#Hans_Neuenfels erhält den #Faust 2016

#Hans_Neuenfels erhält den #Faust 2016
Der Regisseur, Schriftsteller und Filmemacher Hans Neuenfels bekommt den Deutschen Theaterpreis "Der Faust 2016" für sein Lebenswerk. Der 75-Jährige gehöre zu den großen und prägenden Künstlern des deutschen Theaters, teilten die Organisatoren am Dienstag mit. Er erhält die Auszeichnung bei einer Gala am 5. November in Freiburg.
Dieses Interview machte ich mit ihm 2000 für verschiedene Medien
Am Vorabend ist es wieder spät geworden. Regisseur Hans Neuenfels hat bis drei Uhr nachts mit dem Dirigenten Lothar Zagrosek Details seines Regie-Konzepts für Mozarts „Cosi fan tutte“ diskutiert. Probleme gibt es auch mit einer Sängerin. Die darstellerische Herausforderung ist groß. Irgendwann erreichen Sänger die Grenze ihrer Möglichkeiten. Dann verengt sich die Stimme, macht sich Widerstand bemerkbar. Alltag eines Regisseurs, der es niemandem leicht macht, sich nicht, seinen Künstlern und auch dem Publikum nicht. Gibt es eine Angst des Spielleiters vor dem Buh-Orkan nach der Premiere? „Nein. Das hat ja alles mit Sehen und Hören von Menschen zu tun, das muss nicht immer ident sein. Aber ich glaube, dass ich, etwa was die Oper betrifft, mit dem größten Teil des Publikums ident bin, weil meine Aufführungen ja immer sehr gut besucht sind und sehr lange laufen. Und so denke ich, dass ich das Interesse eines Großteils der Menschen, für die ich ja arbeite, wecken kann.“
Schon bei seinem Debüt als Regisseur 1964 in Veit Relins Wiener „Ateliertheater am Naschmarkt“ mit Lenaus „Faust“ mit Heinz Trixner in der Titelrolle zeichnete sich ab, dass Neuenfels jegliche Konvention ablehnt und sich Dramen mit sezierender Neugierde Wort für Wort erschließt, um historische Bedingungen und die Bezüge zur Gegenwart herauszuarbeiten. „Wahrscheinlich hat das mit meinem kritischen Verhältnis zu jeder Form von Autorität zu tun. Ich denke , das ist mehr eine Suche als eine Absicht. Bei der Suche nach einem Inhalt, nach einer Berührung während der Lektüre oder dem Hören eines Musikwerkes stellt sich die Reibung automatisch ein; sonst würde ich mit 59 Jahren nicht immer noch versuchen, neue Wege zu gehen.“
Es hat zehn turbulente, actionreiche, zum Teil vom „Living Theatre“ beeinflusste Jahre Bühnentätigkeit gebraucht, bis Neuenfels sich an seine erste Opern-Regie wagte: er inszenierte 1974 in Nürnberg Verdis „Troubadour“.
Hat der der Spätstart beim Medium Musiktheater damit zu tun, dass Neuenfels eigentlich ein Mann des Wortes ist? Er war immer auch schriftstellerisch tätig ; sein erstes Theaterstück „Frau Schlehmihl und ihre Schatten“ hatte im Mai 2000 am Münchner Residenztheater Premiere. Neuenfels:“ Ja. Meine Generation formulierte sich sozusagen neu, die Begriffe waren ja nach dem Krieg, in der Adenauer-Ära und der Zeit der wachsenden Prosperität neu zu polieren, ja, man musste sie erst einmal finden, um sie zum Glänzen zu bringen. Wir waren sehr damit beschäftigt, die heile Welt mit unseren Worten in Zweifel zu ziehen. Das hat einerseits mit der Protest-Kultur der 1968er Generation zu tun und anderseits mit dem Neu-Entdecken der Internationalität, wir lasen Mallarmé, Joyce, die Spanier – wir verschlangen diese Art von Literatur, weil sie uns Türen zu neuen Horizonten öffnete. Wir waren voll damit beschäftigt, neu sprechen zu lernen.“
