Inquisition 2.0

Inquisition ist ein zunächst neutraler oder sogar positiver Begriff, der so viel wie „Untersuchung“ bedeutet. Geschichtlich betrachtet ist er aber dennoch, und zwar zurecht, negativ konnotiert, da die Methoden insbesondere der Spanischen Inquisition absolut menschenverachtend und grausam waren. Trotz allem muss man den meisten historischen Inquisitoren ein zumindest anfänglich echtes Interesse am Wahrheitsgehalt der zu untersuchenden Fälle attestieren. Das hat sich jedoch geändert. Ereignisse, die dem klerikalen Establishment unserer Tage unangenehm sind, werden von den Betreffenden zwar glücklicherweise nicht mehr auf solch barbarische Weise geahndet, allerdings auch erst gar nicht mit echtem Interesse hinterfragt. Als Kabarettist – oder sollte ich sagen potentieller Ketzer – weiß ich, wovon ich rede.

Häufig bekomme ich verhältnismäßig wohlwollende Sätze zu hören wie „da hast du dein Publikum aber intellektuell etwas überfordert“ oder „das war aber ziemlich heftig“. Und trotzdem frage ich mich, weswegen manche Menschen Kabarett bestellen und sich hinterher darüber beschweren, dass es kein Kasperletheater war. Wer sich die eigenen Vorurteile lediglich bestätigen lassen will, kann ja gerne den Ratsvorsitzenden der EKD einladen. Ich bin dafür jedenfalls nicht zuständig.Aber auch deutlich vernichtendere Kritik bekomme ich zu hören, deren völlige Gegenstandslosigkeit ich hier aufzeigen möchte.So brach beispielsweise nach einem kürzlichen Auftritt ein Sturm der Entrüstung los, welcher sich an vereinzelten und nicht einmal thematisch besonders herausgehobenen Elementen meines Programmes entzündete, die m.E. gründlich missverstanden worden waren. Eines dieser Elemente war der zugegebenermaßen kontroverse Liedtitel „Nazis sind impotent“.1Nun, dass dieser Wortlaut die Gemüter würde erhitzen müssen, war zu erwarten. Was für mich allerdings völlig unerwartet kam, war die Behauptung, der Titel wäre nützlich, das NS-Regime zu glorifizieren. Also, entweder hat da jemand Impotenz mit Omnipotenz verwechselt oder aber den Text akustisch nicht mitbekommen, was mich ob der mehrfachen Wiederholung wundern würde. Doch selbst dann hätten den Betreffenden ja meine Pejes (Schläfenlocken) auffallen müssen, und ich wüsste wahrlich nicht, wie sich die eigene religiös-kulturelle Affinität noch offensichtlicher zur Schau stellen ließe. Und wie sollte angesichts dessen ausgerechnet ich dazu kommen, dem Faschismus in diesem Lande Vorschub zu leisten. Ich kann mir nichts vorstellen, was mir ferner läge! Im Gegenteil: ich kämpfe gegen die abscheulichen Spielarten des Antisemitismus an, wo ich nur kann.2Ein weiterer Kritikpunkt war die folgende Pointe: „Wo war Frau von der Leyen die ganzen letzten Monate? Ach ja, im Enddarm von Frau Merkel.“Während man über die Frage, ob diese offensichtlich metaphorische Aussage der politischen Realität entspricht, gerne diskutieren kann, muss ich den Vorwurf zurückweisen, das Statement sei vulgär und folglich unangebracht. Ich fragte meine Gegner daher, ob es denn weniger vulgär sei, wenn Paulus den Galatern, von denen einige die Bescheidung für heilsnotwendig erachteten, empfiehlt, sich am besten gleich kastrieren zu lassen (vgl. Gal 5,12). Die Antwort, die ich bekam, lautete: „Mir ist nicht bewusst, dass er so etwas je empfohlen hat“, was meinen Verdacht erhärtete, dass es sich bei dem, was meine Kritiker zu