Interview: “Ein stiller Putsch” – Der Kampf der freien Künstler

Die Situation der Künstler in Hamburg ist prekär. Armut, extrem hohe Mietkosten, eine defizitäre kulturelle Infrastruktur der sogenannten “Freien Szene” und vor allem: fehlende Solidarität der Künstler untereinander. Damit sind nur wenige Themenkomplexe angerissen, die sich durch den Alltag von freien Künstlern ziehen. Welche Trends und welche Stimmung in der “Hamburger Szene” herrschen, dazu befragten wir Dan Thy Nguyen in einem Interview. Er ist freier Theaterschaffender, Schriftsteller und Sänger in Hamburg. (1)

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Künstler in Hamburg wagen eine stille Revolte – Foto: © Dan Thy Nguyen

Politropolis: Wie kann man sich die “Freie Künstlerszene” in Hamburg vorstellen?

Dan Thy: Die Freie Hansestadt Hamburg konstatiert in ihrer Potentialanalyse, dass es eine Freie Szene im Bereich der darstellenden Kunst gar nicht gibt! Hier steht eine kleine überschaubare Anzahl von international bekannten, professionellen Global Playern der Tanz- und Theaterszene einer geradezu unüberschaubaren großen Anzahl von professionellen Klein- und Kleinstaktivitäten von Künstlern gegenüber, die sich in äußerst prekären Situationen befinden. Sie halten sich fast alle mit zusätzlichen Jobs über Wasser, um zu überleben. Etwas, das man verbindend „Szene“ nennen könnte, ein gemeinsames soziales „Milieu“ mit -von außen betrachtet- klaren Strukturen, kann bei den Hamburger Künstlern in keiner einzigen Sparte gefunden werden. Es gibt weder so etwas wie “Milieumentalität”, noch eine “Kultur der Solidarität” unter den Künstlern, welche sie befähigen könnte, sich gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen, diesen Bereich überhaupt sichtbar zu machen und zu verbessern. Der Großteil der Künstler ist arm. Mehr noch: Nimmt man den nahezu unerträglichen Konkurrenzdruck dazu, zerstört das die meisten Versuche, gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen.

Politropolis: Gibt es Initiativen oder Ansätze sich zu organisieren?

Dan Thy: Im Laufe der letzten Jahre sind in Deutschland immer mehr Organisationen entstanden, welche die prekäre Situation der Künstler in diesem Land sichtbar machen wollen und sollen. Hierbei besonders erwähnenswert sind: “Art But FairThing Frankfurt und die Koalition der Freien in Hamburg und in Berlin. (2) Neben den schon vorhandenen Verbänden und Gewerkschaften, sind dies nur einige erwähnenswerte Organisationen, welche, unter anderem, den Rückzug staatlicher Kunstförderung, die Ausbeutung von Künstlern jeglicher Sparte und die fehlende Solidarität unter Künstlern anprangern.
Was die Situation so schwierig gestaltet ist, dass jede einzelne Organisation ihre eigenen Strategien und Lösungsansätze für die Problematik hat. Das zeigt damit aber auch auf, dass die prekäre Situation der Künstler außerordentlich vielschichtig ist und daher mit einer einzigen Strategie nicht nachhaltig zu verbessern ist. Für Komplexe Sachverhalte gibt es eben keine “einfachen” Lösungsansätze.

Politropolis: Messen Sie dem Kampf der Künstler für bessere Arbeitsbedingungen eine exemplarische bzw. übergreifende Bedeutung bei ?

Dan Thy: Eindeutig JA. Es muss festgehalten werden, dass die Arbeit dieser oben genannten Organisationen kein Kampf für die Künstler alleine ist und damit abgekoppelt von dem Rest der Gesellschaft dasteht. Es geht vielmehr um einen viel allgemeineren Fragenkomplex, der sich bei Künstlern besonders deutlich zeigt, sich aber gleichzeitig durch alle Gesellschaftsbereiche zieht. Es geht, unter anderen, um die Fragen:

Wie wollen wir leben?
Ist es möglich, die Art und Weise, wie wir leben wollen bzw. müssen, mitzubestimmen oder nicht?
Sind wir überhaupt noch frei oder wird unser Leben von wirtschaftlichen Komplexen bestimmt?

