Köchleins Finger

Köchleins FingerWieder einmal hat mich mein Körper überrascht, aber ich wäre ja nicht der alte Rosen, wenn ich mich von einem einzelnen Finger aus dem Konzept bringen lassen würde 😉 Bevor jetzt wild spekuliert wird, wie es zur Erkrankung des Mittelfingers  (lat. stinkus mediis fingularis) kommen konnte, räume ich gleich mit den Gerüchten auf. Nein, er wurde nicht entzündlich, weil ich dem Deutschen Autofahrergruß No 1 zu oft gehuldigt habe, auch Fingerhakeln auf dem Oktoberfest scheidet aus, und selbst die Küchenarbeit ist nicht schuld daran (das war sogar meine Vermutung). Es war einfach ein blöder Tumor der sich an Sehne und Nerven festgesetzt hatte. Was für ein Scheiß! Doch Dr. Schätzchen, meine Hausärztin, empfahl mir sogleich den besten Chirurgen in der Stadt. Äh, also in der übernächsten Stadt. Quasi auf dem platten Land in einem kleinen Kaff, namens Wetter.

Dort bekam ich so schnell einen Termin, dass nicht mal Zeit war, um sich ausreichend zu sorgen, und die hätten mich auch sogleich eine Woche später zerschnitzelt, doch ich sagte, ich könne da nicht kommen.

„Wieso denn?“, fragte mich die MTA (Medizinisch technische Assistentin) erstaunt.

„Also nächste Woche muss ich Kuchen backen, da geht es eben nicht“, antwortete ich kleinlaut. Ich hatte so gar keinen Bock an meinem Geburtstag mit bandagierter Hand rumzulaufen, aber das wollte ich nicht sagen.

„Das ist schade, denn WIR hätten Zeit!“

Ich sag erst einmal nix, sondern setze mein Gewinnerlächeln auf und glotze ein bisschen lieb über die Theke, was anscheinend hilft.

„Na gut, wie ist es mit einer Woche darauf?“, flötet sie höflich zurück.

„Prima, nehm ich!“

„Aber vor 12 Uhr wird das nix. Wir geben Ihnen dann noch bescheid, da zuvor noch die Anästhesiebesprechung ist, verstehen Sie?“

Ich bin ja nicht blöd, denke ich, schließlich hab ichs am Finger, nicht am Kopp, doch ich nicke brav und höre mir alle Aufklärungstexte an. Sie kann ja nicht wissen, dass mir eben (also vor 2 Jahren) die Galle entfernt wurde und ich Vollprofipatient bin 🙂 Zwei Wochen später bin ich wieder dort und die nette MTA fordert mich auf, alle meine Sachen auszuziehen.

„Alle meine Sachen?“, echoe ich etwas konsterniert. Mit einem abschätzenden Blick sieht sie an mir runter, denn ich trage allerfeinsten Klinikzwirn. Birkenstock, Jogginghose und Hoody, schließlich muss ich mich einhändig wieder anziehen.

„Die Unterwäsche können Sie anbehalten, und werfen Sie sich dann bitte den blauen Kittel über, gleich kommt der Anästhesist.“

Schwups ist sie wieder verschwunden und ich ziehe mich aus. Jetzt bereue ich, dass ich die gestreifte Zebra-Style-Unterhose angezogen habe. Wie kam ich denn darauf, dass ich mit der Jogginghose in den OP darf? Lagerfeld hatte wohl doch recht, als er sagte, „wer Jogginghosen trägt, hat die Kotrolle über sein Leben verloren!“ Da platzt der Anästhesist in die Kabine. Auf Socken! Wer hat hier die Kontrolle über sein Leben verloren, fährt es mir spontan durch den Kopf.

„Guten Tag Herr von Rosen“, grinst er mir freudig entgegen. Wieder füllen wir etliche Fragebögen aus, obwohl ich alle Fragen schon x-mal beantwortet habe, aber was solls, ich hab ja keine anderen Termine heute. Dann kommt der Satz, den ich so nicht erwartet hatte und den zuvor niemand jemals zu mir gesagt hatte.

