Hier können Familien Kaffee kochen

Morgen wäre die Sozialdemokratie 150 Jahre alt geworden.
Sie wurde als synthetische Idee zwischen Revolutionsgeist und Stillstand geboren. Den Marsch durch die Institutionen ging sie schon Jahrzehnte vor denen an, die Ende der Sechzigerjahre diese Parole aufbrachten. Böse Zungen behaupten, sie seien in den Institutionen hängengeblieben, wie später die Grünen - und wenn man so in die Geschichtsbücher blickt, an Kriegskredite, an Noske denkt, dann mag man dem beipflichten. Dennoch war die Sozialdemokratie lange Jahre eine Alternative im Kapitalismus, war es der Überbegriff für die, die es etwas besser, etwas aufgeklärter, etwas menschlicher machen wollten. 150 Jahre alt wäre diese kleine Alternative morgen geworden.

Es war eine Existenz in trial and error. Mancherlei hat sie aber bewirkt. Selbst in der Bundesrepublik, als sie ihren ursprüngliche Konstitution schon durch ein Bekenntnis zum Kapitalismus ersetzt hatte. In späten Jahren näherte sie sich einer ökonomischen Vorstellung an, die zum vollendeten Verrat an den eigenen Idealen geriet. Solchen Verrat hat man der Sozialdemokratie schon zeit ihres Lebens vorgeworfen. Erst taten das die Kommunisten, dann die Pazifisten, später die Antifaschisten und letztlich die Kapitalismuskritiker - immer befand jemand die Sozialdemokratie für nicht radikal genug, für nicht ausreichend mutig, um Stellung zu beziehen. Mit der Neuorientierung an New Labour, mit einer Sozialpolitik, die sich nicht nach den Bedürfnissen der Menschen richtete, sondern nach dem Finanzierungswillen des Kapitals, hatte sie altersstarrsinnig den letzten Verrat geübt.
An der Agenda 2010 erkrankte sie unheilbar. Sie taumelte, redete wirr, verleugnete das Siechtum noch einige Zeit und legte sich nieder, um nie wieder aufzustehen. Als vor einigen Wochen Ottmar Schreiner starb, las man allerorten, dass er der letzte Sozialdemokrat gewesen sei. Da war die Sozialdemokratie selbst aber schon einige Jahre tot. Gegen Ende der Veranstaltung erklärte man noch blenderisch, man reformiere nun den ganzen Zinnober, löse die Lebenslügen des linken Flügels auf, rette die Sozialdemokratie in eine neue Zeit hinüber. Krankheit als Chance. Jeder der schon mal einen Patienten begleitet hat, kennt diese irrationalen Erklärungsmuster, die dem Schlechten noch was Gutes abgewinnen wollen. Die Genossen taten dies auch.
Die SPD wäre 150 Jahre alt geworden - und die Schrift "Unser Weg zur sozialistischen Großuniversität - Gedanken zur Verwirklichung der Hochschulreform an der Karl-Marx-Universität" jährt sich am selben Tag. Vor 45 Jahren wurde sie veröffentlicht. Zwei Jubiläen, aber eine rote Linie. "Hauptaufgabe der Lehre ist die Aus- und Weiterbildung von wissenschaftlichen Fachkräften und leitenden Kadern für die Praxis", liest man dort. Bis hierher klingt es nach Reformstreben heutiger Machart, nach Bachelor- und Masterforderungen, wie sie auch die Sozialdemokratie favorisiert. Doch weiter heißt es da, dass sie sich als Fachleute bewähren sollen, "die in der Lage sind, gesellschaftliche Prozesse zu führen, und die über ein hohes kulturelles Niveau verfügen." Darüber sind wir heute hinweg, kulturelles Niveau ist nicht das Thema in einer Republik der gezielten Verfachidiotierung.
Ist heute noch eine Sozialdemokratie denkbar, die wie damals in der DDR einen Bildungssektor nach humanistischen Idealen fordert? Oder ist, weil alles so falsch zu sein hat, was in der DDR war, keinerlei soziale Politik, keinerlei Ausgleich mehr zu erwarten? Auch am Umgang mit dem geistigen Erbe der DDR zerbrach die Sozialdemokratie, ihre lavierende Haltung zwischen Pflichtgehorsam gegenüber der Marktwirtschaft und Diabolisierung staatlicher Eingriffe hat sie krank werden lassen, hat ihr endgültig alles Linke ausgetrieben.
Es gibt noch etwas, das sich mit dem Schriftzug SPD schmückt. Vaterlandsvolle Gesellen, Bossegenossen, Salon-Sozis, die sich um Tempolimits auf Autobahnen streiten und die ihre Pflichten vor Gott und Merkel so ernst nehmen, dass dabei jegliche absichtsvolle Opposition eingestellt wird. Ein Brauchtumsverein, der keine Vorstellung mehr von einer besseren Welt hegt, keinen Plan zur Umsetzung mehr sozialer Gerechtigkeit kennt. Tucholsky meinte mal, dass sich die Sozialdemokratische Partei Deutschlands einen anderen Namen geben sollte. "... Reformistische Partei oder Partei des kleinen Übels oder "Hier können Familien Kaffee kochen" oder so etwas. [...] So aber macht der Laden seine schlechten Geschäfte unter einem ehemals guten Namen". Die großen Fragen finden nicht mehr statt, es geht um die Organisierung des Kapitals und des modernen Merkantilismus, also um die Bedienung des Exportüberschusses bis in alle Ewigkeit - und es geht zudem um allerlei Nichtigkeiten, ums Kaffeekochen halt. Um den Popanz von sozialer Gemütlichkeit, um für Plakate auf Hochglanz polierte Suggestionen von gedeckten Kaffeetischen, an die dieser Brauchtumsverein alle einlädt. Kaffee muss man sich dorthin aber selbst mitbringen.
Wenn sie jetzt die Sozialdemokratie feiern, dann ist das wie das Einkleiden eines Leichnams, den man überdies auch noch an einer gedeckte Kaffeetafel platziert. Und man kommt einer Toten zu gratulieren. Sie ist ein ausgehöhlter Kadaver. Die Feierlichkeiten dieser Tage sind nicht weniger als Leichenschändung. Der Name existiert noch, man hat ihn als Relikt übernommen, er ist in den Sprachgebrauch übergegangen und war halt schon so hübsch auf die Briefköpfe des Vereins gedruckt. Warum also ersetzen? So wie man Liberale sagt, aber Wirtschaftsdiktat meint; so wie mancher Atheist immer noch Mein Gott! sagt, es aber gar nicht wortgetreu meint, so gibt es auch heute noch eine SPD, die nicht meint, was sie namentlich sagt. Diese Jubiläumsakte sind Nachrufe, die geschickt verhüllt, die als Aufbruchstimmung und gute Laune gestaltet sind. Fröhlicher wurde selten an einem Grab gestanden.

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