Guttenberg: Geblieben, um zu gehen

Guttenberg: Geblieben, um zu gehenEs wäre seine große Chance gewesen, der deutsche Politiker des gerade beginnenden Jahrzehnts zu werden. Karl-Theodor zu Guttenberg, der Mann, der Michel Friedmans Frisur aufträgt, hatte sich den Ball zum Elfmeter selbst hingelegt, den er zur uneinholbaren Führung hätte verwandeln können. Während Kanzlerkandidatenkonkurrentin mühsam an einem sogenannten Hartz4-Kompromiss herumstöpselte, wusste der Franke seine von einem Ghostwriter blind aus Fremdquellen zusammengetippte Dissertation kurz vor der medialen Entdeckung.
Dann, so war der Plan gewesen, damals, als Guttenberg seine Karriere geplant hatte, würde er ein ganz klein bisschen zögern. Und dann unter Pomp und Tränen zurücktreten.
Die Rede zum Abschied hatte sich Guttenberg schon geschrieben, selbst, ausnahmsweise. Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger, hatte er sagen wollen, ich habe einen großen Fehler gemacht, einen Fehler, den bloßes Politikergeschwätz, wie Sie alle es von mir und meinesgleichen kennen, nicht mehr wiedergutmachen kann. Ich habe versucht, Sie alle, meine Wählerinnen und Wähler, zu betrügen. Zu betrügen in einem Moment, in dem ich dachte, niemand von Ihnen wird mich dabei ertappen. Ich habe es mir leicht gemacht und der Verführung nachgegeben, weil ich sicher war, dass ich sie alle hintergehen kann, ohne dass Sie es je bemerken werden.
Ich weiß, auch das sagt Ihnen jeder, und ich kann deshalb nur hoffen, dass Sie es mir abnehmen: es tut mir leid. Es tut mir leid um meine Karriere, es tut mir leid für meine Familie, es tut mir leid um meinen alten Namen, den ich besudelt habe. Es tut mir aber auch leid um das Vertrauen, dass Sie alle in mich gesetzt haben. ich habe Sie enttäuscht, ich bin es nicht wert, für Sie zu arbeiten. Ich stelle mein Amt hiermit zur Verfügung.
Guttenberg: Geblieben, um zu gehenSo, genau so, hatte Karl-Theo zu Guttenberg sprechen wollen. Die Herzen wären im zugeflogen, der smarte Christsoziale wäre über Nacht vom verspotteten Politstar zur moralischen Instanz gewachsen - und das nur um den Preis eines Ministerpostens, der ihm in den kommenden Jahren ohnehin nicht mehr einbringen wird als Gespött und Kritik.
Er wäre gewesen, was "Spiegel" und "Bild" in traditioneller Einigkeit ohnehin schon in ihm sahen: Die Erlöserfigur, der deutsche Obama, erschienen auf höheren Willen, gestählt in einer tiefen Krise, aber nur, um zurückzukehren mit einer Glorie aus Superheldentum und ganz normalem Menschlichsein. Keine van der Leyen, kein Scholz, kein Özdemir, der diese Kur schon hinter sich hat, hätte Guttenbergs Durchmarsch ins Kanzleramt noch aufhalten: KTG wäre die deutsche Chiffre für Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Stil gewesen, eine Figur wie aus dem Märchen, die bereit ist, die Konsequenzen eigenen Handelns selbst zu tragen, statt sie, wie Politiker das meist fordern, von Sozialarbeitern und Behörden vom Hof schaffen zu lassen.
Guttenberg wäre vom Platz kurz an die Seitenlinie gewechselt, aus der Kurve hätte hätte er nach einer kurzen Karenzzzeit voll offensiv ausgelebter innerer Zerknirschung jede Menge kluge Kommentare in die Runde geworfen. Das Volk, an Verlogenheit, Nepotismus und Demagogie in der Politik gewöhnt wie an Chlor im Trinkwasser, hätte auf ihn gewartet. Und ihn bei nächster Gelegenheit fürstlich belohnt.
So war der Plan, der nie nun nie mehr mehr sein wird. Denn dann beging Theo Guttenberg Selbstmord an der eigenen Karriere. Er hielt die in langen Nächten vorbereitete Rede nicht. Er hängte sich ans Amt. Er scheute die Trennung, die für eine Wiederkehr im Triumph doch so enorm wichtig ist. Er ging nicht den schweren weg nach unten, um wie Phönix aus der Asche strahlen wiederzukommen. Er machte den Gaddafi, bunkerte sich in Ausreden ein, gab nach, wo er musste, und schwieg, wo er konnte.
Ein Mann ohne Forma, ein Mann ohne Machtvision, ein Titelkäufer, der ins Kanzleramt will, doch auf dem Weg dorthin nicht bereit ist, auch mal eine Nacht draußen zu schlafen. Ein ehrloser Egomane, zumal wenn man bedenkt, dass "sich ein Adliger noch vor gut hundert Jahren nach solch einer Blamage selbst erschossen hat", wie Gustaf Fröhlich zurecht bemerkt. "Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war", schrieb Heinrich von Kleist, der sich vor hundert Jahren am Wannsee erschoss. Guttenberg geht von der Bühne ohne so große Worte, indem er bleibt.


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