Hoffnungslos

In Zweierreihe standen sie an; zwei Kolonnen, jeweils etwa zwanzig, vielleicht fünfundzwanzig Mann stark. Am Kopf der Warteschlange lauerte der schnelle Tod; die jeweils Nachrückenden, die nun zum Kopf der Reihe geworden waren, wurden hinter eine alte Mauer befohlen. Von dort vernahmen die Wartenden Schüsse. Was jene nicht sahen, nur angstvoll ahnten: man jagte den hinter der Mauer Verschwindenden eine Kugel in den Schädel – nur eine Kugel; nur eine kostensparende Patrone, mehr nicht. Sie sahen es nicht, lauschten nur dem zerfetzenden Donner schädelspaltender Schüsse, wußten instinktiv, hier geht es dem Ende entgegen.

Flucht schien ausgeschlossen; denn flankiert wurde die Zweierreihe von bewaffneten Aufsehern, die den Schuss, der erst in einigen Minuten hinter gemörtelten Stein eingeplant war, in die unmittelbare Gegenwart verlegt hätten, sofern man seine Beine in die Hände genommen hätte. Abwägen: noch einige Minuten Sauerstoff in die Lungen ziehen oder doch gleich den finalen Schuss provozieren? Leben schützen, selbst wenn es nur noch für einen Augenblick ist - oder Würde bewahren, nicht als Lamm zum Schlachter zu geraten?

K. stand an siebter oder achter Stelle, minütlich zum Kopf der Kolonne aufrückend. Er vernahm Schüsse, immer wieder Schüsse; ihm war bewusst, was ihm blühte – allen war es klar. Die Soldaten würden ihn erschiessen. Sie würden schon einen Grund haben, das zu tun. Denn Soldaten befolgen Befehle und Befehle messen sich am praktischen Sinn. Vermutlich würde er, wie die anderen in den beiden Wartenschlangen, nur Lebensmittel verbrauchen, die andere besser gebrauchen könnten. Unnütze Esser zu erschießen, das war vielleicht nicht human, mindestens aber funktional – betriebswirtschaftliche Analytik ist einer brotlosen Ethik einfach überlegen; liegt dem homo oeconomicus einfach im Blut.

Nur noch an fünfter Stelle. K. rang mit sich: flüchten und sterben oder warten und sterben? Falls erste Option ergriffen werden soll, dann bitte schnell; gleich würde er an vierter Stelle stehen, dann an dritter! Was ihn wunderte war, dass er sich erstaunlich gelassen fühlte – er roch Urin, er roch Kot. Offensichtlich ließen bei einem seiner Kollegen – oder bei mehreren! - die Schließmuskulaturen nach. Ein ganz normaler Vorgang bei Todesangst; er aber bliebt relativ ruhig, blieb mehr Beobachter als baldiges Opfer einer aggressiven Menschheit, pisste sich aber endlich auch die Hose nass.

Die Fluchtgedanken legten sich, denn nun stand er am Kopf seiner Reihe. Sein Vorgänger verschwand gerade hinter der Mauer. Er lauschte Stimmen, er hörte ein Winseln. K. lugte zu seinem Nebenmann aus der anderen Reihe: mit ihm würde er gleich sterben. Er machte sich ein Spiel daraus, wer wohl länger auf Erden blieb, wer womöglich einige Sekunden später die Schädelplatte zerrissen bekäme. Ob er noch Zeit hätte, laut „Gewinner!“ zu rufen? Die Schüsse der Vorgänger ließen auf sich warten – vielleicht floß genug Blut für heute, vielleicht machen die Schlächter gleich eine Mittagspause: Hoffnung keimte, eine Hoffnung, die schon abgelegt war. Dem Fatalismus folgte die Vorfreude auf einen, zwei, drei Stunden mehr Lebensgenuss. Doch zuletzt: Schüsse!

Keine Pause, das Morden am Fließband, es würde weitergehen. Man forderte ihn nicht gerade unfreundlich auf, er wolle bitteschön hinter diese Mauer treten. Seinem Nebenmann hieß man dasselbe. Stehenbleiben? Sitzstreik? Was würde das alles bringen? Nur einen noch schnelleren Tod – lieber folgen, lieber ein braver gefangener Befehlsempfänger dieser soldatischen Befehlsempfänger sein, als gleich das Zeitliche zu segnen. K. schlurfte zur Mauer, nicht zu eilig, einige Sekunden sollte dieses Leben noch in petto haben. Sein Leidensbruder, der gleich neben ihm Gehirnmasse verschütten sollte, schien es eiliger zu haben. Dieser war schon hinter der Mauer verschwunden, als K. für diejenigen aus dem Blickfeld entwich, die jetzt einen nur noch kümmerlichen Lindwurm bildeten.

Dahinter angelangt erblickte K. zwei Gefangene, die dabei waren, Kadaver auf Kadaver zu stapeln, an den toten Gliedern zogen, am leblosen Nacken zerrten, leblose Körper wälzten und wuchteten. Gleich würde K. und sein Nebenmann auch zum toten Fleisch, zur Stapelmasse gieriger Aufräumerhände. Ein Soldat lud gerade einen Revolver nach, herrschte die beiden Neuankömmlinge an, sie mögen sich so und nicht anders positionieren und platzierte die Pistole auf K.s Kollegen Stirn. Ganz ohne Zeremoniell, ohne letzte Worte, letzten Wunsch, letztem gewährtem Atemzug zerbarst dessen Stirnbein, zerriss es beim Austritt der Patrone dessen Hinterhauptbein. Mensch gewesen, nun freigegeben zum Stapeln. Ohne viel Federlesens wandte sich der Scharfrichter K. zu, zielte und... ein Schrei unterbrach die Reinigungsaktion.

