Kritik - Snow Piercer

Kritik - Snow Piercer "I belong to the front, you belong to the tail." -  Filme über (Umwelt)katastrophen, welche mal mehr, mal weniger von den Menschen selbst herbeigeführt wurden, gab es in der Vergangenheit viele. Und nur die wenigsten verströmten bislang den nötigen Esprit, um das Kino-Publikum komplett überzeugen zu können. Zuletzt versuchte sich Regisseur Roland Emmerich, seines Zeichens Dirigent so manch inhaltlich flacher, und daher weniger intelligent-unterhaltsamer Blockbuster-Zerstörungs-Operetten, mittels des unteren Blockbuster-Mittelmaßes "The Day After Tommorrow" an dem US-amerikanischen Szenario, was geschehen würde, wenn die Menschheit dem Klimakollaps auf Mutter Erde vielleicht entgültig erliegen könnte. Es ist also keine leichte Aufgabe, dem mittlerweile ausgebluteten / vom übermäßigen hollywoodesken CGI-Effektspektakel-Konsum gebeutelten Genre des Katastrophenfilms wieder neues Leben einzuhauchen. 

Kritik - Snow Piercer

Und was liegt da erfrischenderweise näher, als sich zu diesem Zweck in Gefilden jenseits der US-amerikanischen Filmindustrie umzuschauen, beispielsweise dem südkoreanischem Kino. Welches Talente auf dem Regiestuhl wie Joon-ho Bong hervorbringt, der sich für ungewöhnliche Erfolge bzw. Genremixe wie "Mother" und "The Host" in der eigenen Heimat und auch auf internationalem Pakett verantwortlich zeichnet.  Als ungewöhnlich darf nun auch Joon-ho Bongs im Jahr 2014 künstlerisch-intellektuelle Umsetzung des Science-Fiction-Survival-Dramas aus eigenem Hause, "Snow Piercer", bezeichnet werden, welches auf der französischen Graphic Novel "Le Transperceneige" basiert. Und stets auf dem schmalen Grat zwischen entlarvender Gesellschafts-Groteske, erzählerischer Komplexität,  dann wieder einschneidend-brutaler Ernsthaftigkeit, folgerichtigen bestialischem Zaubertrick, rein-visuell gepflegter, Orwell´scher bis- Terry Gilliam´scher, fieberhafter Brazil-1984 Endzeit-Stimmung und zu guter letzt bissiger, hochaktueller Gesellschaftskritik unter Null Grad Klimatemperatur entlang balanciert. Es mangelt Dank Joon-ho Bongs fehlendem Fingerspitzengefühl in Sachen Regie lediglich von Beginn bis zum Mittelteil an der allerletzten Koheränz der wichtigsten Erzählabschnitte. Das Publikum muss nach dem Einstieg mit einigen wenigen, versandeten Nebenkriegsschauspielplätzen und dramaturgischen Längen vorlieb nehmen. Ebenso lässt die technische Umsetzung des Films die allerletzte Raffinesse vermissen. Und man bekommt trotz einer eigentlich moralisch-rechtlich vorherrschenden Grauzone, also den  armen, gehobenen UND reichen Teilen einer Gesellschaft, welche an eine klassische Deus-Ex-Machina der modernen Videospiel- und Filmpopkultur, also eine ewige, lebenserhaltende und alles beherrschende Maschine, hier dem "Snowpiercer" angeschlossen ist, zunächst immer nur das Gefühl dafür, als würde der Kampf "Gut gegen Böse" auf dem "Snowpiercer" zwischen allen Parteien ausgetragen werden. Etwas spät bemühen sich Script und Regie darum, diese einfachen Erzähl-Konstellationen zu Gunsten des Publikums erfolgreich aufzubrechen, vor allem wenn Tilda Swinton etwas über die Geheimnisse der gesellschaftlich-wirtschaftlichen Zusammenhänge einer fernen Gesellschaft als Abbild der Moderne preisgibt. 

Kritik - Snow Piercer

"Quo Vadis, oder willkommen, schöne neue Welt?" -  Und auch nicht jede der für das Publikum interessant erscheinenden und gut bis hervorragend verkörperten Figuren, beispielsweise Tanya (Oscargewinnerin Octavia Spencer, "The Help" ) und Gilliam (Schauspiellegende John Hurt, "Alien"), bekommen Dank des Drehbuchs von Kelly Masterson und Joon-ho Bong selbst immer den notwendigen Platz zur Entwicklung eingeräumt. Sie werden gerade zu Anfang, wenn "Snow Piercer" etwas zu sehr wie aus dem thematischen Kontext gerissen bzw. erzählerisch stark komprimiert wirkt, also wenn man in das so wichtige Endzeit Szenario als Publikum wie ins sprichwörtliche kalte Wasser befördert wird und nichts über die näheren Umstände einer kollabierten Welt erfährt, nur unter Zuhilfenahme gängiger Charakterschablonen eingeführt. Man muß Joon-ho Bong an dieser Stelle aber zu Gute halten, das die eigenen Figuren in den entscheidenden Momenten aber  niemals selbst komplett der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Trotz Tilda Swintons amüsantem, bewußtem Freak-Show Overacting als geistesgestörter, mit falschen Zähnen ausgestatteter "Hofnärrin" Mason, die sich als eine kleine, aber sehr kluge Verballhornung diverser, modern-global-diktatorisch-politischer Rechter-Hand-Machtstrukturen und auf spezieller Meta-Ebene als eine lockere Persiflage auf diverse antagonistische Sidekick-Klischees des US-amerikanischen Action-Films der letzten 3-4 Dekaden offenbart. Und gleichzeitig ein bemitleidenswertes Opfer des wahren, von den überraschenderweise eigenen Umständen getriebenen und nicht von Natur aus bösartigen Gegenspielers Wilford ist. An dieser Stelle wird also ein weiterer Bruch mit den üblichen Figurenkonstellationen des US-amerikanischen Blockbuster-Kinos bewußt vollzogen. Der etablierte Status Quo der Gesellschaft im "Snow Piercer" hingegen ist vordergründig betrachtet kein gerechter, aber wäre es denn überhaupt besser, diesen aufzulösen? Von Proteinhäppchen, die aus Bestandteilen der Natur hergestellt werden, lässt sich doch gut leben, wenn man keinen weiteren Raubbau an der Natur betreiben würde, oder etwa nicht?

