Günther Koch: „Geisterspiel“

Eigentlich ist das „Geisterspiel“ nur etwas für Fußballfans. Höchstens noch für jene, die das Skurrile mögen. Diese Fußballkommentation wird zum Hörspiel, weil Günther Koch dieses Spiel und seine ausgewöhnliche Atmosphäre vor dem Hintergrund fehlender Zuschauer „erzählt“. Denn die wurden zum Spiel nicht zugelassen. Dieses Hörspiel ist 95 Minuten lang nur der Erzähler mit auf ein Minimum beschränkter Geräuschkulisse. Mir kam dabei Gänsehaut und ich musste es ausschalten.Günther Koch: „Geisterspiel“

„Es ist ein beklemmendes Gefühl…“ – mit diesen Worten beginnt Günther Koch am 26. Januar 2004 die Reportage des wohl ungewöhnlichsten Spiels der deutschen Fußballgeschichte. Zwei Monate vorher war bei der Begegnung Alemannia Aachen – 1.FC Nürnberg der Trainer der Nürnberger Mannschaft von einem Wurfgeschoß aus dem Publikum getroffen worden. Das DFB-Sportgericht verfügte daraufhin die Wiederholung der Partie unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Im Stadion waren neben Medienvertretern nur je 40 Offizielle eines jeden Vereins und einige Dutzend Ordner zugelassen. Ein Fußballspiel vor leeren Rängen, ein Geisterspiel – welche Stimmung mag sich da einstellen?

In einer 90-minütigen Echtzeit-Reportage läßt Günther Koch die Beschränkungen der gewohnten Fußballberichterstattung weit hinter sich. Zwischen die Kommentierung des Spielverlaufs schiebt er immer wieder historische Exkurse zur Geschichte der beiden Vereine, der Bundesliga, des Aachener Tivoli, in dem das Spiel stattfindet. Auf Erkundungsgängen im leeren Stadion unterbricht er seine Reportage durch Interviews mit Ordnern, Journalisten, einer Würstlverkäuferin und Michael A. Roth, dem Präsidenten des 1. FC Nürnberg, und zeichnet dadurch das vielstimmige Bild einer Partie, die vor allem durch die Abwesenheit dessen gekenzeichnet ist, was sonst – nicht zuletzt akustisch – den Fußball ausmacht: das enthusiastische, empörte, erboste, begeisterte, auf jeden Fall lautstark mitgehende Publikum, das aus dem Klangbild von Sendungen wie ‘Heute im Stadion’ nicht wegzudenken ist.Günther Koch: „Geisterspiel“

Im Geisterspiel hört man statt des Publikums die Geräusche des Spiels: das Klatschen und Ploppen des Balls, die Schreie der Spieler und Trainer, gelegentlich unterbrochen von Ansagen des Stadionsprechers und dünnem Beifall der Ordner und Offiziellen. Selbst den Geist des Tivoli, eine in weiße Laken gehüllte Gestalt, die vor leeren Rängen einsame La Ola-Wellen zelebriert, holt sich Günther Koch vors Mikrophon – doch der Geist bleibt stumm. Der Reporter hingegen redet sich heiser, muß entsetzt berichten, wie der 1.FC Nürnberg die anfängliche Führung verspielt, wie Aachen sich mit einem 3:2 die Herbstmeisterschaft (im Januar!) sichert und möchte am Ende nie mehr in seinem Leben einem weiteren Geisterspiel beiwohnen. Seinen Bericht beendet er mit einem flammenden Appell an die Fairness aller Fußballfans – „damit uns das für die Zukunft erspart bleibt!“

BR 2005 – Länge: 94:55

Mit Günther Koch, geb. 1941, lebt in Nürnberg. Fußballreporter, Lehrer, Fan des 1 FC Nürnberg.

Realisation: Helmut Böttiger/Bernhard Jugel/Günther Koch


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