Konstruktives Nichttun


„…Gewaltfreie Aktionen sind nicht nur eine Alternative zu Demonstrationen, sie sind inzwischen unabdingbar, wenn man das System tatsächlich verändern will. Wir sind an einem Punkt, an dem es bei weitem nicht mehr ausreicht, Forderungen an Politiker zu stellen und dafür auf die Straße zu gehen. Die repräsentative Demokratie funktioniert augenscheinlich nicht mehr – vor allem im Zuge der Krise des Kapitalismus.

Politik und Wirtschaft dienen nicht mehr dem Gemeinwohl, sondern den Interessen einer kleinen Elite. Der Wille des Volkes, bei dem eigentlich alle Macht liegen sollte, spielt keine Rolle mehr. Das gilt nicht nur für Länder wie Griechenland, Spanien und Italien. Auch in Deutschland handeln die Regierungen nicht im Sinne der Bevölkerung. Als Beispiele seien hier nur die Waffenexporte an Saudi-Arabien, der Afghanistan-Krieg, die Hartz IV-Gesetze oder das Betreuungsgeld genannt.

“[Zur gewaltfreien (direkten) Aktion] greifen Kontrahenten in Situationen, in denen es schwierig oder fast aussichtslos scheint, durch demokratische Verfahren einen Konsens über Gerechtigkeit und die dafür erforderlichen Wandlungen herzustellen.” (Theodor Ebert)

Es wäre falsch, angesichts der ausbleibenden Erfolge der Protestbewegungen auf Gewalt zu setzen. Damit würden nicht nur alle möglichen Alternativen verneint und mitunter verheerende Folgen in Kauf genommen, sondern auch ein aussichtsloser Kampf angetreten:

“Gewaltfreiheit greift den staatlichen Gegner nicht dort an, wo er am stärksten ist: beim Monopol der Gewalt. Sondern dort, wo er am schwächsten ist: bei der Legitimation seiner kriegerischen Aktivitäten.” (Renate Wanie)

“Das der Industriegesellschaft angepasste Äquivalent zum bewaffneten Kampf oppositioneller Kräfte ist der zivile Ungehorsam. Charakteristisch für diesen ist, dass bei der öffentlichen Übertretung von Gesetzen die Akteure sich auf übergeordnetes positives Recht oder auch das Naturrecht oder die Freiheit des Gewissens berufen.” (Theodor Ebert)

Aktivisten, die an einer gewaltfreien Aktion teilnehmen, reagieren auf ein Unrecht. Dieses Unrecht steht im Mittelpunkt der Aktion – und nicht die Kritik derer, die für den Missstand verantwortlich sind. Vielmehr wird eine Verbindung hergestellt zum eigenen Verhalten bzw. der eigenen Verantwortung:

“Im Unterschied zum gewaltsamen Widerstand ist gewaltfreier Widerstand die Äußerung von geistiger, psychischer, moralischer Kraft. Diese Stärke erweist sich vor allem im sehr bewussten, spezifischen Nichttun dessen, was als Teilhabe am Unrecht genannt werden könnte (im Unterschied zum allgemeinen Nichtstun).” (Egbert Jahn)

Auf der einen Seite geht es darum, mit Argumenten zu überzeugen: Wenn ich ein Gesetz breche, weil ich mir meiner Mitverantwortung bewusst bin und deswegen eine Gewissensentscheidung treffen muss, konfrontiere ich meinen politischen Gegner mit seiner eigenen Verantwortung, anstatt ihn aggressiv anzugreifen und zu kritisieren. Er muss Stellung beziehen. Wenn er sich hingegen physisch gegen mich verteidigen müsste, würde er sich im Recht sehen.

Auf der anderen Seite kann ich zumindest darauf hoffen, dass meine eigene Gewaltfreiheit dazu führt, dass auch der Gegner keine oder wenig Gewalt anwendet. Natürlich gibt es dafür keine Garantie – und leider auch genug Gegenbeweise. Dennoch gebe ich zumindest keine zusätzliche Legitimation für Unterdrückungsmaßnahmen und kann mich – wie bei den Blockupy-Protesten in Frankfurt – darauf berufen: “Wir sind friedlich. Was seid ihr?” Das wiederum kann Sympathien wecken bei den vielen Menschen, die sich noch nicht aktiv an den Protesten beteiligen.

Auch wenn die Aktionen häufig davon abhängen, dass eine gewisse Zahl von Personen zusammenarbeitet und gemeinsamen Absprachen folgt, entscheide ich zu jeder Zeit selbst, ob ich mich beteilige. Es sind “personale Aktionen”, das heißt jeder Akteur folgt seinen eigenen Überzeugungen und steht für sich als identifizierbare, zivile Person.

“Politisch kommt es meines Erachtens darauf an, möglichst vielen Menschen kritische Inhalte näher zu bringen und sie zu ermuntern, sich zu wehren. Radikalität besteht nicht darin, unter Gleichgesinnten Bekenntnisse zur Notwendigkeit von Revolution auszutauschen. Der Wandel der Gesellschaft kann nicht ohne Änderungen im Bewusstsein der ‘Normalbürger’ und ohne ihre Mitwirkung erfolgen. […]

Die gewaltfreie Bewegung wendet sich auch und gerade an Menschen, die für die bestehende Gesellschaft typisch sind, an die Vielen, die unter den Verhältnissen leiden, die sich aber (noch) nicht bewusst sind, wie ihr Leid zustande kommt, wer davon profitiert und vor allem, dass ihr eigenen Verhalten (mitmachen statt widerstehen) dazu beiträgt, dieses gewalthaltige System aufrecht zu erhalten.” (Wolfgang Hertle)
Selbstorganisation ist der Schlüssel

Genau darauf kommt es an: Selbstorganisation. Die Welt wird sich nicht ändern, wenn wir unsere Verantwortung abgeben und delegieren. Unsere Forderungen werden nicht erhört werden. Wenn wir selbst entscheiden wollen, wie wir gemeinsam leben und wirtschaften, müssen wir dem System soweit wie nur möglich unsere Unterstützung entziehen und selbst aktiv werden.

Wir können das Unrecht nur bekämpfen, indem wir unsere Verantwortung wahrnehmen und daran nicht mehr teilnehmen. Und im Grunde sollte uns diese Entscheidung nicht besonders schwer fallen. Schließlich könnte eine bessere Welt auf uns warten. Eine, in dem wir nicht mehr jedes Wochenende auf die Straße gehen müssen.

Quelle und gesamter Text: http://www.freitag.de/autoren/schlachtreif/konstruktives-nichttun


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