Heute mal n’ Buchtip

Vielleicht auch eine Antwort auf die Frage: Gibt es eine historische Kontinuität der Dummheit?Von Jürgen Voß
Es mag einem älteren „Herrn“, der die Siebzig im Blick hat, der offensichtliche Ana-chronismus verziehen werden, ausgerechnet in diesem Medium, das zur totalitären Beherrschung seiner Nutzer neigt, für eine klassisches Printmedium wie ein Buch zu werben.
Es geht um einen schon fast 20 Jahre auf dem Markt befindlichen Reader über Ursachen und Folgen des Ersten Weltkrieges. (Der Erste Weltkrieg Wirkung – Wahrnehmung – Analyse, hrsg. v. Wolfgang Michalka, Seehamer Verlag) Die Lektüre dieses Aufsatzbandes von 40 Wissenschaftlern empfiehlt sich nicht nur angesichts des in spätestens zwei Jahren (August 1914 – Beginn des ersten Weltkrieges) wahrscheinlich uferlosen Veröffentlichungsbooms jetzt schon als hochaktuelle historische Bestandsaufnahme sondern ist m. E. auch deshalb empfehlenswert, weil in jedem der Aufsätze soviel dem Laien Unbekanntes und soviel Ungeheuerliches zur Sprache kommt, dass sich diese ihm buchstäblich verschlägt. Und letztlich: Parallelen zur Gegenwart sind – so abenteuerlich das klingen mag – durchaus zu ziehen.
Noch aus dem Schulunterricht wissen wir, dass gerade auf deutscher Seite eine lächerlich ungeschickte, ja tölpelhafte Diplomatie nach dem Attentat von Sarajewo den an sich vermeidbaren Krieg schließlich ausgelöst hat, wobei die Rolle des Kai-sers , ein Kretin an Körper und Geist, sowie die seines engsten Vertrauten, des Reichskanzlers Bethmann-Hollweg, von dem der unselige Slogan „Ein Platz an der Sonne“ stammt, besonders negativ hervorzuheben ist.
Weit weniger bekannt ist die Tatsache, dass der Chef der obersten Heeresleitung von Falkenhayn schon im November 1914 nach dem Verlust der Marneschlacht und der Erstarrung der Fronten just diesem Reichskanzler offiziell mitgeteilt hat, dass „für das deutsche Reich der Krieg militärisch nicht mehr zu gewinnen sei“ (zit. nach Holger Afflerbach“, S. 286). Gleichwohl wurde weitergekämpft und das Blut von Millionen junger Menschen unnötig vergossen, erst recht als im August 1916 die „Vernichtungsstrategen“ und politischen Wirrköpfe Ludendorff und Hindenburg die oberste Heeresleitung übernahmen. Eben jeder Ludendorff, der 1918 nach der Kapitulation feige in Zivil über die Grenze nach Dänemark geflüchtet war, nachdem er bei der letzten Frühjahrsoffensive 1918 in knapp anderthalb Monaten 424 000 junge Menschen ohne jeden Nutzen in den Tod gejagt hatte und der dann später – einmal rechtsradikal, immer rechtsradikal - am 9. November 1923 neben Hitler auf die Feldherrnhalle zu marschiert war, um zu putschen.
Doch abgesehen von diesen erschütternden Zahlen wird auch der Frage nachge-gangen, wie konnte diese Form des kollektiven Wahns, der das ganze Volk - we-nigstens zu Beginn des Krieges - erfasst hatte, entstehen und warum wurde der Krieg, obwohl offensichtlich nicht mehr gewinnbar, ungeachtet aller täglichen Opfer über vier Jahre weitergeführt? Den Schlüsselsatz dazu liefert Martin Vogt mit einem Ausspruch von Walther Rathenau, den Rechtsradikale später (1922) hinterrücks ermordeten: „In Deutschland gelten Illusionen als Tugend und die kühle Beurteilung als Laster“ (Martin Vogt, S. 623) Dies gilt nicht nur für die Einschätzung der strategischen Lage sondern vor allen auch für die Ziele des Krieges. Von Anfang war dieser Krieg ein Annexions- und Eroberungskrieg (und nicht wie später behauptet, ein Verteidigungskrieg), darauf hat schon Fritz Fischer in seinem Buch „Der Griff zur Weltmacht“ aufmerksam gemacht und damit den Zorn seiner Zunft 1964 hervorgerufen.
Die Eroberungsziele der Kaiserlichen Marine, des mächtigen Alldeutschen Verban-des und der Generalität klingen heute abenteuerlich, ja schon fast kabarettreif: „Das Deutsche Reich müsste verlangen, dass ihm der Landstrich von Nancy, nord-westlich über Toul, Verdun bis an die Mündung der Somme und von Nancy südlich über Besancon, Grenoble bis Toulon abgetreten würde, wobei vom Rhonetal mitzunehmen wäre, was militärisch notwendig erscheint.“ (zitiert nach Martin Vogt, S. 632).