Einhalt wurde geboten; ein höherer Dienstgrad, herrisch in Gestalt, erbat die schriftliche Erlaubnis „dieses Verfahrens“, wie er es nannte. Der Todesschütze konnte damit nicht dienen und erlebte ein Donnerwetter; was für ein Gebrüll des Vorgesetzten! Was bilden Sie sich ein? Haben Sie den Verstand verloren? Sie Unmensch; Sie Verrückter; Sie Arschloch! Er schrie nicht mehr, er belferte, er zerriss, zerfetzte sich schier den Kehlkopf.

Nach einem Augenblick des Schweigens, der Ruhe nach dem Sturm, bat er den Schützen auf die Kommandatur, zur Überprüfung des Sachverhalts. K. wurde angewiesen als Zeuge zu folgen. Hat er diese Leute erschossen, fragte der höhere Dienstgrad, wartete aber keine Antwort ab, winkte höhnisch ab, als wollte er auch nie eine Antwort erhalten, meinte aber geringschätzig, all das könne man ja bei einem warmen Kaffee auf der Kommandatur besprechen. K. wollte zunächst intervenieren, wollte auf die Mauer deuten, die ihn als Zeugen verhindert hatte – er schwieg aber; die Hoffnung übermannte ihn.

In der Wärme der Kommandatur umwehte K. ein bekannter Geruch; es roch nach Papier, Enge, Humorlosigkeit; es roch nach Bürokratenschweiß, nach Paragraphen und den sich daraus ergebenden Notwendigkeiten, in bestimmter Weise zu verfahren – nach Paragraphen und der sich daraus herausdeutbaren Willkür. Das Grüppchen, welches neben K. den Schützen und den höheren Dienstgrad umfaßte, wurde in ein steriles Zimmerchen geführt. Dort nahmen sie Platz, schenkten sich bereitstehenden Kaffee ein; auch K. bekam eine Tasse serviert. Der Schütze versuchte einen Schwatz zu beginnen; wo man denn in dieser Gegend einen netten Abend verbringen könnte, fragte er K. freundlich. K.wollte antworten, doch die Türe wurde aufgestossen; ein kantiger Klotz von Mann stand im Türrahmen, fragte nach dem Problem. Der höhere Dienstgrad erläuterte die Lage; offenbar handelte es sich beim dem Klotz um einen noch höheren Dienstgrad. K. wurde daraufhin aus dem Zimmer geführt, man brauche keinen Zeugen, hieß es. Auf dem Flur vernahm er dumpfe Schwallwellen, konnte dem Gespräch folgen, verstand beinahe jedes Wort – kein Wunder, es wurde erneut gebrüllt. Ob er, der Schütze, noch bei Trost sei – erschösse Menschen, einfach so! Sind Sie noch bei Sinnen, Sie Idiot! Zivilisten erschießen, das wäre ja „ein gottverdammter Frevel“. Sie verblödetes Subjekt! Konsequenzen würde es auf jeden Fall noch haben.

K. nippte zufrieden an seinem Kaffee, dem man ihn erlaubte mitzunehmen, verspürte, wie die längst verflogene Hoffnung immer stärker in sein Denken vordrang. Er merkte, wie sich die Betäubung aus seinem Geist verabschiedete, wie er Aufwind nahm. Vielleicht gäbe es heute noch ein Abendbrot. Gut, dass er nicht geflüchtet war, lobte er sich leise; nicht den Kopf verlieren: das war immer noch die erbringlichste Losung, denn am Ende kläre sich jedes Mißverständnis. Das Gebrüll verstummte, K. lauschte, hörte aber nur dumpfes Gerede, konnte nichts verstehen.

Nach einer Weile voller unidentifizierbaren Gebrummel öffnete sich die Türe; der Schütze und der höhere Dienstgrad, der in Anwesenheit des Klotzes nur ein mittlerer Dienstgrad war, hießen K. mitzukommen. Man verließ schnurstracks die Kommandatur, marschierte flotten Trittes zurück hinter die Mauer. Dort nahm K. selbständig und bar einer besseren Idee jene Positur ein, die er innehatte, als ihm beinahe der Schädel durchschossen worden wäre. Der mittlere, jetzt wieder zum höheren Dienstgrad gewordene, erläuterte dem Schützen, dass er „ein selten dummes Arschloch“ sei, weil er hier einfach so die Leute erschoss. Einfach so: ohne Formalien, ohne vorher Löcher ausgehoben, ohne sich ein ruhigeres Plätzchen ausgesucht zu haben, an dem man von der Öffentlichkeit unbeobachteter wäre. Sie dummes Arschloch, beim nächstenmal denken Sie mit! Der höhere Dienstgrad blickte K. an, hieß allen Anwesenden weiterzumachen und wünschte noch einen erfolgreichen Tag und verschwand.

Gehen Sie die Straße hinab, dort ist ein Nachtlokal, in dem man sich amüsieren kann, sagte K. zum Schützen, damit dessen zuvor gestellte Frage beantwortend. Danke, erwiderte der Schütze verdutzt aber freudig und legte den Mündung seiner Waffe auf K.s Stirn...