Hannah Ryggen, Bildteppiche - Frankfurter Schirn bis 12. Januar 2020

Hannah Ryggen (18941970): Vor Jahrzehnten hatte ich sie auf einer Norwegenreise für mich entdeckt, im kunstindustrimuseum in Trondheim, was so viel wie Kunsthandwerksmuseum bedeutet - obwohl ihre Bildteppiche gar kein bloßes Kunsthandwerk sind, sondern zutiefst künstlerische Arbeiten; sie hat es selber so gesehen, und auch von der Kunstgeschichte wird sie heute als bedeutend eingeschätzt. Zur Zeit, noch bis zum 12. Januar 2020, werden aus Anlass der Buchmesse mit dem "Gastland" Norwegen 25 ihrer monumentalen Wandteppiche in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt a.M. ausgestellt. "Diese Ausstellung würdigt mit Ryggen eine singuläre künstlerische Position abseits des etablierten Kanons der Moderne, deren starke Stimme uns bis heute unmittelbar anspricht und bewegt", heißt es in einem der Wandtexte.

Csm_Schirn_Presse_Hannah_Ryggen_Ausstellungsansicht_Miguletz_4_0046b9175dHannah Ryggen ist 1894 in Malmö, Schweden, geboren, wo sie im Arbeitermilieu aufwuchs und zunächst als Lehrerin arbeitete (und nebenbei Malunterricht nahm). 1922 bekam sie ein Stipendium und studierte Malerei in Deutschland. In Dresden lernte sie den norwegischen Landschaftsmaler Hans Ryggen (1894 - 1956) kennen, den sie 1923 heiratete. Ein Jahr später zog das Paar nach Ørland in Norwegen (die Heimat von Hans Ryggen); dort lebten sie zeitlebens auf einem kleinen Bauernhof als Selbstversorger (!). Die Webarbeiten fertigte sie stehend an einem Webstuhl, den ihr Mann gebaut hatte. Ihr Material war von Hand gesponnene und mit Pflanzen gefärbte Wolle (nach Wikipedia, präzisiert nach einer norwegischen Seite).

In großformatigen figurativen Tapisserien griff ..." Hannah Ryggen "grundlegende Themen des Menschseins und des Lebens in der Gesellschaft auf: die Gräuel des Krieges, den Missbrauch von Macht, die Abhängigkeit von der Natur und die Verbindungen zu Familie und Mitmenschen. Viele ihrer Arbeiten befassen sich mit den Ereignissen und politischen Auseinandersetzungen im Europa der 1930er-und 40er-Jahre und spiegeln zugleich die sozialistischen Überzeugungen der Künstlerin ..... Hannah Ryggen nutzte die traditionelle Technik des Webens für ein neuartiges Ziel: der Öffentlichkeit mit Wandteppichen, die von Ort zu Ort bewegt werden können, ihre starken politischen Botschaften mitzuteilen. In unserer Gegenwart, die von zunehmender Ungleichheit, Nationalismus und Populismus geprägt ist, erscheint ihr kompromissloses Werk hochaktuell und als ein Aufruf, für die Prinzipien des Humanismus einzustehen."

Die Bilder der Teppiche sind oft in den Einzelheiten nicht ohne Erläuterung zu verstehen, doch werden in dieser Ausstellung alle Bilder in Wandtexten ausführlich erklärt -- ein Lob an die Ausstellungsmacher*innen! Ich kann in diesem Blog nur einige Beispiele herausgreifen und verwende die erklärenden Texte nahezu wörtlich.

Ich beginne mit VI OG VÅRE DYR (WIR UND UNSERE TIERE) von 1934, das ich nur in der Installationsansicht (oben) zeigen kann; deshalb werde ich in diesem Fall den Erklärungstext stärker kürzen. Der Teppich zeigt die Situation der Selbstversorger-Familie mit Hannah, Hans und der Tochter Mona. Die Eigenständigkeit entsprach Ryggens Überzeugung, dass jede und jeder in der Lage sein sollte, sich selbst zu versorgen. Links ist die Künstlerin selbst beim Füttern der Hühner und Gänse zu sehen, rechts der Mann mit ihrem Pferd am Halfter. In der Mitte wird die harte Seite des Landlebens gezeigt: auf dem Teller ein Gänsebraten, unten ein kopfloses Huhn, ums Schlachten kommen sie nicht herum. Hannah, die Hand wie aus Scham oder Trauer vor das Gesicht geschlagen, lässt ihren Teller unberührt sinken.

Schirn_Presse_Hannah_Ryggen_6_October_1942_1943_

6. OKTOBER 1942, 1943: Auslöser für dieses monumentale Werk war eine Gräueltat, die die Nationalsozialisten während der Besetzung Norwegens unweit vom Wohnort Ryggens verübten. Am 6. Oktober 1942 trat in Trondheim zum wiederholten Mal das Kriegsrecht in Kraft. Zehn Männer, darunter prominente Bürger wie der Theaterdirektor Henry Gleditsch wurden als „Versöhnungsopfer“ hingerichtet. Im linken Teil der Komposition liegt Gleditsch im Theaterkostüm erschossen in den Armen seiner Frau, dahinter ein serbischer Kriegsgefangener. Über ihnen schwebt als Karikatur ein bewaffneter Adolf Hitler, in seinem Gefolge der mit den Nationalsozialisten sympathisierende Schriftsteller Knut Hamsun sowie der von der Besatzungsmacht eingesetzte norwegische Ministerpräsident Vidkun Quisling. Der mittlere Bildteil zeigt in denkmalartiger Pose den britischen Premierminister Winston Churchill, während die Szene rechts eine imaginäre Flucht der Familie Ryggen beschreibt.

