Hamburg und die Geburtshilflosigkeit.

Von Geburtshilfe kann man in Hamburg ja schon nicht mehr wirklich sprechen – und das schon seit vielen Jahren. Die Entwicklungen des letzten Jahres zeigen eher Verschlechterungen als Verbesserungen.

Gebärende in KrankenhausbettBild via Pixabay/Parentingupstream

WochenbusbahnAuto statt Bett


Anfang 2019 eröffnet in der Altonaer Straße mit “Lütten Nordlicht” eine Hebammen-Ambulanz mit Online-Terminbuchung als Walk-In Konzept. “Hebammen für alle, die in Hamburg keine finden” titelt das Hamburger Abendblatt, und der Text verkauft die Idee als modernes Konzept und als valide Lösung zum Hebammenmangel in unserer Stadt. Zukünftig können sich Familien also bei Problemen mit der Wundheilung von Geburtsverletzungen, Stillproblemen oder Pflege des wenige Tagen alten Babys auf den Weg in die Sternschanze machen.

Hebammen ausgegründet

Seit Sommer 2017 arbeiten im Altonaer Klinikum, Perinatalzentrum 1, keine festangestellten Hebammen mehr. Die Hebammerei wurde ausgegründet in den “Hebammenkontor” – offenbar sind die Arbeitsbedingungen für die Hebammen besser als in Festanstellung (Überraschung!), da sie als freiberufliche Hebammen selbst mit den Krankenkassen abrechnen. Das Thema, das jedoch wieder untergeht: Warum übernehmen alle Beteiligten Verantwortung und Intitiative, nur die Kassen und die Klinik-Konzerne nicht? Warum werden minimalinvasive Geburten nicht höher vergütet als Kaiserschnitte?
Es MUSS eine Situation geschaffen werden, in der es für Kliniken attraktiv ist, ausreichend Hebammen zu beschäftigen, und ein menschenwürdiges Arbeitsumfeld zu schaffen, sowohl für Geburtshelfer*innen als auch für Gebärende.

Kündigungswelle in Harburg

Spätestens jedoch, wenn wie in Harburg, die Chefärztin der Geburtshilfe-Abteilung nach nur einem Jahr kündigt, und mit Ihr drei weitere Oberärzt*innen, sollten doch die Ohren klingeln. Wie das Abendblatt berichtet: „Unter den derzeit existierenden Rahmenbedingungen können wir unseren Ansprüchen an die medizinische Versorgung, die patientenfreundlichen Organisationsstrukturen und den Umgang mit Mitarbeitern nicht mehr gerecht werden.“

Nebenzimmer des Operationssaals, in dem mein Kind geboren wurde

Pressemitteilung Mother Hood e.V.


Der Eltern-Verein Mother Hood e.V. hat zur aktuellen Lage folgende Pressemitteilung herausgegeben, die ich gerne mit Euch teilen möchte.

Geburtshilfe: Eltern kritisieren Untätigkeit der Politik zur prekären geburtshilflichen Situation in Harburg und ganz Hamburg.
Nach den Berichten über den Ausstieg der Chefärztin und weiteren Oberärzt*innen sowie Hebammen des Mariahilf in Harburg fordert Mother Hood Hamburg ein Gegensteuern der Politik.

Hamburg, 11. Februar 2019.

„Die Hamburger Gesundheitspolitik verschließt seit Jahren die Augen vor der geburtshilflichen Krise“, sagt Mascha Grieschat von der Regionalgruppe Hamburg der Bundeselterninitiative Mother Hood e. V.. Seit dem Jahr 2014 informiert Grieschat die Hamburger Gesundheitsbehörde sowie Politiker*innen von CDU, SPD, Grünen und Linken regelmäßig über die prekären Zustände und warnt vor gesundheitlichen Gefahren, die sich aus der geburtshilflichen Unterversorgung ergeben.

