Ich bin behindert, und du?

Leseprobe: Ich bin behindert, und du ?
5. Kapitel

Blonde, zerzauste Haare, so als würden sie ständig vor Betreten des Gebäudes in einem Windkanal auf den cw- Wert (das ist der Koeffizient für den Strömungswider- stand) getestet werden, was übrigens eher ein schlechtes Ergebnis abliefern würde, denn die Haare sind füllig und dicht. Die blauen, fast schlitzartigen Augen, vielleicht ist ein asiatisches Gen schuld daran, blicken ängstlich, schüchtern zu Boden. Alltägliche Geräusche, eben jene, die in einem Wartesaal eines Krankenhauses die Ruhe stören, lassen sie nicht davon abbringen, mal den Blick in die Richtung des verursachenden Lärmes, geschweige denn in die Runde der Wartenden, zu richten. "Verdammte Scheiße", und ein ohrenbetäubendes Geräusch, nicht enden wollend, eben solange es braucht, bis ein voll beladener Geschirrwagen, penibel sortiert nach Tellern, Häferln und Besteck, plus einem Kübel mit Essensresten seine Anziehungskraft verliert und sich Quadratmeter weit zur Potenz im gesamten Gang und Wartesaal verteilt. Ja, das war der Auslöser, dass ich ihr endlich mal zulächeln konnte und sie es zumindest regis- trierte, von erwidern konnte man nicht mal ansatzweise sprechen.

Gut, ich bin es gewohnt, nein eigentlich nicht, abblitzen meine ich, denn ich probiere es ja nicht einmal, Mädchen anzusprechen, den Hof zu machen, anzumachen, anzubändeln, zu reizen, kokettieren, liebäugeln oder ein- fach nur anzulächeln. Meine Angst ist so groß, mein Selbstwertgefühl ist so klein und meine Erfahrung mit anderen Personen, egal ob weiblich oder männlich, auch ob sie jung oder alt sind, so erniedrigend, dass ich stets den Abstand suche. In meinen Träumen habe ich sie, damit meine ich jetzt nicht sie, sondern alle, viele Mädchen, zigmal angesprochen, mich mit ihnen verabredet. Zu Hause angekommen, habe ich überglücklich meine Mutter geküsst, habe um sie getanzt und gute Laune im Hause verbreitet, so als wäre sie ansteckend. Mein coolstes Gewand gesucht, wenn es in der Wäschetruhe bereits verstaut war, herausgezogen, glatt gestreift, einparfümiert und versucht, ungesehen die Wohnung zu verlassen. Mama hätte mich ansonsten nicht so gehen lassen. Die Abende waren traumhaft, am Ufer einfach nur spazieren zu gehen, Händchen haltend, so wie in den großen Lie- besfilmen. Auf einem einsam verlassenen Bankerl mit ihr zu sitzen und den Sternhimmel beobachten, schweigend, aber dennoch erfüllend und glücklich.

Die nasse Hose und die nachstehende Scham rissen mich aus meinen Träumen, aus meiner schönen heilen Welt, die stets um mich ist, wenn ich die Augen schließe.
Diesmal wollte ich es riskieren, einmal in meinem Leben, in meinem realen Dasein, das Wagnis einzugehen, zurückgewiesen zu werden. Dreimal sah ich sie bisher und stets im selben Wartesaal, wo auch ich auf meine Untersuchungen, auf das Krachen im Lautsprecher und die Stimme "Herr Fortwill bitte, Herr Hannes Fortwill, Zimmer drei, bitte", wartete. Die Zahl ist eine fixe Größe, ein Begriff der Mathematik, bestimmend, wie es eben ist in diesem Gegenstand. Habe ich mir schon fünfzehnmal, neunzehnmal oder gar achtundzwanzigmal den Gedanken durch meinen Kopf sausen lassen. Ich weiß es eben nicht, da ist auch die Zahl das Nebensächlichste, der Grund der Überlegung macht den Sinn und der ist beim ersten Mal genauso schwerwiegend wie beim achtundzwanzigsten Mal; wieso mache ich diese ganzen Untersuchungen noch mit?

Obwohl, wenn ich über Zahlen spreche oder darüber denke, dann fällt mir sofort eine Geschichte ein, die ich vor einigen Monaten von einem neben mir sitzenden, sehr alten Menschen hörte. Auch er erzählte mir über die fixe Größe der Zahl, nur in einem etwas anderen, sehr skurrilen, nein vielmehr unbeschreiblichen, bizarren Zu- sammenhang. Simon Rosenthal hieß er, der Name verschwindet irgendwie nicht aus meinem Gedächtnis. Ich weiß nicht mehr genau, wie es dazu kam, dass er mir seine Geschichte erzählte, jedenfalls war mir mal wieder stinkelangweilig und so horchte ich halt zu. Anfangs mit einem Ohr – hätte ich nach fünf Sätzen acht Ohren ge- habt, hätte ich alle dafür geopfert.

Deportation, mit diesem Wort begann er, er befand sich 1945 im Bereich der österreichisch-ungarischen Grenze. Wieder einmal wurden er und seine 11 anderen armen Schweine in einer Lagerhalle zwischengelagert. Dieser Ausdruck alleine, aber genau den verwendete er, besagt den zu dieser Zeit geschätzten Wert und die Ach- tung gegenüber gewissen Personengruppen und Menschenrassen: zwischengelagert. Heutzutage lagert man Bananen, Autos oder Jeans zwischen. Andererseits wandert die Zeit wieder in diese Richtung, denke man nur an Flüchtlinge politischer oder religiöser Vorgeschichte, die Umstände der Unterbringung und vor allem die Achtung vor dem einzelnen Menschen tendiert zur Zwischenlagerung. Er erzählte weiter, seine Stimme wurde mit jeder Silbe leiser, sodass ich mich immer weiter zu ihm hinbeugen musste...