Berüchtigt auch die Intellektuellendenkschrift vom 20. Juni 1915, unterschrieben von 352 Hochschulprofessoren (!!!), 252 Künstlern und Schriftstellern und sowie Hunderten von Industriellen, Bankiers, Geistlichen, Verwaltungsbeamten und hohen Militärs. Darin wird gefordert, dass „bis an die Grenze des Erreichbaren“ gegangen werde, wenn es um Annexionen nach dem „Siegfrieden“ ginge. Selbstverständlich das Kohlebecken von Longwy bis Calais (von Stresemann, erst in den späten Zwanzigern zur Vernunft gekommen, schon als das „deutsche Gibraltar“ bezeichnet) und dann natürlich (Martin Vogt S. 635) nicht zu vergessen, die Ziele der kaiserlichen Marine bezüglich eines riesigen deutschen Kolonialreiches: „…einen deutschen Gürtel quer durch Afrika, der die Westküste von Kamerun über Angola bis zu einem Drittel des alten deutschen Süd-Afrikas, die Ostküste von Deutsch Ostafrika bis zur Nordhälfte von Mozambique und dazwischen den Kongostaat umfasst.“ (Martin Epkenhaus, S. 330).
Es besteht kein Zweifel, dass diese Leute, dieses Gesinnungspack mit den feinen preußischen Manieren, für das Unheil, das sie angerichtet hatten, nie – juristisch sowieso nicht – politisch zur Verantwortung gezogen wurden oder dass sie sich auch nur hätten rechtfertigen müssen. Im Gegenteil: Nach dem Kriege, aus dem sie in der Regel unversehrt hervorgingen, taten sie alles, um das zarte Pflänzchen „Parlamentarische Demokratie“ zu bekämpfen und es schließlich in Zusammenwirken mit einen geisteskranken Schreihals niedrigster Gesinnung vollkommen platt zu machen. „Die „Chance zu einer Generalabrechung mit der Politik, die in den Krieg und die Niederlage geführt hatte“ wurde nicht genutzt. „Die Kriegsunschuldlegende der Rechten konnte weiterwuchern“ (Heinrich-August Winckler zitiert nach Gerd Krumeich, S. 915).
Heute, fast exakt hundert Jahre nach der „Urkatastrophe des 20 Jahrhunderts“ (George F. Kennan) den Bogen zur gegenwärtigen Politik zu schlagen, ist ein verwegenes Unterfangen. Die Völker Europas leben in Frieden miteinander, der letzte Krieg ist fast 70 Jahre her, Chauvinismus und Imperialismus scheinen – wenigstens in Mitteleuropa – verschwunden zu sein.
Trotzdem fühle ich mich angesichts des Starrsinns, mit dem die Herrschenden an der offensichtlich vollkommen gescheiterten neoliberalen Ideologie festhalten, an die Ignoranz und Unbelehrbarkeit der damaligen Eliten durchaus erinnert. Natürlich werden heute nicht mehr Millionen junger Menschen auf die Schlachtfelder ge-schickt, um dort elend zu verrecken (wenn man mal von Afghanistan absieht); 100 Jahre später sind wir deutlich weiter: Die Menschen werden nicht physisch sondern existenziell vernichtet, ihre berufliche und soziale Perspektive verschwindet für immer am Horizont. Eine ganze Generation steht in Südeuropa vor der Tür; Sozialleistungen, die die Übel des Marktes wenigstens einigermaßen kompensieren sollten, werden als Ursache für dessen Versagen angesehen und selbst da, wo nur rudimentär vorhanden, gnadenlos gestrichen.
Das tölpelhafte Auftreten unserer Kanzlerin, synchron passend zu ihrer äußeren Erscheinung, gegenüber den „faulen“ Griechen, die angeblich über ihre Verhältnisse gelebt haben, erinnert mich leider an die Aussprüche schlimmer Leute in jenen Jahren, ein Jahrhundert zurück, über die Qualitäten der Völker, gegen die man Krieg führte. Ein Angehöriger des intellektuellen Fußvolks der Kanzlerinnenpartei schwadroniert davon, dass jetzt in Europa „Deutsch gesprochen wird“. Wie weit sind wir da noch von dem unseligen Dichterwort Emanuel Geibels „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ entfernt?
Mit der ignoranten Halsstarrigkeit preußischer Militärs überzieht unsere politische Klasse fast einstimmig ganz Südeuropa mit den Kernessenzen einer unseligen Agenda eines skrupellosen Parvenüs, der jetzt in seiner dritten Lebensphase die Erfolge seines unseligen Tuns genießt. Bar aller ökonomischen Vernunft und erst recht fern jeglicher sozialen Sensibilität sind die Menschen, die sich inzwischen zu Dutzenden durch Selbstmord einem grotesken Spardiktat entziehen, einer solchen Politik gleichgültig. Wann ist eigentlich der für unsere Generation entscheidende Zeitpunkt des Aufbegehrens gegen die Kontinuität dieser Dummheit gekommen?
Bedarf es da erst des totalen wirtschaftlichen Zusammenbruchs? Wir sollten uns keine Illusionen darüber machen: Die Verfechter der „marktkonformen Demokratie“ haben für diesen Fall – wie gehabt - einiges an autoritären Lösungsvarianten im Köcher.
P. S. Ob das Buch noch „neu“ zu erhalten ist, weiß ich nicht. „Antiquarisch“ wird es in allen Varianten angeboten.

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