Dabei besteht natürlich die dystopische Befürchtung, dass freies Denken, Handeln bzw. Leben in unserer postmodernen Gesellschaft, in welcher moralische Werte ausgeschaltet zu sein scheinen bzw. in die Logik von wirtschaftlicher Effizienz oder des freien Marktes gezwängt und abhängig gemacht werden, unmöglich erscheint. Der Kampf der Künstler für bessere Arbeitsbedingungen ist also gebunden an einem existentiellen Fragekomplex für die gesamte Gesellschaft.

Politropolis: Wie ist die aktuelle Entwicklung, die Sie für Hamburg beobachten?

Dan Thy: Im Januar 2013 hat sich in Hamburg die Koalition der Freien gegründet, um die Arbeitsbedingungen der freien Kunst- und Kulturszene zu verbessern und die kulturelle Vielfalt der Stadt zu erhalten. Vorausgegangen war die Einführung der Kultur- und Tourismustaxe, wobei die Hamburger Bürgerschaft beschlossen hat, dass die gesamte Freie Szene (aller Kunstsparten) in Hamburg nur Ein Zwanzigstel der Gelder erhalten soll. Zusätzlich werden der städtisch gegründeten Kreativgesellschaft Zuständigkeiten zugewiesen, um die Kreativwirtschaft der Stadt Hamburg zu fördern, wobei die Grenzen zwischen Kultur und Kreativwirtschaft verschwimmen. So scheint es dass, dass lediglich eine ökonomische Zielrichtung von Kreativität für die Stadt Hamburg attraktiv zu sein scheint. Kultur und Wirtschaft werden nach meiner Beurteilung der Sachlage überhaupt nicht mehr unterschieden.
Hier wird also ein Trend deutlich, der sich durch viele Gesellschaftsbereiche hindurchzieht. Die Stadt zieht sich allmählich von der Förderung von Kunst, Bildung und Kultur zurück und wirtschaftliche Strukturen nehmen allmählich ihre Position ein. Künstler aller Sparten werden nach und nach Mitglieder eines abgegrenzten Wirtschaftssektors, wobei sie primär erwerbswirtschaftlich tätig sind. Die Kunst, die Kultur und die Bildung sollen sich der Logik des freien Marktes unterwerfen, so dass sie einen ökonomischen Mehrwert für die Gesellschaft abwerfen.

Ich will hier etwas überspitzt formulieren: Es gibt einen, so wie ich es nennen möchte, stillen Putsch im Gedanken der Kunst. Der Gedanke, dass Kunst, Kultur und Bildung Güter sind, welche eine Gesellschaft bereichern und sowohl das freie und tiefe Denken, als auch das ästhetische Bewusstsein fördern können, wird von dem nahezu banalen Diskurs abgelöst, wie nur ein wirtschaftlicher Mehrwert von Kunst und Kreativität der Gesellschaft zur Gute kommen kann.
Das freie und selbstbewusste Denken und Handeln, welches (nicht nur) Künstlern immanent sein sollte, unterliegt wirtschaftlichen Erwägungen und wird innerhalb dieser geordnet und unterliegt der Logik des freien Marktes. Künstler sollen “marktkonform” produzieren und reproduzieren, um ihr Überleben zu sichern, anstatt daran zu arbeiten, z.B. das Denken bzw. das ästhetische Bewusstsein der Gesellschaft voranzutreiben, während sie, unter anderem, von staatlichen oder sozialen Strukturen gefördert werden. Die heutige Abhängigkeit des Künstlers von Diskursen des Marktes wird ihm als Stärkung seiner selbstbestimmten Autonomie verkauft, während er dem sogenannten Markt eher hinterherrennt, als selbstbestimmte Kunst zu erschaffen. Somit wird die sogenannte Freiheit der Künstler von der Terminologie ökonomischer Strukturen abhängig gemacht und Kunst wird zu einem Teilbereich der Wirtschaft degradiert.

Politropolis: Sie zeigen -sehr deutlich- einen Trend auf, den man auf die meisten Bereiche des “Kulturschaffens” -auch auf den Journalismus- übertragen kann. Wie sehen Sie die Rolle des Künstlers in diesem Zusammenhang?