 

Zusammenfassung: Ich bin behindert, und du?
Buch erscheint vermutlich im Juni.

Die Zeit läuft wie in einem Zeitraffer, Stunden und Minuten verstreichen schneller als je zuvor, für vieles bleibt keine Zeit mehr übrig. Geld, Macht und Ansehen, das sind die Dinge, die heutzutage zählen, die Nächstenliebe oder gar die soziale Ausgewogenheit hat da fast gar keinen Platz mehr.

Schwimmt man in diesem Strom nicht mit, ist man grober Außenseiter, ist man gar anders als die anderen, wird einem hemmungslos aufgezeigt, dass man in ihrer Welt nichts zu suchen hat.

Die Frage lautet berechtigterweise, wer entscheidet oder was macht einen "anders"? Leider reicht dazu zum Beispiel schon eine andere Hautfarbe, aber auch eine andere Sprache, schon alleine Übergewichtigkeit oder Körpergröße können da ausschlaggebend sein und natürlich eine geistige oder körperliche Behinderung. Ich habe in meinem Buch "Ich bin behindert, und du?" nicht den Schlüssel für die Lösung des Problems gefunden, hab nicht einmal probiert, ihn zu finden, nein, ich habe versucht, mich in die Gedanken und auch in den Körper eines behinderten Menschen hineinzuversetzen. Dabei habe ich versucht aufzuzeigen, wie gerne ein solcher Mensch sich in die Gesellschaft einfügen möchte, wie groß das Bestreben ist, ein wenig akzeptiert zu werden, anderseits aber auch, wie grausam und unmenschlich unsere heutige Gesellschaft sein kann.

Nun ein wenig zum Inhalt meines Buches, in dem Hannes Fortwill die vorweg beschriebene Hauptrolle einnimmt. Es ist die unglaubliche Lebensgeschichte von Hannes, behindert und sich sein Leben lang gehänselt und ausgegrenzt fühlend. Entbehrungen, Angst und Zorn zeigen, wie tief der Graben in unserer Gesellschaft gegenüber den Benachteiligten zu sehen ist.

Hannes Fortwill, der in ärmlichen Verhältnissen in Österreich aufwächst, ist schwer körperlich behindert. Er leidet an einer infantilen Zerebralparese, die seine motorischen Fähigkeiten stark einschränkt und gelegentlich zu unkontrollierbaren spastischen Anfällen führt. Hannes macht sich Gedanken über den Sinn des Daseins und stellt immer öfter fest, dass er sich sogar in Gegenwart von Tieren wohler fühlt als in der Gegenwart der Menschen, er sucht immer häufiger die Einsamkeit. Viel Zeit muss er in Krankenhäusern und Wartezimmern verbringen und doch ist keine Besserung in Sicht. Der einzige Lichtblick ist Tina, die er im Wartezimmer kennenlernt. Sie leidet an derselben Krankheit wie er, hat jedoch einen schlimmeren Verlauf. Sie freunden sich an und eine ganz besondere platonische Liebe entwickelt sich zwischen den beiden. Schon bald zieht Hannes zu Tina, die ihn wieder glücklich macht und ihm zeigt, wie schön es ist, Kontakt zu anderen Menschen zu haben, obwohl er aber auch weiß, dass es von dieser Sorte nicht viele in der derzeitigen Gesellschaft gibt.

Leider bleibt das Glück nicht an seinen Fersen heften und der Zustand von Tina verschlechtert sich von Woche zu Woche rapide − es wird noch schlimmer, sie wird ein Pflegefall.

Ich versuchte, eindrucksvoll, aber auch einfühlsam das Gefühlsleben von Hannes Fortwill zu beschreiben und ich hoffe, es wird deutlich, wie schwer es für Hannes und andere Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft ist. Sie werden ausgegrenzt, gehänselt und zum Außenseiter abgestempelt, anders gesagt: Der Weg zum Eremit ist unausweichlich.

Das Ende des Buches verrate ich Ihnen jetzt nicht, aber eines möchte ich Ihnen noch mitteilen:

Sollten Sie sich dazu entschließen, mein Buch zu kaufen, dann haben Sie auf jeden Fall schon etwas Gutes getan, denn mit jedem Kauf eines Exemplares gehen € 2.- an eine Institution (Österr. Verband für Spastiker-Eingliederung), welche spastische Kinder betreut und ihnen durch den Alltag hilft. Darüber hinaus wäre es mein Wunsch, wenn man sich während des Lesens oder danach Gedanken über die persönliche Beziehung zu sogenannten "Außenseitern" macht. Dabei möchte ich nicht unbedingt den Fokus nur auf behinderte Menschen zoomen, wobei es jene Menschen am schwersten von allen haben. Aber zum Beispiel auch Immigranten haben es verdammt schwer, sich in unsere Gesellschaft einzufügen. Würde jeder von uns nur ein wenig mehr soziale Wärme geben, sich ein bisschen über die Probleme derer Gedanken machen, es wäre ein Weg nach vorn.

Mir ist auch klar, dass ich aufgrund dieser Zeilen von vielen belächelt werde, aber wenn es nur ein paar Menschen sind, die sich durch mein Buch darüber Gedanken machen, habe ich, aber vor allem die Menschlichkeit, schon gewonnen.
DANKE! Harald Jelinek


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