Held der Wissenschaft

Zunächst einmal wünsche ich allen Lesern frohe Weihnachten. Zum Ende des Jahre gibt es eine erbauliche Statistik, auch wenn sie in dieser Form in vielerlei Hinsicht fachlich angreifbar ist. Es geht, wie in der Weihnachtsgeschichte, um die Botschaft. Die berühmte Stelle um Jesu Geburt aus dem Lukas-Evangelium nimmt ja schließlich auch kaum jemand wörtlich.

Science Hereos

Das sollte man auch mit dem Ranking der Seite Scienceheroes.com nicht tun. Dort werden jene Wissenschaftler aufgeführt, die nach Meinung der Autoren die meisten Menschenleben gerettet haben. Natürlich ist es nicht ganz trivial zu bestimmen, wie viele Menschen ohne eine bestimmte Erfindung gestorben werden. Noch problematischer ist es, eine einzelne Erfindung oder Entdeckung einer oder zwei Personen zuzuschreiben. Schließlich beruht die Arbeit dieser Wissenschaftshelden immer auf der Arbeit anderer Menschen, ohne die sie ihre Entdeckungen nicht hätten machen können. Das wird oft mit dem berühmten Bild der Zwerge ausgedrückt, die nur deshalb so weit sehen können, weil sie auf der Schulter von Riesen stehen. Wobei man genauer sagen müsste, dass sie auf den Schultern anderer Zwerge stehen, die wiederum von anderen Zwergen getragen werden und so weiter.

Auch dieses Ranking ist also mit großer Vorsicht zu genießen, ebenso wie jenes zu den Massenmördern. Aber es hat doch einen Sinn, es erinnert uns nämlich daran, welche Vorteile uns Wissenschaft und Fortschritt gebracht haben. Das gerät ja mit zunehmendem Wohlstand in Vergessenheit. Da beklagt man sich beispielsweise über die moderne Landwirtschaft und vergisst, dass bis vor gar nicht allzu langer Zeit auch in Europa Hungersnöte noch an der Tagesordnung waren, während sie heute tendenziell weltweit zurück gehen. Was nicht heißt, dass es nicht Raum für Verbesserungen gibt. Aber alle Diskussionen über Übergewicht sind Pillepalle gegen das Problem des Hungers.

Zwei Düngemittelerfinder ganz vorne

Deshalb ist es kein Wunder, dass das Ranking nicht von Robert Koch, Ignaz Semmelweis oder Alexander Fleming angeführt wird, sondern von Fritz Haber und Carl Bosch angeführt wird. Die beiden haben das nach ihnen benannte Haber-Bosch-Verfahren entwickelt. Dadurch lässt sich Ammoniak gewinnen, das zwar auch in der Sprengstoffproduktion verwendet werden kann, vor allem aber Basis für die Herstellung von Düngemitteln ist. Die Seite Science Heroes schätzt, dass dadurch rund 2,7 Milliarden Menschen das Leben gerettet wurden, die sonst verhungert wären.

Platz drei teilen sich der Österreicher Karl Landsteiner sowie der deutsch-US-amerikanische Chirurg Richard Lewisohn. Lewisohn machte die Bluttransformation möglich, basierend auf der Areit Landsteiners, der die Blutgruppen entdeckt hatte. Die beiden haben nach Meinung der Autoren rund einer Milliarde Menschen das Leben gerettet.

Mit Edward Jenner folgt ein weiterer Mediziner, der eine Schutzimfpung gegen die Pocken entwickelte. Das ist eine besondere Erfolgsgeschichte, weil durch eine weltweite Impfkampagne die Pocken praktisch ausgerottet wurden. Den letzten Fall in Deutschland gab es 1972, den letzten weltweit 1977 in Somalia. Ausgerechnet dort gibt es aber heute eine starke islamistische Bewegung, die nicht nur Schutzimpfungen, sondern die modernen Wissenschaften insgesamt ablehnen.

