Konsequent Inkonsequent

Neulich war ich mit meiner Tochter auf dem Sommerfest der ARCHE IntensivKinder in Tübingen.
Eine Intensivpflege- und Rehaeinrichtung für Kinder mit Tracheostoma, also Kinder die beatmet werden.
Ebenfalls anwesend war Tatort-Komissar Richy Müller mit seiner Frau.
Richy Müller ist Botschafter für die ARCHE IntensivKinder.

“Willst Du einen Kuchen?”
“mmmmmh, Nein”
“Okay”
“mmmmh, Doch”
“Na gut, sicher?”
“Ja”

Es besteht eine riesen Auswahl an selbsgebackenem Kuchen und sie sucht sich einen Schokokuchen aus, ich gönne mir ein paar selbstgemachte flammende Herzen sowie ein Stück Linzertorte und Kaffe.
Wir schnappen unsere Teller und ich balanciere die Kuchen und Kaffe hinaus auf die Terasse, suchen einen gemütlichen Platz und setzten uns.
Vielleicht muss ich noch kurz anbringen dass das “Wir”, wenn es ums tragen o.ä. geht, eigentlich aus einem “Ich” besteht. Aber Ihr kennt das Ja!

In der Nähe sitzt bereits ein Paar dass uns kurz im vorbei gehen anlächelt und wir setzen uns auf die Bank.
Ich stelle den Kuchen auf den Tisch und meine Tochter leckt schon mal die Schokoglasur ab.
Gerade möchte ich müber den leckeren Kuchen herfallen sowie ein Schluck Kaffe nehmen als meine Tochter zu mir rüber schielt und ganz trocken meint: “Satt”
verdutzt sage ich:”Du hast doch gerade mal die Schokoglasur abgeleckt? Und du bist satt?”
“Ja”
Ich schaue auf meinen Teller, in meine Tasse und stelle fest dass ich weder einen Schluck des Kaffe noch eine Gabel meines Kuchens vertilgt hatte.
“Jetzt iss doch Deinen Kuchen, Du wolltest Ihn doch”
“Nein”
“Na und für was haben wir den dann geholt?”
“Keine Ahnung”
Meine Tochter ist an diesem Tag die “Königin der guten Laune” und “Keine Ahnung” ist gerade der abolute Hit. Bitte beachte die leicht hervor gehobene Ironie in diesem Satz.

Wie das nun so ist schaukelt sich das ein wenig hoch. Ich möchte noch meinen Kuchen essen und den Kaffe trinken, sie will spielen.
Nur geht das eben nicht auf dieser Terasse!
Die Frau des neben uns sitzenden Paares reagierte und verwickelt meine Tochter in ein super liebes Gespräch.
Meine Tochter unterhält sich im Rahmen Ihrer Möglichkeiten mit Ihr.
Ihr Mann beginnt sich mit mir zu unterhalten und stellt mir im Laufe des Gesprächs folgende Frage:
“Wie ist das eigentlich, behandelt man ein Kind anders wenn es behindert ist?”
Erst verneine ich ich das aber nach kurzem zögern wurde mir klar dass die Aussage so nicht stimmt.
“Ich versuche sie normal zu behandeln aber es ist nicht einfach. Ich denke dass ich unbewußt vieles hinnehme, akzeptiere und übersehe da ich die ganze Geschichte kenne. Die Klinikaufenthalte, Ihre Krankheitsgeschichte und all das lassen mich in der Ein- oder Anderen Situation doch anders handeln und inkonsequenter sein als dass ich es gegenüber einem “gesunden” Kind wäre”, gebe ich zu und korrigiere meine erste Aussage.
Das Gespräch kann leider nicht vertieft werden da die Köningin der guten Laune beschlossen hat dass die Unterhaltung nun auch langsam langweilig ist.
Auf die Schnelle jage ich noch eben den Kaffe hinunter, Stecke mir das letzte Stückchen Kuchen in die Backentaschen und laufe mampfend, mit Bakcen wie ein Eichhörnchen auf Nüssesuche mit Ihr in Richtung Spielstraße.
Die Frau mit der sie eben noch gesprochen hatte schnappte sich mit dem Kommentar:”Ach kein Problem, wir haben eine Bäckerei” kurz das Geschirr und hilft mir das zurück ins Haus zu bringen.

