Gualaceo und ein pakistanischer Geburtstag

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Letzten Sonntag besuchte ich zusammen mit ein paar Frauen, die ich am Vorabend im el Cafécito kennenlernte, den Markt in Gualaceo, eine Fahrtstunde von Cuenca entfernt. Neben dem bekannten Angebot aus Früchten, Gemüse, Fisch sowie Kräutern, habe ich dort das erste Mal frisch zubereitete Meerschweinchen gesehen: Die Meerschweinchen werden dazu geschoren und zum Großteil ausgeweidet. Ihre weißlichen rosafarbenen Körper werden über einen Holzpflock gespannt. Aus dem aufgerissenen Mäulern quillen dann, sich an scharfkantige Zähnen schneidend, die restlichen gallertartigen Innereien. Anschließend drehen die Frauen in einem bestimmten Rhythmus das Meerschweinchen über der Glut. Sie bestreichen es immer wieder mit Öl, klopfen mit der Klinge einer Machete den Körper platt und wischen sich den Schweiß von der Stirn. Aus den Nasen rinnt Blut, es läuft über die Schnauze, tropft in die Glut. Zischen. Rauchschwaden beißen die Augen. Aus einem aufgeschlitzten Bauch fällt die Leber heraus, von einer schwarz-roten Faser gehalten. Wenn die Körper goldbraun sind, die Ohren längst versengt, werden sie zur Seite gestellt, wo sie vor sich hin dampfen. Eine schaurige Art der Zubereitung, fast schon pervers. Wir alle haben uns im Anschluss den Magen mit Obst – roten Trauben, Kirschen, Guabas, Wassermelonen, Papayas – vollgeschlagen. Jasmina wollte frische Schokolade kaufen, kaufte aber Kakao. Wir verzogen alle das Gesicht, es schmeckte unheimlich bitter. Dennoch griff ich danach immer wieder in die Tüte.

Abends gingen wir gemeinsam auf einen pakistanischen Geburtstag. Patricia, aus Lima, wurde, vom Inhaber eines Restaurants, Tags zuvor eingeladen. Wir saßen also dort, im Lokal, tranken Bier um Fünf am Nachmittag, wo ansonsten Falafel, Schawarma, Reispudding und andere persische Köstlichkeiten serviert werden. Patricia fühlte sich schnell unwohl und wollte mit uns die Veranstaltung verlassen. Der Gastgeber – er wurde an diesem Tag 31 – beharrte auf unser Bleiben. Wir setzten uns also wieder hin. Und bestellten noch eine Runde Bier. Das Restaurant füllte sich langsam. Seine Familie schien zu kommen: Beleibte Herren in schicken Anzügen, herausgeputzte Frauen mit pfundschwerem Schmuck setzen sich an die Tische – ihre Brüste lagen wie Sandsäcke auf den Tischen. Fleischpyramiden. Die Musik wurde lauter. Persische Folklore. Wir sprachen über den ecuadorianischen Umgang mit Zeit, über die Unverbindlichkeit, die Gleichmut und Spontanität der Ecuadorianer, die wir alle schon auf Märkten, an Busbahnhöfen und, einige von uns, im Privaten kennenlernen durften. Wir vermuteten, dass diese Mentalität etwas mit dem Fehlen von Jahreszeiten und dem dementsprechenden Wegfall von verpflichtenden Erntezeiten und Arbeitszyklen zu tun hat. Unsere Biere waren noch kalt und halbvoll, als man uns eine Karaffe reichte. Das Getränk ähnelte warmen Campari. Patricia schenkte ein. Knisternde Plastikbecher. Plötzlich stand eine Shisha auf unserem Tisch. Nach dem dritten Zug gaben Jasmina und Kathrin auf. Die Wirkung erinnerte mich an einen Joint, mit dem angenehmen Unterschied, dass kurz vor dem Gefühl, in einen Rausch dahinzugleiten, die Wirkung nachließ. Unsere Zungen verfingen sich in Blödeleien. Die Zeit floss mit jedem Becher, mit jedem Glas schneller dahin. Man reichte uns eine Art Kartoffelpuffer mit einem Sahne-Knoblauch-Dip. Schmatzen. Und wieder drehte irgendwer die Musik lauter. Die Gesichter fingen allmählich an zu glänzen, Hemden wurde abgestreift, Gürtel geöffnet, manche Augen begannen herumzustrolchen. Zwei Männer eröffneten einen Tanz: Sie stellten sich gegenüber auf. Mit langsamen Schritten zeichneten sie einen Kreis, den Gegenüber immer im Blick. Sie gingen aufeinander zu, aus den Knien heraus richteten sie sich auf, die Hände eng am Körper langsam in die Höhe reckend. Kurz vor Tuchfühlung klatschten sie einmal, zweimal in die Hände. Dann entfernten sie sich wieder. Und das immer im Kreis. Immer im Angesicht des Tanzpartners. Später gesellten sich weitere Männer dazu. Zum Klatschen wurden nun Rufe in die dicker werdende Luft hinausgestoßen. Dann wurden die Bewegungen freier, jeder umtanzte den anderen, sich dabei um die eigene Achse drehend, ihre, über den Köpfen zitternden, Hände glichen Baumkronen im Wind. Dann begann einer, Dollar-Noten, die er in der Linken hielt – eine nach der anderen – demonstrativ in die tanzende Menge zu werfen. Frauen tanzten nicht mit. Blauer Nebel schwirrte umher. Die Gespräche wurden lauter. Lachen. Klirrendes Glas. Eine Wasserpfeife fiel um. Schweißflecken wuchsen unter den Armen. Unsere Karaffe war aufs neue gefüllt. Als scharfer gelber Reis mit Hühnchen gereicht wurde, kehrte ein wenig Ruhe ein, um nach nur wenigen Minuten wieder von dröhnender persischer Musik, klatschenden Händen, Kichern, Brüllen und stoßenden Gläsern niedergerungen zu werden. Den Höhepunkt bildete das Anschneiden einer riesigen bunt verzierten Torte. Das Messer war noch nicht beim Geburtstagskind angelangt, als es von hinten mit dem Gesicht in die Torte geschubst wurde. Gelächter stürzte über verwunderte Gesichter. Und nochmal wurde die Musik lauter. Nachdem jeder Gast ein Stück dieser Torte verspeißte, wurden die Reste buchstäblich verfüttert: Der Gastgeber wand zwischen Tischen und Tanzenden umher, und schob summend jedem einen Löffel Kuchen in den Mund.

Zu später Stunde begann der Gastgeber endlich ein Gespräch mit Patricia, die zwischendurch verschwunden war, um mit noch mehr Schminke im Gesicht zurückzukehren. Beide verzogen sich nach oben. Ich trank mit Kathrin und Jasmina den Rest. Nach dem Essen leerte sich das Lokal sehr schnell. Ein Ecuadorianer versuchte eine Konversation, wie sie um diese Uhrzeit nach zu viel Alkohol geführt wird.

Schließlich war die Party beendet. Wir zahlten unser Bier und torkelten ins Hostel. Patricia schien verstimmt.



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