Grass: Die ewige SS

Grass: Die ewige SS

Alles riskiert, alles verloren. Im Kampf um den Weltfrieden hat Deutschlands führender Leistungsdichter Günter Grass als sein reimerisches Können und seinen ganzen guten Ruf in die Schlacht geworfen. Doch das kollektive Presseecho auf seinen Versuch, den seit 1946 mal schwelenden, mal offen aufflammenden Konflik im sogenannten Nahen Osten mit ein paar kernigen Reimen auszublasen, fällt eindeutig aus. Grass gebe sich, so die Kurzfassung, im Grunde endlich als der Faschist zu erkennen, der er schon immer war, ein SS-Mann, der sich jahrzehntelang im Schoß der deutschen Sozialdemokratie verbarg.
Ein Antisemit, dem der Sinn immer noch nach nach Stereotypen steht, knallen die großen Kaliber, wo es bescheiden gereicht hätte, Morgenländers Notizbuch zu zitieren: "Wer den Mörder, Folterer und Hetzer Ahmadinedschad einen 'Maulhelden' nennt; wer vor der Auslöschung des iranischen Volkes durch einen israelischen Atomschlag warnt, aber kein Wort über die Bedrohung Israels durch den Iran und die arabischen Anrainerstaaten verliert; und wer behauptet, ein israelischer Angriff gegen iranische Atomanlagen gefährde den Weltfrieden, den muss man zwar nicht für einen Antisemiten halten, aber für einen ahnungslosen senilen Schwätzer doch wohl schon."
Aber solches Kleingeld reicht längst nicht mehr. Auch darf niemand, der abweichend dichtet, einfach mit Nichtachtung gestraft werden. Unter die Keule muss er, niedergeschrieen werden, widerlegt und abgeurteilt. Das hat sich eingebürgert im Land, weil das immer Erfolg hat, weil das immer Quote bringt. Eine Debatte im Sinn eines Aufeinanderprallens von Ansichten, die ungeschützt ausgetauscht werden, das ist seit Sarrazin bekannt, ist unzulässig. Diskutiert wird hierzulande unter denen, die einer Meinung sind - wer widerspricht, steht schon allein deshalb außerhalb der Gemeinschaft der Demokraten, seine Argumente müssen nicht gehört werden, denn sie sind falsch, demagogisch, vielleicht sogar genetisch, auf jeden Fall aber "nicht hilfreich".
Grass schafft es immerhin, mit wenigen Mitteln viel zu erreichen. Wozu Sarrazin und Fritz Vahrenholt noch ganze Bücher schreiben mussten, reichen dem Mann mit der Pfeife ein paar struppige Zeilen. Verse in Franzenform, die kein Tabu verletzen, aber wirken, als hätten sie. Ein Volk, ein Poem, eine Empörung. "Wegen eines Gedichts", heißt es im Gelben Forum: "Als wir im Deutschunterricht Büchner durchgenommen haben, konnte ich kaum glauben, daß man wegen Geschriebenem gejagt und geopfert wird."
Längst aber ist Meinungsstreit hierzulande nur noch innerhalb eines klar vorgegebenen Korridors möglich. Einer wie Grass, der aus dem Elfenbeinturm steigt und Verstiegenes verkündet, wird nicht belächelt, sondern wegen Verstoßes gegen den Konsens der Demokraten angeklagt und im selben Atemzug abgeurteilt. Die diesjährige Benzinpreisdiskussion war ja auch durch, ein Dankgebet von allen an den alten Mann, der so ein schönes Thema für die Osterfeiertage spendiert!
Grass, der Wahlkämpfer für Willy Brandt, hat alles riskiert und das allein zeigt schon, dass er nicht mehr alle seine sieben Sinne beisammen haben kann. Erschütternd, wie ein Mann, der sich selbst für einen intellektuellen Volkskompass hält, frontal in die Meinungsmühle springt, die von allem Gesagten immer nur Brösel und Bröckchen übriglässt, aus denen die Amtskommentatoren am Ende die jeweilige Tageswahrheit lesen.
Statt Mitleid aber, das dieser verzweifelte Schrei nach Aufmerksamkeit am Ende eines langen Literatenlebens verdient hätte, schlägt ihm Empörung entgegen, die den Poeten flugs dorthin sortiert, wo er seit seiner Jugendjahre nicht mehr war. Grass ist nun wieder SS-Mann, er war es immer und hatte sich nur gut getarnt. Das geht nicht weg, das ist die ewige SS. "Der Antisemitismus will raus", weiß die "Zeit". Nur Werner Pirker, der einst Spenden für den "irakischen Widerstand" sammelte, verteidigt Grass noch.
Schlimmer kann es einen Mann nicht treffen. Erste Stimmen werden laut, die fordern, dem Hetzdichter müsse der Literaturnobelpreis aberkannt werden. Die SPD-Führung wollte noch am Wochenende zusammentreten, um ein Parteiausschlussverfahren gegen den bisherigen Dichterfürsten zu beschließen. Allerdings kam dann die erlösende Nachricht, dass der frühere SS-Mann bereits 1992 aus der Partei ausgetreten ist, um gegen den heute weitgehend vergessenen "Asylkompromiss" mit der CDU zu protestieren.


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