It’s Charlie: Der Prinz ist kein Prügelknabe

Schlechte Laune beim Stilschreiber. Nicht wegen des Sommers an sich, denn der hat ohnehin lange genug auf sich warten lassen. Nein, das Problem sind die journalistischen Nebenwirkungen der heißen Jahreszeit. Denn: Sommerzeit ist Sommerlochzeit. Es gibt wenig zu berichten und das,  worüber man schreiben kann, ist meistens nicht wirklich anspruchsvoll. Da kann man ein im Kern dann doch anspruchsvolles Thema schon mal unterschätzen. So geschehen in der Onlineausgabe des Stern. Julia Kepenek äußert sich darin skeptisch über die Garderobe des britischen Thronfolgers, respektive über deren Reparaturzustand. Da trägt Prince Charles doch tatsächlich auf mehreren Anlässen denselben Anzug!

Stein des Anstoßes: Ein Flicken.

Nun darf niemanden wundern, dass sich bestimmte Kleidungsstücke an Personen des öffentlichen Interesses innerhalb kurzer Zeit häufen – schließlich sind Tage mit nur einem Fototermin so selten wie die Zeitfenster, um sich mehrfach am Tag vollständig umzuziehen. Frau Kepenek stört aber wohl vor allem die Tatsache, dass Prince Charles’ Anzug nicht neu ist. Stein des Anstoßes scheint ein Flicken knapp oberhalb seines Jackensaums zu sein, aus dem sie ableitet, dass der Prinz sich wenig um seine Garderobe kümmere oder zu wenig in deren Erhaltung und Erweiterung investiere. Nun sind derartige Artikel nicht neu und lassen sich mit schöner Regelmäßigkeit vor allem in der britischen Presse verfolgen. Die besten dieser Texte verfallen aber gerade nicht auf jene voreilige Meinungsbildung, wie sie im Stern passiert, sondern respektieren den Kontext, in dem des Prinzen Kleidung entsteht und zum Einsatz kommt. Deshalb, liebe Frau Kepenek, hier einige Anregungen zum seriösen Arbeiten über des Prinzen Kleiderschrank:

Der Prinz und die Kleiderfrage

  1. Das zur Schau tragen hochwertiger Kleidungsstücke mitsamt ihrer Gebrauchsspuren hat nicht nur am Königshof, sondern in der gesamten englischen Upperclass, große Tradition. Das Konzept nennt sich reverse snobbery und ist eines der ältesten adeligen Topoi. Neu kaufen kann jeder Parvenu, immer schon besitzen dagegen nur eine Familie mit Tradition. Nicht nur Prince Charles, auch seine Mutter sowie die Prinzen Philip und Michael sind glühende Verfechter dieses Konzeptes und tragen bevorzugt Maßkleidung, auch und gerade wenn sie viele Jahrzehnte alt ist. Die Ästhetik dieses Spleens ist für Anhänger heutiger Turbo-Mode kaum zu verstehen. Auch Änderungen und Reparaturen werden liebevoll von Hand ausgeführt, das Resultat soll nicht durch Perfektion glänzen – sondern durch Respekt. Wer beispielsweise den grauen Flicken auf Charles’ Jacke genauer betrachtet, wird sofort die präzisen Handstiche erkennen, mit denen die Naht ausgeführt wurde.
  2. Nachhaltigkeit, anyone? Dieser Punkt muss auch fernab aller kleidertechnischen Esotherik unmittelbar einleuchten. Maßkleidung, besonders die traditioneller und namhafter Hersteller wie etwa jenen, die Prince Charles regelmäßig beauftragt, ist teuer und ihre Anschaffung rechnet sich erst nach vielen Jahren Tragezeit. Warum also Zeit, Rohstoffe und nicht zuletzt Steuergelder für eine im Grunde zu schnelle Erneuerung der königlichen Garderobe verschwenden? Der Kleiderschrank des Prinzen ist groß genug, um schon jetzt eigene Angestellte zu deren Reinigung und Instandhaltung nötig zu machen – nicht auszudenken, wie er explodierte, wenn ein Anzug wegen jedes kleinen Schadens ausgemustert und durch zwei neue ersetzt würde. Der königliche Kleidungsstil schont Umwelt und Haushalt und taugt somit auch mit Löchern besser zum Vorbild, als so mancher Kleiderschrank eines Popsternchens.
  3. Prince Charles’ Auffassung von Mode hat mit dem kurzlebigen Konzept einer dem ständigen Wandel unterworfenen Äußeren nichts zu tun. Dass er mit seinem Stil zu den exzentrischsten und flamboyantesten Dressern der Welt gehört, dürfte hinlänglich bekannt sein. Dass er weder für sein modisches Gespür, noch für ausgedehnte Shoppingtouren bekannt wäre, ist bestenfalls eine Frage des Blickwinkels, schlimmstenfalls ein unrecherchiertes Statement. Mit seinen stets doppelreihigen Anzügen von Anderson & Sheppard, seinen Maßhemden von Turnbull & Asser, Schuhen von John Lobb St. James und nicht zuletzt durch die Wahl einer mitunter spektakulären Boutonnière landet er nicht nur in allen großen Stilpostillen sondern regelmäßig auch auf den oberen Rängen der internationalen Best Dressed-Listen – und das ohne Designermode, Traumkörper oder wechselnde Frisuren.

Fazit: Es geht auch anders – aber so geht es auch

Natürlich muss man sich nicht so kleiden wie Prince Charles. Aber man kann. Man muss diesen Stil auch nicht gutheißen, aber man sollte ihn verstehen und respektieren. Sich heute so zu kleiden wie der britische Thronfolger erfordert Disziplin, modisches Feingefühl und ein enormes Wissen um Traditionen. Warum Prince Charles innerhalb seiner Familie trotz aller scheinbaren modischen Konstanz eher dem Lager der Stilrevoluzzer zuzurechnen ist, bildet Stoff genug für eine Fortsetzung dieser Geschichte – doch dazu demnächst.

Der Artikel It’s Charlie: Der Prinz ist kein Prügelknabe ist zuerst auf Stilschreiber erschienen.


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