Interview mit Tommy Krappweis (3)

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“Ich habe so viel im meinem Kopf, dass es raus muss.”


Hugh Laurie meinte kürzlich, er liebe das Musikmachen mehr als die Schauspielerei. Musik würde seinen ganzen Körper ergreifen, in einer Weise, wie es die Schauspielerei nicht kann. Wie bereits am Anfang erwähnt, machst du sehr viele unterschiedliche Dinge. Woran hängt dein Herz besonders? Was ist deine wahre Leidenschaft?

Außer Sex jetzt? (lacht) Beim Musikmachen auf der Bühne bin ich am Nächsten bei mir. Kurioserweise obwohl oder vielleicht gerade, weil so viele Leute zuschauen. Dort fühle ich mich sicher, vor allem weil die Band überwiegend improvisiert. Wir stellen uns hin und legen einfach los. Es kann nichts schiefgehen, denn selbst wenn alle Verstärker durchbrennen, können wir akustisch weiterspielen. Auf der Bühne fühle ich mich tatsächlich am Wohlsten. All die anderen Dinge sind für eine bestimmte Weile spannend, langweilen mich aber nach einer gewissen Zeit. Das geht schnell. Es gab eine Zeit, da hatte ich keinen Bock mehr, Regie zu führen. Es ist immer dasselbe, dauert ewig und wird nie so, wie es im Drehbuch steht. Vor allem herrschte diese Budgetmüdigkeit. Ständig  habe ich mir gedacht: Mein Gott, kann ich nicht einmal in Ruhe so drehen, wie ich es will? Immer gab es zu wenig Geld. Frustration spielt da eine große Rolle. Ich war nur noch damit beschäftigt zu überlegen, wie ich 90 Minuten mit zu wenig Geld voll kriege. Hinzu kam, dass der Herstellungsleiter von Kika Geld veruntreute und so der Sender jede Menge bezahlte, bei uns aber trotzdem wenig ankam. (lacht freudlos)

Ich wusste gar nicht, dass ihr davon betroffen wart.

Wir waren damals tief betroffen, denn er hat Scheinrechnungen zum Teil über die Produktion Bernd das Brot abgerechnet. Dinge, die wir in Rechnung gestellt oder für die wir Angebote geschrieben haben, hat er gnadenlos mit einer anderen Adresse und einer doppelt so hohen Zahl versehen und unter den Kopierer gelegt. Das kann ich alles gefahrlos erzählen, denn der komplette Revisionsbericht ist öffentlich als Download im Internet zu finden. Da gab es zum Beispiel eine Live-Show mit dem großen Bernd, ein Walking Act. Wir haben für irgendwas um die 6.000,- Euro die komplette Live-Show gemacht – mit Musik und allem drum und dran. Parallel dazu wurde eine Scheinrechnung über 80.000,- Euro gestellt. Das war sehr frustrierend. Ständig bekamen wir zu hören, dass kein Geld da sei. Jetzt wissen wir auch, warum. Das Regieführen hat mich jedenfalls zeitweise gefrustet und dann gelangweilt. So dachte ich mir, Bücher Schreiben ist auch ganz schön. (lacht) Davon bekam ich aber dann Rückenschmerzen und beschloss, wieder ans Set zurückzukehren. Oder mal wieder mit der Band zu spielen. Ich kann mich da nicht festlegen und muss leider damit leben, dass alles manchmal simultan abläuft.

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Wenn du so viele Dinge simultan machen musst, woher nimmst du dann noch die Kreativität her?

Ich bin der Typ, der im stillen Kämmerlein sitzt und den Kopf aufmacht. Dann geht alles von alleine. Zum Glück sind mir die Ideen noch nie ausgegangen. Klar hatte ich Momente als Autor, in denen ich mir gedacht habe: Scheiße, das funktioniert nicht. Dann schmeiße ich 15 Seiten weg oder beginne ganz von vorne. Aber das ist normal. Im Großen und Ganzen war mangelnde Kreativität nie ein Problem. Im Gegenteil: Ich habe so viel im meinem Kopf, dass es raus muss. Manchmal habe ich das Gefühl, ich müsste nachts um 3 Uhr morgens die Gitarre nehmen und einen alten Song in die Webcam klampfen und bei Facebook posten.

Schreibblockaden hast du also nicht?

