[Green-Washing] Wie rar ist Rahua?

Heute möchte ich dem Blogtitel Washing-Green mal alle Ehre machen und einen entsprechenden Beitrag verfassen. Ich habe für mich festgestellt: je länger ich Naturkosmetik nutze desto kritischer werde ich auch. Zum einen, was Inhaltsstoffe anbelangt, zum anderen aber auch was Werbeversprechen angeht.

Vielleicht (oder eher vermutlich) ist Euch die Marke Rahua [gesprochen "Ra wa"] schon einmal begegnet; eine ganze Reihe an Blogs hat über eben jene bzw. deren Shampoo geschrieben. Und auch ich war neugierig auf dieses Wundershampoo, das all meine Haarprobleme auf einen Schlag lösen sollte. Frei von Sulfaten, Gluten und synthetischen Stoffen (wie z.B. Silikon) soll es nicht nur sanft reinigen, sondern auch direkt schwaches und kraftloses Haar reparieren und gleichzeitig Kopfhaut und Haarwurzeln pflegen, damit das Haar länger und kraftvoller wachsen kann. Welche Superkraft steckt also in dem Shampoo? Ein hochpotentes Öl, welches die Frauen der Quechua-Shuar-Stämme seit Jahrhunderten herstellen und in dem für sie das Geheimnis ihres wunderbaren Haares liegt. Glücklicherweise haben sie genau jenes Geheimnis mit dem New Yorker Stylisten Fabian Lliguin geteilt, einem Ecuadorianer mit Quechua-Herkunft (genauer nachlesen könnt Ihr das aber auf der Homepage).

Ein kritischer Konsument hätte vermutlich da vermutlich abgewunken, spätestens aber wohl bei einem Preis von 32€ für 275ml. 
[Green-Washing] Wie rar ist Rahua?


Ich nicht.^^ Zwar habe ich 100 Mal hin- und herüberlegt, ob ich das Geld nun wirklich ausgeben soll, war aber an einem Punkt, an dem ich zwar langsam begriff, dass meine Kopfhaut herkömmliche Tenside (wie SLeS) absolut nicht verträgt und ich mit NK-Shampoos besser fahre, aber vermutlich auch jede Summe ausgeben hätte, um mich nur nicht mehr ständig am Kopf kratzen zu müssen. Bedingt durch Trockenheit und Juckreiz hätte ich wirklich die Wände hochgehen können. Hinzu kam, dass die milderen Shampoos zwar Linderung brachten, meine Locken aber austrockneten, frizzy machten oder ich wie ein explodiertes Federkissen aussah und ich einfach keine NK-Spülung fand, die ein gleichbleibend gutes Ergebnis lieferte.

Um nicht gleich in die vollen gehen zu müssen, bestellte ich mir das Travel-Kit bestehend aus Shampoo und Conditioner in den praktischen 60ml Größen, was mich immerhin noch etwa 16€ kostete. 

Wenn beide, oder zumindest eines der Produkte, ein super Ergebnis geliefert hätte(n), würdet Ihr nun vermutlich eine begeisterte Review lesen, wie bei so vielen Anderen. Ihr ahnt es schon: überzeugen konnten sie mich jedoch nicht. Das Shampoo reinigt, war solo hinsichtlich von Kämmbarkeit nicht zu gebrauchen, die Spülung war okay. Mit meiner Balea Spülung für 65 Cent erziele ich jedoch ein deutlich besseres Ergebnis. Beide Fläschchen standen nun ewig in unserer Dusche, reizten mich aber nicht, sie zu leeren. 

Nun habe ich mich etwas mehr mit dem Thema Shampoo auseinandergesetzt und weiß, dass diese hauptsächlich aus Tensiden bestehen und es dabei vornehmlich um die Reinigungswirkung geht. Alles andere ist nettes Beiwerk und hilft vielleicht noch die Haare besser kämmbar zu machen oder sie daran zu hindern sich schnell elektrostatisch aufzuladen. Die anderen beworbenen Inhaltsstoffe sind in verschwindend geringen Mengen enthalten und werden direkt wieder ausgewaschen. 

Lohnt es sich also tatsächlich 32€ für ein Shampoo auszugeben? Nun ja, wenn's funktioniert und man das Geld übrig hat, warum nicht? Mich hat aber vor allem beschäftigt, warum das Rahua Shampoo so teuer und rar ist. Also habe ich angefangen zu recherchieren und einen Blick auf die Inhaltsstoffe geworfen:

Shampoo Ingredients
(Quelle: https://rahua.com/us/shampoo.html/)

