Guten Morgen, du Schöne!

Sie bekommt den Kaffee ans Bett und ich begrüße sie freundlich. Müde noch ergreift sie die Tasse, schlürft etwas daraus – “Спасибо!” – und fängt an zu reden, als habe der Schlaf einen gestrigen Vortrag unterbrochen.

“Gekloppt haben sie sich wieder einmal. Im Parlament, im ukrainischen, wie unangenehm! Wir werden es wohl nie zur Zivilisation schaffen, schade-schade. …

Guten Morgen, du Schöne!

…und ich hatte solche Hoffnung. Dezember 2005 – weißt du noch?”

Ja klar, weiß ich. Ich war dabei!

Kalt war es – brrrr. Ich bewachte die Handyladestation , sie schmierte den Revolutionären Brote – wir waren beide dabei. Auf dem Maidan 2004. Voller Orange und voller Hoffnung. Na ja, das ist ja nun ein für alle Male vorbei. Janukowitsch ist der Präsident, den sich die meiste Ukraine wählte.

Sie scheint mit ihm noch nicht fertig:

“… aber der ist doch zu blöde! Wie peinlich aber auch! Stell dir vor, der UKRAINISCHE Präsident weiß nicht, was “Neujahrsbaum” auf UKRAINISCH heißt, nicht einmal das ukrainische Wort für “Tanne” – “Ялинка” – kennt er. Und der will bei uns für Ordnung sorgen? Nee-nee-nee…”

Guten Morgen, du Schöne!

Sie nimmt einen weiteren Schluck aus der Kaffeetasse und sieht mir in die Augen.

“Dass ihr Deutsche es nicht merkt, wenn einer der Präsidenten eines europäischen Landes ein Blödmann ist!? Oder schreibt etwa eine eurer Zeitungen von diesem Skandal?!”

Ich mag es, wenn sie so feurig ist. Offenbar war sie die halbe Nacht im Second Life unterwegs und schlief ein, ohne sich entladen zu haben. So entstehen jetzt Blitz und Donner hinter einer Potsdamer Kaffeetasse und ich bestaune ein Naturschauspiel.

Sie lässt es aus sich raus.

“…und alle russischen User regen sich derzeit über Putin auf. Man nennt ihn nur noch den “singenden Tschekisten”. Vor einigen Monaten hielt er sich für einen Schönling, hoch zu Ross, später für einen Schauspieler und nun singt er auch noch! Spielt Klavier vor seinen Claqueuren …”

Guten Morgen, du Schöne!

Sie schluckt wieder.

Es ist Schattenwaldkaffee, staubfein gemahlen, im Ibrik bereitet. Von mir mit viel Sorgfalt. Aber den nimmt sie nur mittelbar zur Kenntnis. Sie ist viel zu aufgeregt.

“… auch dieses Land kennt so viele Probleme – und der singt auch noch!

Ehrlich: Ich hätte gern weiter zugehört.

Aber schon als ich noch in der Küche war, quiemte der Hund und ich konnte ihn nur mit dem Satz…

“Wenn Lenchen ihren Kaffee hat, gehen wir los”

…hinhalten.

Nun erinnert er mich an mein Versprechen und – er muss pinkeln.

Gassi gehend überlege ich, ob es nicht eine Gesetzmäßigkeit geben könnte. Auch Nero nervte sein Volk mit einer Lyra und Hitler hielt sich für einen Architekten – Putin singt und spielt Klavier…

Ja. Es könnte gesetzmäßig sein, denn irgendwann wird einem Diktator alles langweilig. Die Gegner sitzen im Gefängnis, bis sie schwarz werden, zur Abschreckung für andere. Dergestalt dass kein Gouverneur es inzwischen wagt die Stimme zu erheben. Auch der Rote Knopf hat vielleicht seinen Reiz verloren, die Ukraine hat sich ebenso beruhigt wie der Kaukasus und Georgien. Du bist der Präsident und du weißt, dass du zum Wohle Russlands weitere Gebiete erobern könntest, wenn du nur wölltest – aber wozu?

Also polkst du Civilization aus dem Laufwerk und legst die Karaoke-CD ein.

Oder anders:

Steter Tropfen höhlt den Stein und irgendwann glaubst du selbst, dass dir alles geling, setzt dich selbst ans Klavier, tippst den Flohwalzer und deine Berater sagen dir, dass seit Rachmaninow niemand so gut spielte und sang.

Macht macht einsam. Man hat mit der Lüge zu leben. Immerfort. Und mit dem trügerischen Glauben, es könnte stimmen, was man so sagt.

Hund und ich sind inzwischen wieder zurück und ich sage, was ich dachte.

Ihr Kommentar:

“Sie sollten ihm einreden, dass er fliegen kann. Vom Dach des Kremls oder besser noch: Vom Fernsehturm…”


Filed under: Russisches Tagged: Morgens, Ukrainisches Weltverständnis

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