In der Groteske

oder: so ein bisschen in eigener Sache.

Vor einer Weile haIn der Groteskebe ich hier festgestellt, dass "Unzugehörig" womöglich eine zeitlose Anlage sei, weil die darin enthaltenen Texte auch in Jahren, vielleicht sogar gar in Jahrzehnten noch, an Aktualität nichts einbüßen werden. Was traurig für die Gesellschaft sei, so entblödete ich mich nicht vorzubringen, sei für einen Autoren wenigstens insofern gut, dass er nicht der Vergessenheit anheimgestellt wird. Das ewige Leben eines Schreibenden wäre damit gesichert. Nun dünkt es mir aber, dass ich eine Kleinigkeit übersehen habe. So zeitlos wie ich meinte, ist mein Machwerk allerdings dann doch nicht. Skizzen, Polemiken und Grotesken wird untertitelt - und genau dort steht das Problem gedruckt! Skizze, Polemik, Groteske: das klingt wie Verfremdung der Realität - aber ich befürchte fast stündlich, dass sich manche meiner Texte nicht mehr unter diesem Label halten; dass sie irgendwann als Berichte einer Realität gelesen werden könnten, denn Polemik und Groteske sind hoch im Schwange derzeit - getarnt als Wirklichkeit.

Denn was ich ursprünglich als polemischen Text verortete, drängt sich mehr und mehr als Realität auf. Gleiches gilt für die Grotesken, die sich bereits heute, nicht ganz ein Jahr nach Erscheinen des Buches, immer mehr wie ein Ausschnitt aus dem wirklichen Leben anfühlen. Und so besonders skizzenhaft ist manches heute auch nicht mehr - fast ist es so, als habe man den Plan, die Skizze vollendet, damit man nun unverzüglich mit dem Aufbau - was heißt: Abbau, Sozial- und Demokratieabbau unter anderem - beginnen könne. Ich habe meine Grotesken auf die Behördengänge der Arbeitslosenverwaltung verlegt, nicht ahnend, dass die Situation für Erwerbslose heute noch grotesker ist als vormals. Das gesamte Land streitet sich über fünf Euro, die zusätzlich erteilt werden sollen; über das kontinuierliche Beschneiden der Freiheitsrechte für Erwerbslose keine öffentliche Silbe: wenn das nicht grotesker als jede Groteske ist! Jedenfalls ist es eine groteske Situation für ein Land, das sich selbst als Rechts- und Sozialstaat wahrnimmt.

Und keine Groteske hätte je vermocht, eine Gestalt zu ersinnen, wie sie nun im Korpus des amtierenden Verteidigungsministers heranpirscht, blaublütig, gutaussehend, mit dem herben Charme schlecht gewürzten Sauerkrautes - der Mann und seine Entourage, dazu seine klassenübergreifende Anhängerschaft, die eigentlich nur erklärbar wird, wenn man sich vorstellte, diese hätte Ich hab Freibier! statt Ich bin Freiherr! verstanden... dieser Mann, er wäre doch fleischgewordene Groteske, wenn er nicht so verdammt wirklich wäre. Die Polemik indes ist zum verbindlichen Diskurs geworden - mehr noch als damals schon. Heute polemisiert man gegen Gesellschaftsgruppen und nennt es standhaftes Aufklären. Wehe dem, der es zum Beispiel wagt, objektiver über den Islam zu berichten: der bekommt eine Fontanelle gezogen - ich hätte schon mehrere, wäre meine Birne nicht so hart.

Es ernüchtert zweifach. Einmal, weil eine solche Republik, die ein großes Minijobwunder feiert, die von Wohlstand spricht, während immer mehr Menschen weniger Geld zur Verfügung haben, einen untragbaren Zustand darstellt. Und den schreibenden Menschen ernüchtert es neuerdings, weil er zu der Einsicht gelangt, dass seine Phantasie nichts ist im Vergleich mit einer Groteske oder Polemik ist, die sich Realität nennt. Vielleicht sollte "Unzugehörig" irgendwann mit "Abbildung der Realität" untertitelt werden. Oder mit "Ich habe es schon vorher geahnt!" - was nicht stimmte, was sich aber schön läse und mir schmeichelte.

"Unzugehörig - Skizzen, Polemiken & Grotesken" ist erschienen im Renneritz Verlag. Zudem können Sie, wenn Sie mögen, ad sinistram unterstützen. Entweder per Paypal oder über den gewöhnlichen Bankweg. Hierzu ließe ich den Datenschutz ruhen und teilte Ihnen gerne meine Kontodaten mit.


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