Klein rechnen und klein denken – ein Existenzminimum

In zahllosen Analysen ist derzeit zu lesen, dass und auch wie die Hartz-IV-Sätze von unserer kleinlichen Bundesregierung akribisch klein gerechnet wurden. Natürlich ist das ärgerlich und für alle blöd, die auf diesen Almosen angewiesen sind. Es ist ja auch viel zu wenig Geld, um ein halbwegs menschenwürdiges Leben zu führen, soviel ist klar.

Kürzlich traf ich einen Freund, der meinte, dass alles besser würde, wenn man endlich das Bürgergeld einführte. Auf den ersten Blick ist es ja auch eine charmante Idee, allen Bürgern dieses Landes eine bestimmte Summe, die deutlich über dem Hartz-IV-Satz liegt, “einfach so” zu Verfügung zu stellen. Das würde erstens den ganzen Prüfungs-, Verwaltungs- und Knechtungsaufwand einsparen, der jetzt damit verballert wird, damit auch nur die Leute, die wirklich sonst gar nichts zum Leben haben, eine mickrige Hilfe zum Überleben kriegen. Zweitens könnte das tatsächlich eine gewisse Freiheit ermöglichen, wirklich zu tun, was man tun möchte – denn man hätte ja die Gewissheit, dass man auf jeden Fall genug zum Leben hat. Und schließlich könnte man diese ganzen Sozialstaatsmonster abschaffen, deren Kosten zunehmend außer Rand und Band geraten, Rentenkassen, Arbeitslosenversicherung und so weiter – denn jeder bekommt seine Grundsicherung und gut. Herrliche Vorstellung – wie einfach alles würde!

Aber leider ändert auch ein Bürgergeld für alle nichts daran, dass Reichtum in diesem Lande noch immer sehr ungleich verteilt wäre, und dass die meisten, die mehr haben wollten als die eben doch knapp bemessene Grundsicherung, sich weiterhin ins kapitalistische Ausbeutungssystem begeben müssten. Ein Bürgergeld würde den Kapitalismus in diesem Land wieder aushaltbarer machen.
Ein höherer Hartz-IV-Satz übrigens auch.

Aber ein aushaltbarerer Kapitalismus in diesem Land ist keineswegs das, was ich als Vision für eine bessere Zukunft für erstrebenswert halte. Auf der ganzen Welt schuften sich Menschen für einen Profit, den sich andere in die Taschen stecken, zu Tode. Man kann sich moralisch über derartige Zustände empören – aber was ändert das? Man kann hier, wo es genug gibt, ein bisschen mehr umverteilen, aber damit ist das Elend, das die Produktion von Reichtum als Abfallprodukt immer mit produziert, nicht aus der Welt geschafft.

Statt zu diskutieren, wieviel man den Leuten hier im Land denn nun zur Verfügung stellen muss, damit sie ein halbwegs vernünftiges Leben führen können, wäre es doch wesentlich sinnvoller, zu diskutieren, wie man allen Menschen auf der Welt ein vernünftiges Leben ermöglichen kann. Globalisierung könnte auch etwas Gutes sein, wenn es um die Menschen ginge.

Das ist nämlich keine Frage des Geldes. In einer vernünftigen Welt bräuchte man kein Geld zum Überleben, sondern Lebensmittel, und zwar keinen billig produzierten Scheißdreck, sondern echte, die produziert würden, weil man sie genießen will, und nicht, um ein Geschäft damit zu machen. Je nach Klima Bekleidung und eine warme Wohnung und was einem sonst so einfiele, sich das Leben schöner zu machen.

Die längste Zeit der menschlichen Entwicklung sind die meisten Menschen ihr Leben lang gar nicht oder kaum mit Geld in Berührung gekommen. Sie haben in mehr oder weniger großen Gemeinschaften produziert, was die Gemeinschaft zum Leben gebraucht hat. Sie hatten ganz offensichtlich nebenbei die Muße, um Kunst zu schaffen, zu feiern, Zeit miteinander zu verbringen.

Warum ist es jetzt fast unmöglich, den Leuten nahezubringen, dass es ohne diesen ressourcen- und menschenfressenden Alptraum des einzig auf die Vermehrung von Geld ausgerichteten Kapitalismus besser gehen könnte?!



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