Blockaden in dem Sinne, nein. Ich hatte eher das Problem, dass bei Mara 2, der Anfang zwar super lief, der Mittelteil aber, von dem ich genau wusste, wie ich alles verbinden muss, damit ich ins letzte Drittel komme, mich gelangweilt hat. Ich wusste ja schon alles. Deshalb habe ich einige Dinge aus meiner Storyline absichtlich verändert. Es ist dadurch auch besser geworden. Ich lasse übrigens vorab viele Leute lesen und mache große Leserunden. Im fantasy-forum.net gab es einen geschlossenen Bereich, in den man nur mit Passwort reinkam. Dort habe ich den 10 bis 12 Leuten meine Kapitel geschickt und wollte deren Meinung dazu wissen. Ich habe schon sehr genau hingehört, was sie zu sagen hatten.

Tommy Krappweis Lesung (c) Gary Busch 2012

Haben dich die unterschiedlichen Meinungen in dieser Phase nicht verunsichert?

Nein, ich habe ein stabiles Ego (lacht). Ich habe mir das angehört und gedacht: Mensch, das ist richtig hilfreich!

Du schreibst ja auch kein Tagebuch, sondern für deine Leser.  

Genau. Bei meinen biografischen Sachen ist das anders. Klar. Aber Mara habe ich für Leute geschrieben, die Fantasy mögen und Spaß haben sollen. Und ich wollte keine Doppelungen haben. Einmal, als es zwischen dem Bösewicht und Mara um einen Kampf mit Feuer und Wasser ging, meinte ein Manga-Fan, das habe er schon vierzigtausendmal gesehen, ich solle mir etwas anderes einfallen lassen. Das war für mich ein sehr hilfreicher Einwand. Er hatte ja Recht. Zum einen kann ich nicht alle Fantasybücher gelesen haben und zum anderen will ich keine Doppelungen. Außer natürlich, ich spreche sie absichtlich an. Wenn Mara sagt „du kommst hier nicht vorbei“, ist klar, wie es gemeint ist.  Solche Anspielungen machen Spaß, zumal Mara den Film „Herr der Ringe“ kennt. Wenn sie vor einem Problem steht, löst sie es, wie sie es aus dem Film kennt. Das würde jeder so machen. Im Film ist auch eine Stelle, wo Mara Harry Potter mäßig den Arm ausstreckt, aber nichts passiert. Es will einfach nicht. Es macht einen Riesenspaß, Zitate aus Filmen reinzunehmen wie „Patronus …“ und dann puff! Kennst du den Film „Scream“? Da ist es auch so. Dort werden andere Filme parodiert, zitiert und gefeiert.
Was das Verunsichern betrifft: Man darf sich bei Dingen, die man unbedingt so machen möchte, nicht verunsichern lassen. Wenn ich von einer Idee überzeugt bin, kann mich auch niemand davon abhalten.

Zum Schluss noch eine Frage direkt von der Facebook-Community: Warst du schon mal versucht, Bernd mit Marmelade zu bestreichen und aufzuessen?

Also: Ich war noch nie versucht, Bernd mit Marmelade zu bestreichen und aufzuessen, weil Bernd das Brot aus Latex besteht und er schmeckt ob mit oder ohne Marmelade, Schokocreme oder Butter scheiße!

Schön gesagt.

Weißt du jetzt alles von mir?

Noch lange nicht. Es könnte von meiner Seite aus ewig so weiter gehen. Ich danke dir jedenfalls für dieses schöne Interview und wünsche dir weiterhin viel Erfolg!

Bernd

Zum Abschied drückt mir Tommy drei Originalillustrationen aus seinen Mara-Büchern in die Hand sowie ein signiertes Bernd das Brot. Und natürlich posieren wir für ein gemeinsames Foto. Die ersten Versuche fallen recht blass aus und Tommy – ganz der Medienprofi – schlägt vor, den Blitz einzuschalten. Danach sehen wir aus, als kämen wir frisch von der Piste!

An dieser Stelle möchte ich mich bei Sophia Kleinbongard und Katrin Hemmerling bedanken, die dieses Treffen möglich gemacht haben.

Tommy 

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Zum 1. Teil des Interviews geht’s hier lang!

Zum 2. Teil des Interviews geht’s hier lang!

Hier geht’s zum Interview mit Ingolf Lück und Dierk Gewesen.


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