Behandelt man ein Kind anders wenn es behindert ist?

Für mich selbst kann ich das mit einem klaren “Ja” beantworten, das muss ich zugeben.
Meine Tochter bekommt ärger wenn sie etwas ausfrisst, es resultieren Konsequenzen aber oftmal lassse ich mich zu sehr erweichen.
Das ist ein Fehler und das weiß ich auch aber er ist menschlich.
Ich kann die Bilder nicht ausblenden wie sie als Kleinkind an Schläuchen angeschlossen ist.
Wie sie Tage- und Nächtelang im Krankenhaus kuscheln wollte.
Wie enttäuscht sie war wenn wir zu Ihr sagen mussten dass sie im Bett des Krankenhauses bleiben muss da sie nicht aufstehen kann.
Die Bilder von Sanitätern die Kanülen legen, Medikamente verabreichen und wie im Wohnzimmer Verpackungen und Gummihandschuhe der Sanitäter verstreut liegen.
Die Blicke die sie uns zugeworfen hat als fremde Menschen um sie herum standen um sie zu versorgen, sie pieksen und für den Transport vorbereiten.
Die Bilder wie sie in den Krankenwagen geschoben wird.
Die Bilder wie sie nach einem Anfall mit aller Macht versucht zu krabbeln aber ständig auf Ihre rechte Körperseite fällt weil sie nach einem Anfall für eine Weile rechtsseitig gelähmt ist.
Die Bilder wie sie andere Kinder bewundert, beklatscht und sich für sie freut weil sie so schön und furchtbar schnell rennen können.
Wie sie nicht verstand was mit Ihr los ist und wie sie mit ihren blonden Löckchen auf mich schaut.
Sie liebt Ihre Mama und sie liebt Ihre Geschwister genau so wie sie mich liebt aber Ihre Mama ist Krank und kann sich nicht so um sie kümmern wie ich.

Das alles zusammengefasst lässt erklären warum ich sie wohl anders behandle.
Und es ist mir vollkommen bewußt dass dies nicht immer richtig ist.
Einfach ausschalten? Alles ausblenden? Das geht nicht!

Man gibt sein bestes Sie aufs Leben vorzubereiten und regeln zu manifestieren. Viele regeln hat sie trotz der Inkonsequenz gelernt und trotzdem hapert es hier und da.
Dafür hat sie eine unglaubliche Entwicklung hinter sich und wird auch weitere Entwicklungsschübe vor sich haben und ich werde sie hierbei jederzeit und mit allen Mitteln unterstützen.

Auch werde ich sie weiterhin selbst Ihre Grenzen testen und lernen lassen.
Wenn sie mir nicht glaubt dass etwas weh tun könnte, dann muss sie es erfahren.
Kinder lernen aus Erfahrung und Erfahrung lernt man durch bewegen, testen, ausloten und probieren.

Wir machen weiter und wir gehen weiter unseren Weg.
Mit jedem Tag an dem sie größer wird erhöhe ich meinen Anspruch an mich aber auch an Sie und ich werde weiter lernen Dinge ausblenden zu müssen.

Meine Entwicklung, genauso wie Ihre Entwicklung ist noch lange nicht am Ende!

Übrigens, wie ich später heraus finden sollte war dieses, mir unbekannte Paar, Richie Müller und seine liebe Frau.
Ich muss, zu meiner Schande, gestehen dass ich kein Tatort-Zuschauer bin und erkannte Ihn daher nicht.

Und falls Du das eines Tages lesen solltest:
Nun kennst Du die ganze Antwort auf Deine Frage.
Vielen Dank für die Frage, vielen Dank für das Gespräch und Deiner Frau möchte ich für Ihre liebevolle und freundliche Art im Umgang mit meiner Tochter danken.
Die Geschichte die Du den Kindern vorgelesen hast war unheimlich toll!
Dein Arrangement für die IntensivKinder finde ich einfach fantastisch!


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