„Auch Olaf Scholz hatte mit Matthias Bartke von der SPD am 12. Juli 2017 vor laufender Kamera in Osdorf versprochen, sich der Sache anzunehmen“, erklärt Grieschat. Effektive Schritte für eine bessere Versorgung Schwangerer blieben jedoch aus. Erst jetzt, nach den Kündigungen in Harburg, kommt Bewegung in das Thema. Lokale Politiker*innen rätseln öffentlich darüber, wo das Problem liegen könnte. Dabei ignorieren sie, worauf Mother Hood seit Jahren hinweist: Die Versorgung von Schwangeren und ihren (ungeborenen) Kindern ist in der gesamten Hansestadt nicht mehr zu jeder Zeit sichergestellt.
Immer wieder treffen Schwangere auf überfüllte Kreißsäle und zu wenig Personal. Durch die Schließung des Kreißsaals im Asklepios Klinikum Harburg vor zwei Jahren spitzt sich die Situation südlich der Elbe besonders zu. So mussten auch Anfang Februar wieder Schwangere, die eigentlich ins Mariahilf wollten, auf andere Geburtskliniken ausweichen.

Am 12.02. will sich nun die Bürgerschaft genauer mit den aktuellen Vorkommnissen in Harburg befassen. Mother Hood fordert, auch die Betroffenen – Schwangere und Eltern – anzuhören und den Blick nicht nur auf die Helios Mariahilf Klinik und Harburg, sondern auf ganz Hamburg zu lenken.
„Wir beteiligen uns sehr gerne an der Entwicklung von Lösungsvorschlägen für die unerträgliche Situation in der Geburtshilfe und sprechen uns weiterhin für die Einrichtung eines Runden Tisches aus“, sagt Grieschat.

Prekäre Situation in der Geburtshilfe nicht neu und bekannt

Die Probleme in der Geburtshilfe bestehen „nicht erst seit gestern“, sind nicht auf Harburg begrenzt und zudem Politik und Gesundheitsbehörde bekannt.
Trotz des Wissens um die möglichen Folgen in der Versorgung von werdenden Familien in Hamburg, Harburg und dem niedersächsischen Umland, war die Schließung des Kreißsaals im Asklepios Klinikum Harburg nicht abgewendet worden.

Dabei gibt es seit mehr als zehn Jahren regelmäßig Aufnahmestopps von Frauen mit Wehen (unter anderem wegen Überlastung) auch in anderen Geburtshilfekliniken Hamburgs. Darauf weist eine Antwort des Senats auf eine Große Anfrage der SPD aus dem Jahr 2009 hin.

Im April 2018 hatte Mother Hood die Gesundheitsbehörde in einem mehrseitigen Brief über die Not von Schwangeren informiert und nachdrücklich Maßnahmen zur Verbesserung der Lage gefordert.

Im Mai 2018 veranstaltete Mother Hood im Rahmen einer Filmvorführung im Abaton-Kino eine Podiumsdiskussion, an der auch eine Vertreterin der Gesundheitsbehörde teilgenommen hat. Betroffene Mütter sowie geburtshilfliches Personal prangerten öffentlich die fatalen Folgen der Unterversorgung in den Kreißsälen an, die viel zu oft mit einer schlechten Betreuung und Traumatisierung der Betroffenen einhergeht. Passiert ist seitdem ebenfalls nichts.

„Es ist fünf nach zwölf“, appelliert Mascha Grieschat an die Gesundheitsbehörde. „Höchste Zeit für durchgreifende Maßnahmen im Sinne der Gesundheit von Mutter und Kind.“


Bei der erwähnten Veranstaltung im Abaton war ich übrigens auch anwesend. Dort wurde von Seiten Frau Huster-Nowack von der Abteilung Versorgungsplanung der Gesundheitsbehörde u.a. die Bereitschaft signalisiert, einen runden Tisch zur Geburtshilfe zu organisieren, mit Vertreter*Innen aller Disziplinen. Was seitdem passiert ist? Kein runder Tisch, dafür aber in der Harburger Mariahilf Klinik eine verstorbene Mutter.

Bitte unterstützt Mother Hood e.V. bei Ihrer Arbeit, sei es durch einmalige Spenden, Mitgliedschaft, Mitarbeit –  insbesondere wenn Ihr selber Kinder habt, auch wenn Ihr selber keine traumatischen Geburten hattet: Sollen sie wirklich eines Tages unter katastrophalen Bedingungen ihre eigenen Kinder zur Welt bringen müssen?

Es ist nicht egal, wie wir geboren werden.
Mother Hood e.V.


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