repräsentieren glaubten, keineswegs um den christlichen Glauben handelte, sondern lediglich um ihr bourgeoises Zerrbild desselben.Leider handelt es sich hierbei um keinen Einzelfall, wie die aktuelle Debatte um die zurecht verrissene EKD-Orientierungshilfe3zeigt. So ungenügend deren theologische Grundlagenforschung auch ist, so falsch ist andererseits der Vorwurf der sich als bibeltreue Christen Inszenierenden, das Papier sei eine Abwertung der „bürgerlichen Ehe“.4Nun, das mag sein, aber was interessiert uns die bürgerlicheEhe? Sollte in einer theologischen Schrift nicht die biblischeEhe das Thema sein? Und die in unseren breiten klassisch gewordene Rollenverteilung – das Männchen geht jagen, während das Weibchen den Haushalt schmeißt und sich um die Kinder kümmert – lässt sich definitiv nicht aus der Bibel ableiten, was spätestens dann deutlich wird, wenn man mal einen Blick über den Tellerrand, bspw. ins orthodoxe Judentum wagt, wo nicht nur eine allgemeine Ethik der Ehe, sondern die Art und Weise nahezu jedes einzelnen Handgriffes innerhalb des Lebens aus der Heiligen Schrift begründet wird. Interessanterweise sind es dort nämlich fast ausnahmslos die Frauen, welche die Familie ernähren. Kindererziehung ist hingegen Aufgabe beider Eltern. Es gibt wohl kaum einen anderen Ort auf Erden, wo einem so viele Männer mit Kinderwagen begegnen wie in Jerusalem.Aber zurück zur ursprünglichen Auseinandersetzung.Dort wurde mir nämlich im Nachhinein von erbosten Besuchern berichtet, sie hätten ihre Plätze nach der Pause verlassen, um meiner Pantomime zu entgehen, die mit dem Thema Geburt begann, welche sich, so die Betreffenden, ja „schon wieder unter der Gürtellinie“ abspielt. Nun, dieser biologischen Tatsache kann ich, obwohl ich selbst per Kaiserschnitt auf die Welt gekommen bin, nicht widersprechen, übernehme andererseits aber auch keine Verantwortung dafür, schließlich habe ja nicht ich mir die menschliche Anatomie ausgedacht. Hinzu kommt noch, dass es sich bei dem zugrunde liegenden Text um einen Abschnitt aus Kohelet, Kapitel 3 handelte. Sollte für den Inhalt also irgendwem ans Bein gepinkelt werden können, dann höchstens König Salomo.Abgesehen von der wortlosen Kunst, wurde aber auch meine Wortwahl stark kritisiert, wobei ich gleich relativierend anmerken muss, dass der schlimmste von mir zu hörende Kraftausdruck auf der Bühne das Wort „Scheiße“ ist, was mit der Qualität von z.B. Sidos Arschf***song oder der Kassierer-Single Ich onanier' in den kopflosen Rumpf von Uwe Seeler in keinster Weise zu vergleichen ist. So etwas wird von mir auch nicht zu hören sein, weil ich es für überflüssig halte. Dennoch halte ich selbst Fäkalsprache u.U. für legitim, wenn sie nämlich dem künstlerischen Schein dient, welcher bereits den Sophisten als wesentliches Merkmal der Kunst galt. Gorgias etwa geht so weit, die sich von der Kunst täuschen Lassenden als gerechter zu bezeichnen, denn jene, die sich nicht auf die Kunst einlassen. Ein Gedanke, der von Kant über Schiller bis hin zu Hegel immer wieder aufgegriffen wurde.5Und wenn es die Authentizität einer auf der Bühne darzustellenden Rolle nun einmal erfordert, mache ich mir selbstverständlich auch deren entsprechendes Vokabular zunutze. Der Behauptung, dass eben dieses Vokabular an sich bereits unbiblisch sei, entgegne ich, dass z.B. im ersten Königebuch, Kapitel 14, Vers 10 G-tt selbst Jerobeam