Das Shampoo basiert auf Wasser, einem Kräuteraufguss aus Aloe Vera Extrakt (bisher nahm ich an, dass das Gel bzw. der Saft direkt aus der Pflanze gewonnen wird; zu einem Kräuteraufguss konnte ich bislang nichts finden. Vielleicht hat jemand von Euch mehr Ahnung?) und Extrakten aus Grünem Tee, Rosmarin und Himbeeren. Danach folgen Inhaltsstoffe, die das Shampoo zu eben diesem machen. Allen voran Cocosbetain, ein Tensid, welches grundsätzlich als gut verträglich gilt, sehr gut reinigt und schaumbildend ist. Wirklich naturkosmetisch ist es jedoch nicht, da in der Herstellung Komponenten aus der Petrochemie verwendet werden. Angerissen hatte ich diese Problematik auch bereits in der Review zum I+M Freistil Shampoo. Zwei der Nebenprodukte die dabei entstehen, werden dabei oft mit Sensibilisierungen und Allergien in Verbindung gebracht (Quelle). Es folgen Glycerin (Humectant), Natriumchlorid (Salz; Viskoseregeler), Melasse-Extrakt, Glycine (einfache Aminosäure; spendet Feuchtigkeit - leider keine genauere Herkunft angegeben). Desweiteren Palo Santo Öl, hydrolisiertes Quinoa (macht die Haare kämmbarer, haarconditionierend), Dexpanthenol (Provitamin B5; feuchtigkeitsspendend, glättend), Kaliumsorbat (Konservierungsmittel), Tocopherol (Vitamin E; Antioxidans, hier als Konservierungsmittel), Citronensäure (pH-Wert regelnd, Chelatbildner).


Die Inhaltsstoffe haben sich übrigens zwischenzeitlich geändert. Als ich vor 2 Jahren meine Fläschchen kaufte, sahen die Inhaltsstoffe noch folgendermaßen aus: 

Aqua, Camellia Oleifera Leaf Extract, Lonicera Caprifolium (Honeysuckle) Flower Extract, Rubus Idaeus (Raspberry) Leaf Extract, Aloe Barbadensis, Shea Betaine, Coconut Betaine, Glycerin, Sea Salt, Caprylic Fatty Acid, (natural aroma), Glycine Amino Acid, Hydrolyzed Wheat Protein, Corn Amino Acids, Vitamin E, Ungurahua oil (Oenocarpus bataua), Rahua oil, Lecithin, Palo Santo Oil (Bursera graveolens), Panthenol, Hydrolyzed Oat Protein, Citric Acid.

So waren damals noch 2 Betaine enthalten und es konnte noch nicht mit dem "glutenfrei" geworben werden. Ausgewiesen sind hier auch noch zwei verschiedene Öle: Ungurahua und Rahua.

Der Markenname Rahua, der übrigens eingetragen ist (ein Schelm, wer dabei Böses denkt ;)), spielt schon auf den Star-Inhaltsstoff "Rahua-Unguruha" an. Seit Jahrhunderten nämlich produzieren die Frauen des Quechua-Shuar-Stammes das Rahua-Öl, was es so absolut rar und einzigartig macht. Ich habe also mal nach der Rahua-Nuss gegoogled und alles was ich fand, war eben genau diese Angabe; in jeder Review und jedem Online-Shop - nur die Nuss fand ich nicht. Also versuchte ich es mit "Unguruha Öl" und fand in einem Artikel dazu:

The ungurahua palm (Oenocarpus bataua subsp. bataua) is widely used throughout the Amazon Basin for its thatch, fibers, wood, and edible fruits. The fruits of this species are especially important to indigenous peoples and yield a high quality oil. 
(Quelle: http://www.jstor.org/stable/4256550?seq=1#page_scan_tab_contents)

Das Ungurahua Öl kann man übrigens auch im Internet kaufen (z.B. hier oder bei amazon.com). 

Und auf einmal ergibt auch der Zusatz "Oenocarpus Bataua" Sinn: sucht man nämlich danach, spuckt Google so einige Treffer aus. Oencarpus Bataua - lokal auch bekannt als Ungurahui, Seje, Patawa, Coroba - gehört zu den mehr 140 verschiedenen Palmenarten im Amazonas, deren Verbreitungsgebiet bis zum nördlichen Teils Südamerikas reicht. Sie gehört zu den wichtigsten Pflanzen der Einheimischen: die Früchte werden hauptsächlich als Öl-Quelle für medizinische, kosmetische oder kulinarische Zwecke benutzt (genutzt werden daneben aber auch die anderen Teile der Palme). Eine Studie aus dem Jahr 2009 kam zu dem Ergebnis, dass das Öl reich an α-Tocopherol ist, die anderen unverseifbaren Teile jedoch keine bemerkenswerte Spezifität gegenüber den verbreiteten Pflanzenölen aufweisen Quelle).

Daraufhin habe ich mich noch mal auf der Rahua Homepage umgeschaut und im FAQ findet man dann: 

Q - What is Rahua?
A - The Rahua (ra-wa) name is derived from the rareUngurahua nut, found in the Amazon Rainforest. Rahua and Ungurahua oils are potent treatments, highly effective for repairing dry, damaged hair, resulting in healthy and lustrous hair.