1974 stand Kagels Forderung nach der Zerschlagung der Opernhäuser immer noch im Raum. War diese Provokation mit ein Ansporn für die erste Opern-Inszenierung? „Mich reizt an der Oper, dass sich jenseits von Sprache viel unmittelbarer eine Emotionalität freisetzt, die die Gedanken dennoch erscheinen lässt. Dass Menschen über die Musik zu einer Haltung, zu Empfindungen wie Zorn oder Glück zu bewegen sind, damit auch Inhalte durchschauen, dagegen oder für sie eintreten können, - dass die Musik das bewirken kann, das fasziniert mich heute noch. Für mich ist Oper eine notwendige, ganz aktuelle Kunstgattung. Wie es mich beim Schauspiel interessiert, hinter die Worte zu schauen, so versuche ich bei der Oper hinter die Noten zu sehen, zu erkennen, was hinter der Musik verborgen ist.“
Die Laufbahn von Neuenfels als Opern-Regissuer ist vor allem von Verdi geprägt. Liegt das in seiner Vorliebe für die Gesangs-Oper oder in der dramatischen Wucht der Werke des Italieners begründet? „Da kommt beides zusammen. Verdi war für mich eine Art roter Faden, eine Leitfigur, an der ich die anderen Komponisten gemessen habe. Lange Zeit hatte ich keine Chance eine Mozart-Oper zu inszenieren. Daher war das Angebot aus Stuttgart 1998 ein großes Glück für mich. Es war nicht allein ´Entführung aus dem Serail`, es war die Begegnung mit Mozart überhaupt. Es war wie eine Explosion für uns alle, die wir daran arbeiteten. Und ich hoffe natürlich, dass die Neubegegnung jetzt mit ´Cosi fan tutte` auch einen Sinn ergibt.“ Knall, Explosion? Das klingt nach einer aufregenden Liebesbeziehung? Wird Neuenfels Verdi untreu? „Mozart ist genial. Das ist wie bei Shakespeare. Verdi hat ein Gefühl zur Welt, das ist ein großes Terrain, das er da beschreibt und absteckt. Aber Mozart ist ident mit der Welt. Dass ein Mensch in der Lage ist, so unmittelbar und gleichzeitig so wegwerfend, ohne moralische Verweise, doch immer mit einer Haltung einen Kosmos zu errichten, das ist das Geniale an Mozart. Jede Arie, jedes Duett ist eine Mikro-Oper für sich: Situationen entstehen und lösen sich wieder auf, alles ist im Fluss, das zeigt einem, wie vielfältig, wie fesselnd, und gleichzeitig in der Aufdeckung der Gefühle und Gedanken, wie rätselhaft Welt ist.“
Wo die Liebe aufhört, beginnt die Kunst.“ Das schreibt Neuenfels in einem Begleittext zu seiner Inszenierung. Und: „Die Liebe braucht keine Kunst. Wir brauchen so viel Kunst, um die Liebe zu beschwören. “ Wollte man diesen schönen, skeptischen und traurigen Text inhaltlich zusammenfassen, dann vielleicht so: Liebe ist die Sehnsucht danach. ´Cosi fan tutte` handelt von der korrumpierten Treue; heute müsste man die einander grausam mitspielenden Figuren dieser Oper als ihre eigenen Versuchskaninchen in ein Labor stellen. Neuenfels: „Das Entscheidende ist für mich, dass Mozart die Verhaltensweisen von Menschen, von Frauen und Männern zu sich und zueinander in Vielfältigkeit aufreißt, dass diese einzelnen Begriffe Treue oder Liebe, dieses unglaublich essayistische und erlebnisträchtige Moment der Fragestellung - was soll man mit Liebe, wie verändert sich durch Liebe der Blick auf sich und den anderen? –in einer so komprimierten Form aufgegriffen wird, dass ein Abend dafür nicht ausreicht. Die Gedanken von ´Cosi` sind zu reich, um inszenatorisch nur über einen Punkt zu laufen. Ich versuche ganz klar zu inszenieren: Arie für Arie, Duett für Duett. Ich versuche Mosaiksteine zu finden und sie zusammenzusetzen. Und wenn ich Glück habe, ergibt sich daraus ein wenig von der Vielfalt, die Mozart meinte. Das ist ja das Missverstandene an Mozart: all das Grazile und Liebliche meint ein Tänzeln am Abgrund, eine Gratwanderung zwischen Flug und Absturz.“ (Interview: 22. Juli 2000.Anlass: Neuenfels inszeniert Mozarts „Cosi fan tutte“ für die Salzburger Festspiele)

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