„Wenn ich Ihnen die Narkose gegeben habe, hören Sie auf zu atmen, aber keine Bange, das übernehme ich dann für Sie, dafür bin ich ja da.“

Dabei sieht er so fröhlich aus, wie der Kerl von der Lottozentrale, der einem den Geldkoffer nach Hause bringt. Entweder habe ich das bei den letzten 5 Operationen überhört oder die ganzen Einschläferer haben diesen Teil einfach weggelassen. Schämt euch! Ungläubig glotze ich ihn an.

„Sie könnten mich auch lokal betäuben“, behaupte ich schnurstracks.

„Das geht leider nicht, denn wir müssen sämliches Blut aus Ihrem Arm quetschen, weil der Doktor sonst die Nerven verletzen könnte. Diese Prozedur ist auch sehr unangenehm, weshalb immer unter Vollnarkose operiert wird“, beendet er seine Litanei.

Mist, denke ich, aus der Nummer komme ich in Unterhose nicht mehr raus, also gehe ich mit in den OP. Jetzt fällt mir wieder ein, dass ich die Kamera mitnehmen wollte, um Bilder von der Fingermetzelei machen zu lassen, aber hier wurde vorgesorgt, denn die MTA macht selbst ein Bild, leider wird es kein gutes, aber anschaulich ist es zumindest (oder etwa nicht?). Dr. Schmitt kommt (ich nenne dich Dr. Schnitt, überlege ich, während mir über den Zugang die ersten Schäfchenzählmedis eingelößt werden) und ausufernd begrüße er mich, beruhigt mich und spricht mir Mut zu.

„Guten Morgen“, damit ist sein Votrag beendet.

„Ich setze Ihnen jetzt die Maske auf Herr von Rosen“, erklärt mir Dr. Atmungsaktiv, „und Sie werden dann langsam schläfrig.“

Siedendheiß fällt mir ein, dass ich als Kontakt nur meine Büronummer hinterlegt habe, und dort wird vermutlich (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) niemand rangehen, um mich abzuholen, also puste ich durch die Gesichtsmaske.

„Ich muss Ihnen noch die Nummer meiner Frau geben, damit ich abgeholt werde. Falls ich nicht mehr aufwache, soll sie sich ruhig Zeit lassen und Sie können ihr sagen, dass mein Leben gut war.“

„Okay, richten wir so aus“, grinst mich die MTA an.

Langsam wird mir schwummerig und mein Körper ist bereits taub, also verabschiede ich mich.

„Äh, ich glaube ich bin dann gleich weg“, fasele ich.

„Angenehmes Schläfchen“, flötet der Schäfchenmeister.

„Viel Spaß bei der Metzelei“, höre ich mich sagen, und entschwinde im Tunnel. Nur wenige Sekunden später werde ich angeschrien.

„Atmen Sie! Atmen Sie kräftig durch!“, blökt mich Dr. Ohnmacht an.

Mir ist jetzt echt nicht nach aufwachen und mich vor dem ersten Kaffee so anschnauzen zu lassen, ist ein echter Aggressionsaulöser bei mir, dennoch ist der Störenfried erst ruhig, nachdem ich mich mit Luft vollgesoffen habe. Ist irgendwas schief gegangen, denke ich, oder machen die hier immer so ein Wind? Meine Zunge fühlt sich an wie mit einer Dampfwalze bearbeitet und ich nuschele.

„Oh Mann, ich könnte jetzt einen Kaffee vertragen.“

„Wir können gerne gleich einen Kaffee zusammen trinken“, teilt mir die MTA superfreundlich mit, aber mir ist jetzt nicht nach Praxisbrühe in meinem ladierten Körper.