mitteilt, dass er alle מַשׁתִּין בְּקִיר seiner Familie ausrotten werde, was wörtlich übersetzt „Wandpisser“ bedeutet.6Das alles hat mich zu der Erkenntnis gelangen lassen, dass nicht etwa ich oder das, was ich (auf der Bühne) mache, der Stein des Anstoßes sind, sondern die Heilige Schrift selbst. So gesehen freut es mich, meinen prophetischen Auftrag erfüllt zu haben. Und dennoch bleibt dieser bittere Nachgeschmack der Unbelehrbarkeit einiger, denn auf das letztgenannte Wortstudium wurde mir nur entgegnet: „Das glaube ich nicht.“Nun, Menschen sind schon eine mehr als gewöhnungsbedürftige Spezies. Einzeln mögen sie ja noch erträglich sein. Wenn sie in Gruppen auftreten, wird’s meist schon ungemütlich. Doch sobald sie sich auch noch institutionalisieren, haben sie gute Chancen, zum Objekt meiner vollsten Antipathie zu werden. Diese Einsicht mag mit der mir angeborenen Misanthropie zu tun haben, mit welcher ich seit geraumer Zeit hadere. Dennoch weiß ich als Theologe natürlich auch, dass – aus mir beinahe unerfindlichen Gründen – Gemeinde (hebr. עֵדָה – vgl. Ex 12,3 usw.) ein von G-tt selbst gestiftetes Konzept ist. Sollten aber angesichts so vieler unterschiedlicher Menschen nicht gerade dort Kontroversen möglich sein? Für eine Institution, die sich der Wahrheit verpflichtet fühlt, deren Ereignis Martin Heidegger sehr schlüssig als das Sichtbarmachen eines Urstreites beschreibt,7hat die Kirche jedoch eine erschreckend unterentwickelte Streitkultur – um nicht zu sagen gar keine.Wie sollte da in einem frommen Menschen, angesichts eines solch unbelehrbaren Chaotenvereins, nicht das dringende Bedürfnis keimen, austreten zu wollen?Jemand hat einmal gesagt: die Kirche ist so weltlich geworden und die Welt so kirchlich, dass man beide nicht mehr unterscheiden kann. Ich sage: die Welt hat irgendwann aufgehört, sich zu klerikalisieren, während die Kirche sich weiter munter säkularisiert (und somit deckungsgleich mit dem Bürgertum wird). Damit macht sie sich selbst noch überflüssiger als sie es ohnehin schon ist. Aber hätte ich je einem überflüssigen Verein beitreten wollen, wäre ich längst FDP-Mitglied.1 Der Titel bezieht sich auf zwei Studien der Universität zu Köln bzw. Leipzig: Erstere hatte gezeigt, dass rund 19% der deutschen Männer an erektiler Dysfunktion leiden, während Letztere zeigte, dass ebenfalls rund 19% mit nationalsozialistischem Gedankengut sympathisieren. 

2 http://www.youtube.com/watch?v=kwNBrI3Q8dY http://www.magnusdei.blogspot.de/2012/04/was-gesagt-worden-ist.htmlhttp://www.magnusdei.blogspot.de/2012/07/geistige-phimose.html 
3 Zwischen Autonomie und Angewiesenheit – Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken, Gütersloher Verlagshaus, 2013 
4 http://www.epd.de/zentralredaktion/epd-zentralredaktion/pietistischer-dachverband-beklagt-abwertung-des-leitbildes-ehehttp://www.landeskirche-hannovers.de/evlka-de/presse-und-medien/nachrichten/2013/06/2013_06_22_4http://www.theeuropean.de/maria-von-welser/7153-die-rolle-der-ehe-im-ekd-papier 
5 Waibl, Ästhetik und Kunst von Pythagoras bis Freud, Facultas, 2009, S. 48 
6 Vgl. Buber, Verdeutschung der Schrift – Bücher der Geschichte, Deutsche Bibelgesellschaft, 1992, S. 386 und BDB, Hebrew and English Lexicon, Hendrickson, 2012, S. 1010 
7 Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerkes, Reclam, 1960, S. 46

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