Entgegen meinen Suchergebnissen, beschreibt die Homepage auch das Ungurahua Öl als selten. Es war also an der Zeit mich mal direkt bei Rahua zu erkundigen und so schrieb ich eine eMail, weil ich das noch nicht so ganz mit dem Rahua-Öl verstanden hatte ;).

Hier die Antwort, die ich auch ziemlich schnell erhielt:
Dear Sandra,
Even though they come from the same nut/fruit, Ungurahua oil has many names and could be made in the Amazon rainforest by all tribes/peoples that live there (men and women). 
Rahua oil is hand made by women only, using a very special process, using traditional ancestral ceremonial rituals (their specialty). 
I hope this info helps,
Kind regards,
-- Stephanie Popescu
Amazon BeautyRahua.com

Übrigens wird auf den meisten deutschen Sites fälschlicherweise von einem bzw. dem Quechua-Shuar-Stamm "gesprochen", den es so jedoch nicht gibt. Es handelt sich dabei vielmehr um verschiedene indigene ethnische Gruppen des Amazonasgebietes, deren Sprachen z.T. nicht einmal eng miteinander verwandt sind. Auf der Homepage von Rahua selbst steht: Waorani, Achuar, Quichua, Quechua and Shuar. (Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob die Homepage diesbezüglich nicht inzwischen geändert wurde)


Ich wollte es, mal wieder, genauer wissen und fragte nach dem traditionellen Herstellungsprozess, weil mir die ganze Sache mit dem speziell gewonnen Öl aus einer verbreiteten Nuss - denn eben dieser macht es ja so rar - und unterschiedlichen Stämmen nicht so recht einleuchten wollte. Die Antwort:

Hi Sandra,

Check out the “Origins of Rahua” link on www.rahua.com. That page of our site has more information about the tribes as well as a video of the process.
Kind regards,Stephanie

Tja, das Video hatte ich mir bereits angesehen und erfahren, dass die jungen Männer des Stammes losziehen, um die Nüsse von den Palmen zu schlagen und diese in Materialien zu sammeln und transportieren, die sie am Boden des Dschungels finden (frage eigentlich nur ich mich wo der Sack herkommt!?). Zeremoniell ist es nur den Frauen erlaubt das Öl herzustellen, diese müssen einen Tag vorher fasten. Der Kochprozess kann bis einem Monat andauern. Jede Familie hat ihr eigenes Rezept. 

Während im Video auf der Homepage übrigens die Männer die Nüsse sammeln, werden sie in diesem Video auf Youtube von den Frauen vom Boden aufgesammelt. In dem von mir genannten "Kauflink" steht, dass das Kochen bis zu 4 Stunden dauert, die Nüsse danach zerschlagen, erneut gekocht und dann gekühlt und dekantiert werden, um das Öl zu trennen. Dort wird auch beschrieben, dass die Palme erst nach 8 Jahren zum ersten Mal 'Früchte' trägt, die zu ihrer Entwicklung 10-14 Monate benötigen. Durchschnittlich sind das jährlich 32kg was 2,4l Öl entspricht. An anderer Stelle fand ich folgende Angabe:
Fruit production varies greatly from palm to palm with a range of approximately 500-7000 fruits biennially. This amounts to approximately 700 kg/ha every two years.  (Quelle). 
Beim zweiten Link, der zu Amazon führt, handelt es sich übrigens um das selbe kommerzielle Unternehmen. Diesmal mit dem interessanten Zusatz in der Beschreibung: "Ungurahua oil, or Ungurahui oil, opposite that had been said IS NOT extremely rare oil. Not at least for Amazonian people who has been using it for centuries.
Dazu fand ich auch eine interessante Studie: die Kokospalme und Oenocarpus bataua sind die meistgenutzestens Pflanzen für medizinische Zwecke in Süd- und Mittelamerika - einschl. Mexiko (Quelle).
Zum Abschluss noch ein Preisvergleich, de sicherlich hinsichtlich des Anbaus und Herstellungsprozesses ein wenig hinkt:

4 fl.oz = 118ml kosten $28,60 (bei Amazon etwas günstiger ;)), also etwa 25€

Pai Rosehip Öl 30ml etwa 28€

Die Geschichte klingt fast zu schön, um wahr zu sein; ein Hairstylist, der auszieht um seine Heimat zu retten und während seiner Mission in das Geheimnis schöner Haare eingeweiht wird. Und uns lässt er daran teilhaben! Und das seltene Öl gibt's inzwischen nicht mehr nur in einem Shampoo oder einem Conditioner, sondern in inzwischen 9 Haarprodukten (das Haarspray enthält übrigens kein "Rahua-Öl) und 3 Körperprodukten. 

Ein ähnliches Ergebnis findet Ihr hier: rahua shampoo belongs in dept of daft


Was haltet Ihr von der Sache?
Habt Ihr das Rahua-Shampoo? Würdet Ihr es kaufen?

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