„Ne, lassen Sie mal, ich meinte Zu Hause, mit einer richtigen Maschine zubereitet …“ Au weia, ich glaube mein Charm war noch im Koma. Jedenfalls verlässt die junge Assistentin wortlos das Zimmer und ich bleibe alleine zurück. Als ich endlich wieder einschlafen kann, kommt die MTA wieder und erklärt mir, dass meine Zeit im Ruheraum nun vorbei sei. Verdammt, denke ich, das haste davon! Ich hangele mich an der Wand hoch, sehe zum ersten Mal auf meine Hand, welche hübsch bandagiert ist, und bin froh über Hoody, Jogginghose und Pantoffeln. Ich schlurfe zum Wartezimmer und werde aufgefordert mich hinzusetzen, aber ich mach ja nie was mir gesagt wird, doch ich darf die Praxis nicht verlassen, aus Sicherheitsgründen. Pech für mich, aber ich bleibe stehen und warte darauf wieder zu mir zu kommen, während mir die junge OP Schwester „Lady Rabiata“, die Termine für die Nachuntersuchung gibt.

„Morgen kann ich nicht, aber am Nachmittag würde es passen“, gebe ich zu bedenken, denn schließlich kann und darf ich nicht Auto fahren.

„Wir haben nur am Vormittag Termine“, teilt sie mir resolut mit.

„Ich verstehe“, antworte ich aufmerksam und höflich. „Ich verstehe“ sage ich immer, wenn sich eine Situation durch Argumente oder Absprachen nicht lösen lässt. Das klappt im Berufsleben, im Alltag und natürlich in jeder Partnerschaft. So denkt der andere, dass alles geklärt und die Mitteilungen verstanden und akzeptiert wurden, obwohl diese Antwort nichts dergleichen verspricht. So nickt sie freundlich, ich warte auf Abholung und fahre Heim, endlich.

Um 11 Uhr am nächsten Morgen klingelt das Telefon und ich melde mich.

„Herr von Rosen, wir hatten heute um 8:30 Uhr eine Verabredung!“

„Eine Verabredung?“, frage ich.

„Ja, zur Untersuchung“, antwortet die MTA leicht gereizt, aber noch freundlich.

„Ich hatte ja gesagt, dass ich nicht kommen kann“, antworte ich wahrheitsgemäß, wohlwissentlich, dass ich die Gute natürlich habe auflaufen lassen, aber unter Einfluß von Schlafmitteln bin ich ab und zu kein Gutmensch 😉

„Werden Sie denn am Freitag kommen?“

„Ja, aber natürlich, wie versprochen“, flöte ich ins Telefon, und meine es dieses Mal auch so.

Klar hat mir Dr. Schnitt noch einen Satz gedrückt, weil er IMMER seine Patienten selbst untersuchen möchte, obwohl er und Dr. Schätzchen sich persönlich kennen und ich ihm sogar Grüße ausrichten sollte. Doch der Doc ist sozial-zwischemenschlich leicht harzig und lacht vermutlich nur im Privatleben. Für mich ist das völlig in Ordung, wenn nur ich der Clown bin, aber andere Opfer wären sicher mal über ein kleines Lächeln froh, gelle? 🙂

Die Biopsie ergab natürlich nix Schlimmes und 13 Tage später bekam ich die Fäden gezogen, nur damit mir Pepe eine halbe Stunde später die Hundeleine durch die Hand reißt und die verdammte Naht aufplatzt wie ein praller Ballon. Ich hab das dann mal zu Hause verpflastern lassen, weil Ärzte immer so anstrengend sein können, wenn ihre Patienten sich blöd anstellen 😀 Also, wenn euch die Narbe nicht gefällt, liegt es an mir und nicht am Chirurg. Der hat sein Bestes getan und mein Finger ist heute schon fast nicht mehr taub 😉

Warum ich so darüber schreibe? Weil ich mir von keiner Erkrankung vorschreiben lasse, wie ich mit ihr umzugehen habe und das Leben ist zu kurz, um ständig über sich selbst zu heulen 🙂

Euer Arno

Köchleins FingerKönnte echt besser aussehen 🙂

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