Kolumne: Bettinas Briefe ans Volk

Ich bin wieder hier
In meinem Revier
War nie wirklich weg
Hab mich nur versteckt
Ich rieche den Dreck
Ich atme tief ein
Und dann bin ich mir sicher
Wieder zuhause zu sein

Liebes Volk,

ich bin´s. Deine Bettina. Deine First Lady der Herzen, Deine deutsche Lady Di! Ich bin wieder da, war nie richtig weg und bald werde ich auch einen eigenen Film haben! Dann bin ich für immer in Deinem Wohnzimmer, immer bei Dir. Mit dem Buch, das hat ja nicht so geklappt, aber Filme magst Du, das weiß ich. Wer “Rommel” guckt, guckt auch “Bettina”! Ich weiß auch schon, wie er heißt, der Film: Leben und Leiden der Bettina W. Super, oder?

Weil leiden, also, das tue ich ja genug. Jetzt, liebes Volk, wo ich keine Premiere Dame mehr bin, also, wo ich so bin wie Du, da treiben mich natürlich auch Deine Sorgen um. Ich bin jetzt frisch getrennt, eine allein erziehende Mama, ich werde arbeiten müssen, so richtig, und mich mit dem Christian um Unterhalt und unser Haus streiten. Das habe ich nicht verdient. Deine Sorgen sind jetzt meine. Banale Sorgen: Kann ich es mir noch leisten, jeden Tag essen zu gehen oder muss ich selbst kochen? Kann ich mir von meinem Unterhalt noch den Chauffeur leisten? Oder muss ich meine Söhne jetzt selber zur Schule fahren?

Oh, liebes Volk, ich bin Dir näher als jemals! Ich verstehe, wie hart das Leben ist, der Druck, die Existenzangst! Und natürlich betrachte ich kummervoll die Lage der Nation. Alltagssexismus, uh, ein böses Wort, das Dschungelcamp ist für den Grimmepreis nominiert und ich habe beschlossen, jetzt mal mit dem Nachrichtengucken anzufangen. Man verpasst ja soviel, wenn man nur in seinem eigenen Buch liest!

Und überhaupt suche ich gerade meine Rolle als Frau. Wie Du ja auch, liebes Volk! Und frage mich, ob ich zur Randgruppe werde, wenn ich als tapfere Mutter Latte Macchiato trinke? Oder muss ich dafür in Berlin wohnen? Ich bin so verwirrt. Geht das mit dem Arbeiten und dem Kinderhaben? Wenn ich keine Nanny mehr habe und meinen Chauffeur aufgeben muss? Oh Gott, harte Zeiten kommen auf mich zu. Aber was Du schaffst, das schaffe ich auch! Und ich werde gut aussehen dabei.

Nein, ich bin nicht weg, wie Du siehst! Ich bleibe bei Dir, niste in Deinem kollektiven Gedächtnis und gehe tapfer meinen Weg – als Frau.

Alles Liebe und bis bald, Deine Betty

Text von Marius Müller-Westernhagen “Wieder hier”