opus “garbage bag”, auf den Faldbakken kryptische Zeichnungen oder Wörtern hinterlassen hat, von denen der Infozettel behauptet, es seien Akronyme. Doch richtig subversiv ist das Werk “Moderne Minderheitendiskriminierung”, welches wegen seiner zynischen Überspitzung und dem ironischen Kommentar auf gegenwärtige Integrationsdebatten das Highlight und gleichzeitig brisanteste Werk der Ausstellung darstellt.

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"Moderne Minderheitendiskriminierung", 2010, Toilettentür im Fridericanium

Auf der zweiten Ebene der Halle beschäftigte sich die italienische Künstlerin Monica Bonvicini mit Macht- und Geschlechterverhältnissen. Die mehreren, durch einen Rahmen getrennten Glasscheiben reflektieren bei “A Romance” die zwiespältige Paradoxie von Glas als durchsichtiges Material. Einerseits ein lichtdurchlässig und daher freiheitssymbolisches Element, lässt sich das Durchsichtige andererseits in öffentlichen Räumen auch immer als ein Moment des Foucault`schen Panoptikums verstehen, von welchem aus eine hundertprozentige Transparenz und Sichtbarkeit auf die Gesellschaft und damit volle Kontrollmacht gewährleistet wird.

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"A Romance", 2003, Monica Bonvicini

Gerade im Museum sollte man diesen Aspekt aber auch mal überdenken. Oder bin ich paranoid, wenn ich mich an den bohrenden Blicken der Museumspolizisten störe, der jede meiner Bewegungen mit der Präzision eines Terminators verfolgt. Wie kann eine Immersion in ein Kunstwerk funktionieren, wenn man sich in  ständiger Beobachtung wähnt? „Du nervst“, möchte ich ihm zurufen und versuche meinen Begleiter anzustacheln, mal etwas Unvorhergesehenes zutun, als ich den Blick des langhaarigen Mitarbeiters wieder mal in meinem Rücken spüre.

Aber zurück zur Kunst. Am meisten beeindruckt war ich von den 395 ausgestellten Fragebögen, die unter internationalen Bauarbeitern aus England, Frankreich, Deutschland, Österreich und Japan verteilt wurden. Hier offenbarte sich erstmals eine nicht nur abstrakte Abbildung eines Teils  der Gesellschaft, für die Kunst für mich oft interessant wird. Zumindest jenseits von reiner Ästhetik. Ein in Deutschland ausgefüllter Fragebogen erweist sich als paradigmatischer Gradmesser für ein paar der wichtigsten zeitgenössischen soziologischen Themen unserer Zeit, die Frage nach dem Grad der Entfremdung von Arbeit, den Begriff der Kreativität sowie gesellschaftlichen Ressentiments wie Homophobie.

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Fragebogen aus dem Projekt "What does your wife/girlfriend think of your rough and dry hands?", 1999 - forlaufend, Monica Bonvicini

Dieser Fragebogen hätte genauso gut auch Anfang des 20. Jahrhunderts ausgefüllt werden können. Neben der expliziten Verneinung, seine Arbeit als kreativ zu beschreiben lässt sich hier vor allem eine explizite homophobe Einstellung erkennen. Der wahrscheinlich nicht nur auf deutschen Baustellen ubiquitäre Ausruf “Scheiße” lässt sich hier auch als ein alltägliches Aggressionsventil verstehen, mit dem zum Beispiel die eigene Unmöglichkeit, Dinge selbst und nicht nach Vorgaben zu verändern, kommentiert wird. Vielleicht hat auch Faldbakken sich nichts anderes dabei gedacht, als er seine genialen Müllsäcke einrahmte und die Halle in eine temporäre Müllhalde verwandelte, bei der sich der Abfall unserer  Hyperindustriegesellschaft oder vielleicht auch die Ejakulationen einer sexuellen Zwangsgesellschaft bei jedem Schritt mehr und mehr in die Sohlen frisst…

Text und Fotos: Phire