Mit Norman Borlaug folgt wieder ein Vertreter der Landwirtschafts-Fraktion. Er war ein wesentlicher Treiber der Grünen Revolution, die mit Hilfe neuer Sorten und Anbaumethoden die Landwirtschaft in den Entwicklungsländern veränderte. Heute steht sie oft in der Kritik, weil sie moderne Sorten statt der traditionellen brachte, doch dabei wird oft übersehen wie viele Menschen ohne sie wohl verhungert wären. Als wohlgenährter Wohlstandsbürger träumt es sich leicht von alten Sorten und traditioneller Subsistenzwirtschaft, für die Betroffenen hält sich der Spaß allerdings in Grenzen.

Natürlich kann man das Ranking kritisieren

Wie umstritten so ein Ranking ist zeigen die beiden folgenden Plätze. Angeblich 177.000.000 Menschen haben Linn Enslow und Abel Wolmann gerettet, weil sie die Chlorung von Wasser einführen. Das erstaunt natürlich etwas, weil das in Deutschland als vorbeugendes Verfahren schon seit 1991 nicht mehr zulässig ist. Allerdings sind Chlorungen in Ausnahmefällen immer noch zulässig und werden auch eingesetzt, wenn Grenzwerte überschritten werden. In anderen Ländern mit weniger guter Wasserversorgung dürfte das Verfahren sogar noch wichtiger sein.

Erstaunlich auch, dass Robert Koch in der Liste der 100 größten Lebensretter nicht auftaucht, obwohl er der Seite zufolge durch die Entdeckung des Bakteriums mehr als sieben Millionen Leben rettete, was fast noch niedrig erscheint. Erstaunlich auch, dass Alexander Flemming und die anderen Entdecker und Webbereiter des Penicillins erst auf den Plätzen 21 bis 24 auftauchen. Oder dass für die Entwicklung eines Impfstoffs gegen Tetanus Christian Zöller mit 52 Millionen geretteten Menschenleben aufgeführt wird, Emil Behring, der auch noch einen Wirkstoff gegen Diphterie entwickelte, dagegen „nur" mit 42 Millionen Menschen (gemeinsam mit Paul Ehrlich und Kitasato Shibasaburo).

Warum ich das Ranking trotzdem zitiere

Doch wie gesagt finde ich das Ranking trotzdem wichtig um noch einmal an die Bedeutung der Wissenschaften zu erinnern. Ein gutes Beispiel ist Paul Hermann Müller, der laut Ranking auf Ehrlich, Shibasaburo und Behring folgt und demnach 21,2 Millionen Menschen das Leben gerettet hat. Er entdeckte nämlich die Bedeutung des Gifts DDT für die Insektenbekämpfung. Das ist zu Recht umstritten, weil es sich in der Nahrungskette anreichert und womöglich Krebs auslöst. Zu seiner Zeit war es aber das kleinere Übel im Vergleich zu Insektenplagen, die entweder die Nahrung zerstörten oder Krankheiten übertrugen. Seit den 1970er Jahren ist es in den Industrieländern verboten, in der Bundesrepublik darf es seit 1977 nicht mehr hergestellt werden. Einige behaupten, das Verbot sei zu früh gekommen, da es damals in den armen Ländern noch nicht ausreichend Ersatz gab. Allerdings wäre es vermutlich schwer gewesen, den Einsatz in Deutschland zu verbieten und den Export in die armen Länder zu erlauben - obwohl genau das zumindest eine zeitlang sogar sinnvoll gewesen wäre, bis eben andere günstige Methoden bereit stehen.

Wir lernen also, wie schwer die Abschätzung von Technikfolgen ist, dass es aber für die Abwertung des technischen und wirtschaftlichen Fortschritts, wie sie heute nicht nur bei den extremen Rechten, sondern teilweise auch auf der linken Seite üblich ist, wenig gute Argumente gibt.


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