Konzepte sind Mist

Abgelehnt: Gustav Mahler

Abgelehnt: Gustav Mahler

Wenn Gustav Mahler einen Förderantrag für seine 6. Sinfonie gestellt hätte, dann hätte sein Konzept vermutlich ungefähr so gelautet:

In meiner neuen Komposition möchte ich den inneren Zwiespalt der menschlichen Existenz durch die mehrfache Gegenüberstellung eines Dur- und eines Moll-Akkordes ausdrücken. Dazwischen führen vorwärtsdrängende Rhythmen durch verschiedene Tonarten, während das thematische Gerüst von fanfarenartigen Motiven getragen wird.

Der Antrag wäre wahrscheinlich abgelehnt worden.

»Existenzieller Zwiespalt, dargestellt durch einen Dur-Moll-Gegensatz?« – Pah, hat doch bereits vor zehn Jahren Richard Strauss in „Also sprach Zarathustra“ gemacht!

»Vorwärtstreibende Rhythmen?« – Seit Jacques Offenbach ein alter Hut!

»Fanfarenartige Motive?« – Hey Junge, mal was vom Walkürenritt gehört?

Na, ein selten altbackenes Konzept!

Sehr geehrter Herr Mahler,

nach eingehender Beratung konnte sich die Jury leider nicht entschließen, Ihr Projekt „Sinfonie Nr. 6“ zur Förderung vorzuschlagen. Aufgrund unserer begrenzten Mittel müssen wir uns leider auf eine Auswahl von Projekten beschränken, die uns durch ihren innovativen Charakter als besonders zukunftsweisend aufgefallen sind. Wir bedauern, dass Ihr Vorhaben nicht darunter ist. Sie sind jedoch herzlich eingeladen, sich im nächsten Jahr wieder zu bewerben.

Mit freundlichen Grüßen

Und eines der großartigsten, neuartigsten und eigenwilligsten Werke der Musikgeschichte wäre niemals geschrieben worden.

Das Problem dabei ist nicht, dass die Jury zu dumm oder zu unmusikalisch für Mahlers Musik gewesen wäre. Das Problem ist, dass die Jury nach Konzepten entscheidet – und nicht nach Visionen.

Nun gut. Der Begriff „Vision“ klingt erstmal pathetisch und erinnert an den alten Kalauer, man müsse im Anschluss zum Arzt. Ich verwende ihn hier aber bewusst als Gegenbegriff zu „Konzept“, weil gerade diese Gegenüberstellung die Mängel des weithin unhinterfragten Entscheidungsmaßstabs „Konzept“ am deutlichsten macht.

Was ist eine Vision? Sie ist – im Gegensatz zum Konzept – subjektiv und unreflektiert. Sie ist nicht sauber begrifflich geordnet und aufgeschlüsselt, sondern vage, wild und komplex, eine bloße Ahnung dessen, was werden kann. Während sich das Konzept ans begriffliche Denken wendet, sind in der Vision Denken, Fühlen und Wollen vermengt. Die Vision ist wie ein kurzes Blitzlicht, das den Palast kurz vor dem inneren Auge aufblitzen lässt. Das Konzept ist der Bauplan.

Das Verhältnis des Konzepts zum Kunstwerk ist prinzipiell ein unvollständiges. Das Konzept determiniert das Kunstwerk nicht (höchstens bei sehr schlechter Kunst, oder eben bei Konzeptkunst, von der hier nicht die Rede ist). Das Konzept ist ein bloßes Skelett. Ihm wächst von selbst kein Fleisch. Das Fleisch muss vom Künstler hinzugegeben werden. Das beste Konzept ist nichts wert, wenn der Künstler nichts interessantes draus macht.

Das Verhältnis der Vision zum Kunstwerk ist hingegen ein ahnendes. Die Vision determiniert das Kunstwerk ebenfalls nicht – aber sie determiniert den Künstler. Wenn sie stark genug ist, dann trägt sie den Künstler weiter, bis der Palast in Wirklichkeit so aussieht, wie er im Blitzlicht aufgeflammt war. Mahler muss eine sehr starke Vision gehabt haben, bevor er die 6. Sinfonie schrieb. Dummerweise kann man ein Blitzlicht nicht in einen Förderantrag bannen.

In einer Zeit, wo Komponisten sich (mehr als vor hundert Jahren) um jeden Auftrag neu bemühen müssen, und wo zudem ein cooler, unemotionaler Begriff wie „Konzept“ ungleich schicker rüberkommt als das romantisch aufgeladene Wort „Vision“, ist ersteres vielerorts zum wichtigsten Standard für die Beurteilung von Projekten geworden.

Ich halte diese Entwicklung für fatal. Nicht nur, weil sie die Dimensionen des künstlerischen Wirkens auf das verstandesmäßig beschreibbare und verbal kommunizierbare reduziert. Sondern vor allem, weil sie latent systemstabilisierend und innovationsfeindlich ist. Das Altbekannte, die Avantgarde von heute vormittag ist immer gut beschreibbar. Man muss den common sense, das „Momentan-als-neu-Geltende“ nur minimal modifizieren, um den Eindruck zu erwecken: wow, das ist innovativ, das ist aufregend!

Das wirklich Neue hingegen lässt sich fast gar nicht verbal kommunizieren – schon allein, weil dem Gegenüber, wenn die Sache wirklich neu ist, zwangsläufig die Kraft fehlen muss, sich dieses Neue, was es eben noch gar nicht gibt, vorzustellen. Das beste Argument für das Neue ist, es zu machen – und die Zuhörer zu der erstaunten Reaktion zu bringen: sowas hab ich noch nie gehört. Ich wusste nicht, dass es das überhaupt geben kann. Und dazu braucht es das Kunstwerk in seiner fertigen, irreduziblen Gestalt. Mit Fleisch und allem drum herum. Das Konzept „Ich mache etwas ganz innovatives!“ ist naheliegenderweise Quatsch.

Selbstverständlich sind halbwegs objektivierbare Kriterien nötig, um Aufträge und Förderungen zu vergeben. Die Mittel sind ja tatsächlich begrenzt. Stammelnd vorgetragene Visionen können nur für den Künstler selbst überzeugend sein. So mancher, der großes plant, macht dann eben doch nur Mist.

Doch es gibt ja ein objektivierbares Kriterium: Das, was der Künstler bisher gemacht hat. Die fertigen Werke. Die fleischgewordenen Visionen. Sie sollten viel stärker als gewöhnlich – ja eigentlich als einziges Kriterium – herangezogen werden. Wenn sie was taugen, aufregend und neu sind, dann braucht der Künstler gar kein Konzept mehr vorzulegen. Dann darf man ihm einfach mal vertrauen. Und das sollten die Geldgeber auch tun. Ansonsten gewinnt nur einer – die Konvention.


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