Kreative Selbstausbeutung

Sascha Lobo, der aus der Fernsehen bekannte Internet-Erklär-Bär mit der vodafonefarbenen Retrofrisur, und Holm Friebe, ein weniger bunter, aber dennoch eifriger Schreiber von allerlei Werken, die das nächste große Ding werden und wenn nicht, wenigstens irgendwie glücklich machen, werben schon seit geraumer Zeit für engagierte Selbstausbeutung unter eigener Marke bzw. Verantwortung. Beispielsweise in dem Buch Wir nennen es Arbeit, mit dem sich das kreative Prekariat der Bundeshauptstadt vor einigen Jahren als digitale Bohème feiern konnte.

Die Arbeitsbedingungen für junge (und auch für nicht mehr so junge) Kreative sind schlecht, daran besteht kein Zweifel. Wer einen Job als Medien- oder Webdesigner, Werbefuzzi, Projektheini, Schreibsklave bei irgendein Internetnetmagazin oder ähnliches hat, wird in der Regel schlecht bezahlt und muss im Grunde ständig verfügbar sein. Ich weiß, wovon ich rede, ich lebe seit Jahren selbst unter solchen Umständen. Nur werden sie keineswegs besser, wenn man sich in Eigenregie selbst ausbeutet. Gut, für die oben genannten Musterkreativen mag das anders ausgegangen sein, wenn man ständig gegen ein ordentliches Honorar darüber reden darf, wie geil das doch ist, wenn man sein Büro immer dabei hat, dann ist es vielleicht tatsächlich ganz nett.

In der Süddeutschen haben sich Lobo und Friebe jedenfalls wieder ausführlich darüber verbreiten dürfen, wie herrlich das freie, selbstbestimmte Leben als selbstständiger Ein-Mann-Kreativ-Betrieb sein kann. Interessanterweise ist Lobo/Friebe durchaus bekannt, dass sehr viele Selbständige nicht über die Runden kommen und mit Hartz IV aufstocken müssen, um überhaupt zu überleben. Und wer ist daran schuld, dass es so ist? Diese blöden Selbständigen selbst, die sich gegenseitig ihre Preise herunterkonkurrieren! So jedenfalls die scharfsinnige Analyse der erfolgreichen Selbstvermarkter: Mindestens 250 Euro Tagessatz müsse man schon nehmen.

Klar Jungs, das ist die Lösung! Und wenn man diesen Tagessatz nicht kriegt, dann macht man es halt nicht. Dann muss man seinem Vermieter nur mitteilen, dass es diesen Monat halt keinen gab, der anständig zahlen wollte, und dann fragt der auch nicht mehr blöd, wann denn endlich die Miete kommt. Und das Essen lässt man dann einfach auch mal sein, Hauptsache, man arbeitet nicht unter Caffè-Latte-Niveau. Warum Leute denn überhaupt einen günstigeren Satz anbieten (müssen), interessiert diese freiheitsbesoffenen Labertaschen gar nicht. Es ist ja nun keineswegs so, dass die Leute lieber für weniger Geld arbeiten wollen – die wollen überhaupt irgendwas verdienen! Das ist der Punkt. Und wenn keiner bereit ist, 250 Euro pro Tag für irgendwelches Kreativgedöns zu zahlen, dann macht man es halt für weniger. Weil man sonst gar nichts verdienen würde.

Aber Lobo und Friebe tun tatsächlich so, als ob es darum ginge, was die kreative Arbeit tatsächlich wert wäre. Dabei sollte jedes Schulkind längst kapiert haben, das Arbeit (wie alles andere auch) immer nur das wert ist, was der Markt hergibt! Interessant, dass ausgerechnet digitale Neoliberale vom Schlage Lobo/Friebe das offenbar nicht blicken: Lobo findet es einfach ungerecht, dass die Rahmenbedingungen für Selbständige gerade aus Kultur- und Kreativberufen so schlecht sind. Und lamentiert darüber, dass die Künstlersozialkasse zwar Gaukler aufnimmt, nicht aber Entwickler von Computerspielen. Friebe darf das Schusswort sprechen, das da lautet:

„Selbständigkeit macht einen zu einem vollständigeren Menschen. All die Widrigkeiten zu meistern und die Freiheit zu spüren, ist was ganz anderes als die Tretmühle Angestellten-Alltag. Wie eine Marionette im Firmen-Kasperltheater zu hängen, vermisse ich echt nicht.“

Ganz ehrlich: Das würde ich auch nicht vermissen. Aber die Gewissheit, dass jeden Monat ein bestimmter Betrag auf mein Konto kommt, von dem ich meine Fixkosten bestreiten kann, schon. Nicht, dass ich keine Widrigkeiten zu meistern hätte, davon habe ich mehr als genug. Und ich krieg vieles davon hin. Trotzdem wäre mir sehr viel lieber, mit weniger Widrigkeiten zu kämpfen zu haben. Wozu überhaupt Geld verdienen müssen? Mit ein bisschen Kreativität ließen sich diese ganzen Alltagsprobleme schon in den Griff bekommen. Aber darum geht es ja gar nicht!

Dieses ganze Gerede vom freien Arbeitsleben und selbstbestimmter Flexibilität täuscht nur darüber hinweg, dass die Arbeitsbedingungen für alle immer schlechter werden. Unsere wohlmeinende Regierung streicht die Ausgaben für Kunst und Kultur zusammen, wo es nur geht. Es gibt wichtigere Dinge, Banken retten, Kriege finanzieren, Steuern senken und so weiter und so fort. Die meisten Leute haben immer weniger Geld in der Tasche, um sich an Kunst und Kultur zu ergötzen, da kann man noch so selbständig sein und sich im eigenen Kasperl-Theater einen abhampeln. Die Lebenshaltungskosten steigen immer weiter, während die Reallöhne sinken – da ist völlig egal, welchen Tagessatz die oberselbständigen iPad-Surfer angemessen finden. Es liegt nämlich nicht daran, dass die ganzen Aufstocker-Selbständigen einfach nur zu blöd sind. Sondern dass es unter Konkurrenzbedingungen wie sie nun einmal herrschen, nicht nur Gewinnner geben kann. Und je mehr Selbständige miteinander konkurrieren, desto mehr bleiben am Ende auf der Strecke.



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