Kein Feierabend in Sicht

Das Unvermeidliche ist eingetroffen: Kaum haben unsere Kleinsten damit aufgehört, unsere Nacht zum Tag zu machen, fangen unsere Grössten damit an, den Tag bis in die späten Abendstunden zu verlängern. Konnte man bis vor wenigen Monaten noch damit rechnen, dass es ab acht Uhr ruhiger und ab neun Uhr fast ganz still wird, so ist heute frühestens um halb elf endgültig Feierabend. Ihr erfahrenen Mütter, die ihr das Ganze schon hinter euch habt und die ihr schon immer gepredigt habt, dass es mit grossen Kindern nicht leichter, sondern anders wird, dürft jetzt wieder aufhören, hämisch hinter den Seiten eures Romans, den ihr euch zum Feierabend gönnen könnt, hervor zu grinsen. Ich habe ja nie behauptet, ihr hättet nicht Recht mit eurer Aussage, aber ein wenig Gejammer müsst ihr mir nun einfach durchgehen lassen. Bei uns geht das eine ja nahtlos in das andere über, von den durchwachten Nächten zu den nicht enden wollenden Tagen. Wer weniger Kinder hat, der bekommt zwischen den zwei Phasen immerhin eine kleine Verschnaufpause, während der die Kinder schön artig um acht ins Bett gehen und durchschlafen bis morgens um sieben. 

Wäre ich ein Mensch, der die Dinge hin nimmt, wie sie nun mal sind, so würde ich mich jetzt in mein Schicksal fügen und durchbeissen. Aber erstens passt das mit „die Dinge nehmen, wie sie sind“ nicht so recht zu meinem Wesen und zweitens fühle ich mich nach nahezu elf Jahren Mutterschaft körperlich derart ausgelaugt, dass ich mir einen Massnahmenkatalog erarbeitet habe, der mir dabei helfen soll, die neue Lebensphase mit meinen grösser werdenden Kindern zu überstehen, ohne noch näher an den Rand des Nervenzusammenbruchs zu geraten:

1. Lerne so rasch als möglich, dich nicht als faule Schlampe zu fühlen, wenn du dir morgens oder nachmittags – je nachdem, wie es der Teilzeitjob und die Stundenpläne der Kinder zulassen – eine ausgiebige Auszeit gönnst. Du bist keine faule Schlampe, du ziehst lediglich den Feierabend vor, den dir deine Kinder nicht mehr gönnen wollen.

2. Finde einen Weg, wie „Deiner“ und du die Zeit zu zweit, die ihr bisher abends hattet, am Morgen oder am Nachmittag – wieder abhängig von (Teilzeit)Jobs und Stundenplänen – haben könnt. Glaube nur ja nicht, dass es einfach wird, diesen Weg zu finden, aber wer hat denn je behauptet, es sei einfach, eine Familie zu haben?

3. Wenn deine Kinder nicht schlafen wollen, sollen sie eben arbeiten. Warum sollst du die Einzige sein, die zu später Stunde noch Wäsche aufhängt und Geschirr spült? Spätestens nach drei abendlichen Arbeitseinsätzen werden deine Kinder erkennen, dass Mamas und Papas Feierabendprogramm gar nicht so unterhaltsam ist, wie sie sich das immer vorgestellt hatten, als sie noch kleiner waren und sich darüber aufregten,  dass die Eltern noch ihren Spass haben durften, während sie bereits im Bett liegen mussten. Wenn sie arbeiten müssen, werden deine Kinder von allein wieder früher schlafen gehen  oder zumindest so tun, als ob sie schlafen würden. Aber dir ist ja eigentlich auch egal, ob sie schlafen oder bloss so tun als ob, Hauptsache, du kannst nach einem anstrengenden Tag endlich die Füsse hochlegen und lesen.

4. Sorge dafür, dass du nur noch mit den Menschen ehrenamtlich zusammenarbeitest, mit denen du dich auch privat gut verstehst. Dadurch erreichst du, dass abendliche Sitzungen Spass machen. Wenn ihr wirklich diszipliniert seid, dann schafft ihr es locker, die Traktanden innerhalb von fünfzehn Minuten abzuhaken, um danach einen gemütlichen Abend unter Freunden zu haben. Warum man dazu einen Sitzungstermin braucht? Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens sind ehrenamtlich tätige Menschen meist so vielbeschäftigt, dass sie sich ungemein faul und egoistisch fühlten, würden sie sich einfach so einen netten Abend ganz und gar ohne Arbeit leisten. Und zweitens wollen deine noch wachen Kinder garantiert nicht mitkommen, wenn du ihnen sagst, du müsstest zu einer Sitzung gehen. Würdest du ihnen nämlich sagen, dass du dich mit einer Freundin zum Kaffee triffst würden sie garantiert zetermordio schreien, weil du mit ihnen nie so etwas machst und weil du immer nur im Restaurant sitzt und Kaffee trinkst.

5. Finde dich damit ab, dass das, was du jetzt erlebst, erst der Anfang ist. Noch ein paar Jahre und du wirst an den endlosen Tag ohne Feierabend auch noch eine halbe durchwachte Nacht anhängen, weil du nicht zu Bett gehen magst, solange deine Kinder noch nicht zu Hause sind. Aber das ist ja nicht das Ende. Noch ein paar Jährchen mehr, und deine Kinder werden mit schwarzen Schatten unter den Augen an deinem Tisch sitzen und fragen: „Mama, waren wir auch mal so schlimm? Ich möchte nur noch schlafen, schlafen, schlafen…“

Und das würde ich jetzt auch tun, wenn ich nicht noch die Küche aufräumen müsste.

Kein Feierabend in Sicht



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