Dan Thy: Hier liegt die Befürchtung nahe, dass, wenn immer mehr dahingehend von Künstlern “produziert” wird, was von dem sogenannten Markt verlangt wird, Künstler zu Dienstleistern innerhalb einer ökonomisch geordneten Realität degradiert werden. Es kommt zu einem Prozess, in dem Künstler letztendlich nur für wirtschaftliche Unternehmen arbeiten oder selbst zu einem werden. In der Form, dass die ökonomischen Strukturen im Vordergrund stehen und der Gedanke der freien Kunst und die “Weiterentwicklung der Gesellschaft” dabei immer mehr in den Hintergrund rückt.
Wenn Künstler zu banalen Dienstleistern werden, dann sind wir, extrem gesprochen, in einem Prozess, in dem Künstler überflüssig gemacht werden und damit Teil an einem Prozess der Verengung bzw. der Banalisierung des menschlichen Denkens haben, in dem jegliches Denken in der Terminologie des wirtschaftlichen Erfolgs oder Misserfolgs kategorisiert wird. Dies gilt, meiner Meinung nach, eindeutig zu verhindern.

Der Kampf der Künstler für bessere Arbeitsbedingungen in den verschiedenen Städten Deutschlands ist also ganz klar auch an existentielle und hochaktuelle Fragenkomplexe gebunden. Es geht natürlich um Freiheit und Selbstbestimmung. In dem Zusammenhang gibt es aus Wirtschaftskreisen sehr schnelle und “einfache” bzw. “liberale”  Antworten. Jedoch, wie eingangs schon angesprochen: Die Situation der Künstler ist hochkomplex. Einfache Lösungen schaden zumeist auf extreme Art und Weise.

Politropolis: Wie wollen die einzelnen Initiativen und Organisationen mit dieser Gesamtsituation bestehend aus konkreten Mißständen vor Ort und einer gesellschaftlichen Gesamtentwicklung nun umgehen und welche Ansätze verfolgen Sie?

Dan Thy: Es gibt Ansätze auf verschiedenen Ebenen, welche die äußerst prekäre Situation von Künstlern verändern soll. „Art But Fair“ arbeitet an sogenannten goldenen Regeln, einer Art Verhaltenscodex für Künstler und Veranstalter, um Künstler und Veranstalter zu gegenseitigem Respekt zu erziehen. Die “Koalition der Freien” arbeitet an Strukturen, um die Künstler besser sichtbar zu machen, denn die Künstler, kennen sich kaum untereinander. Gleichzeitig steht sie im Dialog mit politischen Partnern. Es wird aber klar: Es wird versucht grundlegende Strukturen zu schaffen, so dass Szenen sich überhaupt etablieren  können, um dann gemeinsam für bessere Bedingungen zu kämpfen.

Aber letztendlich liegt die wahre Macht bei den Künstlern selbst, etwas gemeinsam zu verändern, solange es noch möglich ist. Zusammengefasst stehen (unter anderem) Konkurrenzdruck und fehlende Solidarität dieser Entwicklung leider im Weg. Zusätzlich halten sich viele Künstler für absolut apolitisch und sehen es nicht ein, gemeinsam auf politischer Ebene zu agieren.
Es braucht daher, im Kunstjargon gesprochen, eventuell avantgardistische Vordenker, welche diese Entwicklung einleiten können. Die Situation der Künstler ist jetzt prekär. Man muss jetzt etwas tun.

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Quellen – weiterführende Links

Foto: Dan Thy Nguyen mit freundlicher Erlaubnis
Das Interview mit Dan Thy Nguyen führte Hans-Udo Sattler für Politropolis.

(1) Über Dan Thy Nguyen: Er ist freier Theaterschaffender, Schriftsteller und Sänger und lebt in Hamburg. Nach seiner Ausbildung zum Schauspieler an der Celan-Theaterschule, arbeitete an diversen Produktionen am Staatstheater Karlsruhe, Stadttheater Düren, Theater TAS, dem „letzten Kleinod“ , Mousonturm Frankfurt und auf Kampnagel Hamburg und veranstaltete mit der Company Hamburg und dem PEN-Club Deutschlands diverse Lesungen und Performances. 2010 veröffentlichte er sein Buch „Dezember. Matrose“ und war Mitbegründer von Schaufenstheater und platform84. 2012 erhielt er das Förderstipendium der Nachwuchsplattform „Debuntates Ballroom“ und produzierte sein dokumentarisches Theaterstück „Le Chantier“ im Museum für Völkerkunde in Hamburg, welches, unter anderem, auf dem Festival „150% Made in Hamburg“, dem Bundesfachkongress Interkultur in der Freien Akademie der Künste und auf dem Deutschen Entwicklungstag in Hamburg präsentiert werden konnte.

(2) Links zu Freien Theater- und Künstler – Gruppen:
“Art But Fair
Thing Frankfurt
Koalition der Freien“ (Hamburg)
Die Koalition der Freien Szene aller Künste” (Berlin)


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