Schirn_Presse_Hannah_Ryggen_Grini_1945GRINI, 1945: Im Mai 1944 wurde Hans Ryggen von den deutschen Nationalsozialisten verhaftet und in das Gefangenenlager Grini nahe Oslo gebracht. Unter anderem beschuldigte man ihn, Kriegsgefangenen bei ihrer Flucht aus den Arbeitslagern auf Ørlandet geholfen zu haben. Das Werk "Grini" zeigt Hans in Häftlingskleidung mit aufgedruckter Nummer, während er Warnschilder für Minenfelder malt. Im Hintergrund sind rauchende Baracken sowie verängstigte Gesichter hinter Stacheldraht zu sehen. Die von grauen Gesichtern durchzogene Säule am rechten Bildrand zeigt weitere Gefangene. Wie in einem Traum kommt von links Tochter Mona mit Blumen geschmückt auf einem Pferd angeritten, um den Inhaftierten zu befreien. "Grini" ist eines der Werke in Ryggens Schaffen, das sich besonders deutlich am Motivkreis der Volkskunst bedient.

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VI LEVER PÅ EN STJERNE (WIR LEBEN AUF EINEM STERN), 1958: 1955 erhielt Ryggen einen großen öffentlichen Auftrag für einen Wandteppich. Das für das Regierungshochhaus in Oslo geschaffene Werk zieht ein Fazit zu für Ryggen grundlegenden Fragen: Wie geht der Mensch mit Zeit und Liebe um und welche Rolle sollte die Kunst in unseren Beziehungen zu anderen und zur Welt spielen? Das unbekleidete Paar symbolisiert die ständige Erneuerung des Lebens; die stetig brennende roteFlamme steht für die Liebe und das ewige Blau für die Zeit, die vereint und trennt. Eine Ovalform das Gewebe des Lebens umgibt die beiden Liebenden und erinnert an das Oval in Ryggens Werk "Gedicht von T. S. Eliot" (1952). Bis zum 22. Juli 2011 hing dieTapisserie im Eingangsbereich des Regierungshochhauses: An dem Tag zündete der rechtsextremistische Terrorist Anders Behring Breivik eine Autobombe vor dem Gebäude, bevor er auf der Insel Utøya 69 Teilnehmer eines Sommerlagers der sozialdemokratischen Jugendorganisation erschoss. Bei der Explosion wurde die untere rechte Ecke des Wandteppichs beschädigt und anschließend restauriert, eine Narbe aber blieb.

Zu dem folgenden Teppich habe ich keine Erläuterung gefunden - Ohne Titel (Selbstbildnis), 1970

Schirn_Presse_Hannah_Ryggen_Self_Portrait_1970

Nach dem "Selbstbildnis" zeige ich hier abschließend noch ein Foto von ihr - Hannah Ryggen am Webstuhl, um 1964:

Schirn_Presse_Hannah_Ryggen_am_Webstuhl_um_1964_Adresseavisen

Den Besuch der Ausstellung, der noch bis zum 12. Januar 2020 möglich ist, empfehle ich, weil sie durch ihre ansprechende und informative Gestaltung (Kuratorinnen Esther Schlicht und Marit Paasche, assistierend Johanna Laub) einen lebendigen Eindruck von einem ungewöhnlichen Künstlerinnen-Leben vermittelt und zudem noch politisch-gesellschaftliche Kenntnisse. Der Katalog mit 136 Seiten und 84 Bildern ist in einer englischen und einer deutschen Ausgabe im Prestel-Verlag erschienen und kostet in der Schirn 29 Euro und im Buchhandel 42 Euro.

Weitere Informationen auf der Seite der Kunsthalle Schirn.

Text: Dr. Helge Mücke, Hannover, unter Verwendung der Informationstexte der Ausstellung; Bilder, von oben nach unten: HANNAH RYGGEN. GEWEBTE MANIFESTE, Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2019, Foto: Norbert Miguletz; Hannah Ryggen, 6. october 1942 (6. Oktober 1942), 1943, Bildteppich aus Wolle und Leinen,175 x 419,5 cm, Nordenfjeldske Kunstindustrimuseum (Nationales Museum für Kunsthandwerk und Design), Trondheim © H. Ryggen, VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Thor Nielsen; Hannah Ryggen, Grini, 1945, Bildteppich aus Wolle und Leinen, 191,5 x 168,5 cm, © Trondheim Kunstmuseum, Norwegen, VG Bild-Kunst, Bonn 2019; Hannah Ryggen, Vi lever på en stjerne (Wir leben auf einem Stern), 1958, Bildteppich aus Wolle und Leinen, 400 x 300 cm, Nordenfjeldske Kunstindustrimuseum (Nationales Museum für Kunsthandwerk und Design), Trondheim © H. Ryggen, VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Thor Nielsen; Hannah Ryggen, Ohne Titel (Selbstbildnis), 1970, Nordenfjeldske Kunstindustrimuseum (Nationales Museum für Kunsthandwerk und Design), Trondheim © H. Ryggen / VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Thor Nielsen; Hannah Ryggen am Webstuhl, um 1964, Adresseavisen, Trondheim. 

Hannah Ryggen, Bildteppiche Frankfurter Schirn Januar 2020

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