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Würden die Menschen sich denn jemals ändern, falls der "Snowpiercer" angehalten, man ausbrechen und wie unsere Vorfahren wieder von vorne in der Welt beginnen würde, wenn erneut in Höhlen gelebt und Tiere zwecks des überlebens wieder erlegt werden müssen? Und man nicht schon vorher bereits komplett ausgestorben wäre? Wäre man daraufhin aber nicht einem ewigen Zyklus erlegen, der bestimmt, das auf das Gute zwangsläufig irgendwann wieder das Schlechte folgen muß? Joon-ho Bong lässt diese Fragen am Ende von "Snowpiercer" offen: so clever, so profan. Am Ende hinterlässt "Snowpiercer" trotz aller narrativen Intelligenz also einen eher gewollt-ernüchternden Eindruck.  Vielleicht wäre es nach aller analytischer gesellschaftskritischer Betrachtungsweise in "Snowpiercer" am Ende auch wirklich besser, das die Menschheit sterben würde. ODER? Sei es drum: Wer wirklich eine Veränderung auf unserer Welt in Sachen wirtschaftlich-politisch-gesellschaftlicher Machtstrukturen herbeiführen möchte, muß einfach einen Weg finden, sich bei aller wiedergefundenen Selbstbestimmung, welche durch die Rückkehr in Natur illustriert wird, in eine ganz andere Richtung weiterzuentwickeln. Aber in welche? Joon-ho Bong findet auf diese Frage am Ende seines gesellschaftskritischen Science-Fiction-Dramas "Snow Piercer" keine passende Antwort. Und somit offenbart sich dessen Film weniger als "echtes", visionäres Drama, welches für gänzlich neue Impulse im Genre sorgt, sondern nur als ein ordentlich zu konsumierender Blockbuster, bei dem sich am Ende auf Grund der nicht ganz perfekten Abstimmung ein wenig Eis im Getriebe befindet. Und der etwas intelligenter / hintersinniger als die mittlerweile übliche Film-Masse Hollywoods daherkommt. 

Kritik - Snow Piercer

"Snowpiercer" steigert sich qualitativ, also erzählerisch und dramaturgisch, von der ersten Minute an, bis irgendwann der level-mäßige, inszenatorische Punkt erreicht wird, an welchem sich Joon-ho Bong an dem austoben seiner Protagonisten wie bei einem bizarrem Bühnenspiel künstlerisch regelrecht ergötzen darf, in welchem Literweise Hohn und Spott über die Köpfe der Protagonisten Dank deren zum Teil dummen Aktionen ausgegossen wird: besonders in den Momenten wird mit der grausamen und alles zerstörenden Natur des Menschen der letzten Jahrhunderte auf satirischer (und auch visueller Ebene) abgerechnet, wenn Licht und Schatten während diverser Konfrontationen zu einer ambivalenten Einheit miteinander verschmelzen, beispielsweise wenn Regimgegener Curtis ( gut: Chris Evans) und seine Mitstreiter der Gegnerschaft zunächst im dunkeln zum Opfer fallen, dieser aber auf Grund späterer wieder teils vorherrschender Helligkeit mit der gleichen, unerbittlichen und zu kritisierenden Härte den Garaus machen dürfen. Und sich dazu auch mal auf die sprichwörtliche bis echte Nase legen dürfen, beispielsweise wenn man auf einem Fisch in symbolisch-humorvoller Art und Weise ausrutschen darf: die Gesellschaft landet auf dem Boden. "Snowpiercer" überrascht während dieser Momente mit einem künstlerischen, inszenatorisch-aufgezogen Bann, dem das Publikum sich dann nur schwer zu entziehen vermag. Und dieser Bann ist in der ewigen Blockbuster-Gleichmacherei Hollywoods mittlerweile selten geworden.  
Fazit: "Snow Piercer" empfiehlt sich somit als ernstzunehmendes Kontrastprogramm zu den üblicherweise inszenierten Emmerichen Katastrophen-Desastern. Joon-ho Bong´s Science-Fiction-Gesellschaftsdrama ist also trotz Schwächen am Ende zu einem sehr sehenwerten und besserem Stück Film 2014 geraten.

Wertung: 7.5/10 Punkte