Granada: "Wir müssen uns den Heimatbegriff zurückerobern!"

Granada: Nicht wenige von uns fragen sich, was das eigentlich für Zeiten sind, in denen wir da leben: Die Politik kennt mit der Migration offenbar nur noch ein einziges Thema und läßt sich von diesem wie eine aufgescheuchte Herde Kühe über die abgegrasten Meinungsäcker treiben, der Heimatbegriff wird im Zuge dessen schnell mal umgewidmet oder gleich ganz vereinnahmt, wer sein Kreuz gemacht hat, muss sich nicht wundern, wenn er jetzt bitteschön auch noch eines aufhängen soll. Damit alles seine Ordnung hat. Und jeder weiß, wo er hingehört. Die Welt ist im Wandel, auch die steirische, und sie ist bei weitem nicht so heil, wie sich das mancher, hulapalunochmal, vorstellt. Schön deshalb, dass Ende dieser Woche ein neues Album von Granada erscheint, einer Band, die so herrlich lässig mit Dingen umzugehen vermag, an denen sich andere die Zunge brechen. Vor zwei Jahren veröffentlichte das Grazer Quintett sein selbstbetiteltes Debüt, vollgepackt mit Leidenschaft, Schmäh, Sehnsucht, Liebe und auch bissigem Witz, der trifft, aber nicht verletzt, und der auch mal über sich selbst lachen kann. Sänger Thomas Petritsch und Gitarrist Lukacz Custos kommen gerade vom Open Air in Puch, gedankenfrisch, von Hangover keine Spur. Gute Gelegenheit also, ein paar Fragen zur neuen Platte und zu den wilden Zeiten drumherum loszuwerden. Und um das eine oder andere Mißverständnis aus dem Weg zu schaffen ...
Kurz mal zurückgespult: Ihr kommt aus Graz, singt aber so schön über Wien, dass man meint, ihr kämet von dort? Wie geht das?
TP: Stimmt, wir sind alle Steirer, kommen dort aus unterschiedlichen Regionen. 2015 hat uns der Michi Riebl, Regisseur des Films „Planet Ottakring“, gefragt, ob wir nicht Musik für den Film machen wollen und weil er keine Bedenken hatte, haben wir es halt versucht. Und so ist der Bezug zu Wien entstanden, der allerdings auf dem alten Album mit „Ottakring“ und „Eh Ok“ stärker ausgeprägt ist als auf dem neuen.
Nach der Veröffentlichung der ersten Single „Die Stodt“ hatte man fast so ein wenig die Befürchtung, Granada hätten durch die äußeren Umstände etwas von ihrer Leichtigkeit, ihren Witz drangegeben – haben sie aber nicht. Nimmt man sich die Ausgewogenheit vor, mit der nun also auch „Ge Bitte“ kommt? Oder ergibt sich das einfach?
TP: Also so ein Album entsteht ja nicht innerhalb einer Woche, dass man sich hinsetzt und bewusst die Vorgänge der letzten Jahre reflektiert und verarbeitet. Das wächst ja beim Touren, beim Proben, ist eher ein übergreifender Prozess. Ständig kommen neue Ideen, passieren neue Dinge und die haben wiederum Einfluss auf die Lieder. Klar ist es wichtig, politisch zu werden und alles, was da momentan passiert, kritisch zu betrachten ...
… aber allzu direkte, aktuelle Bezug ist dann eher hinderlich?
TP: Schon, man möchte ja kein Landeschronist sein, auch wenn das sicher seine Berechtigung hat. Bei uns war es eher die Zusammenkunft verschiedener persönlicher Erfahrungen und Emotionen, die den Ausschlag für dieses Album gegeben haben, insofern folgt das weniger einer bestimmten Intention.

Wieviel von der aktuellen Single „Die Stodt“ steckt denn tatsächlich in Graz? Oder ist es doch mehr ein Sinnbild?
TP: Es geht hier tatsächlich eher um eine verallgemeinerte, fast schon globale Sicht, nicht so sehr um eine konkrete Stadt. Wir wurden sogar schon gefragt, ob es sich vielleicht um Bremen handeln könnte, weil dessen Stadtfarben ja grün/weiß sind … Nein, auch wenn es die steirischen Landesfarben sind, soll das eher für den Gegensatz zum Schwarz-Weiß-Denken, der eingeengten Sicht der Dinge, stehen, für eine Hoffnung.
Diese Hoffnung wolltet Ihr ja offensichtlich auch in den Bildern transportieren, wie stark ist die denn in Anbetracht der derzeitigen Lage?
TP: Nun, wenn man positiv denkt, dann ist die Hoffnung natürlich groß, wenn man realistisch ist, wohl eher weniger. Das Video soll da aber nur ein Ansatz zur Interpretation sein, der Song selbst bleibt am Ende ja eher offen. Das kann dann jeder für sich selbst entscheiden.

Granada:

Granada, Ge Bitte! Karmarama Records, VÖ: 22.06.2018

Bei den Piefkes habt Ihr momentan einen ganz großen Stein im Brett wie bekanntlich viele andere Bands aus Österreich. Nervt das, als Teil eines Hypes wahrgenommen zu werden oder nimmt man das besser einfach mal mit?
TP: Einfach nur auf eine bestimmte Welle aufzuspringen würde wohl nicht funktionieren, man muss schon versuchen, mit Qualität, mit Anspruch, mit einem Alleinstellungsmerkmal etwas zu erreichen. Insofern ist uns der Hype, wenn es ihn denn gibt, eigentlich egal. Berechtigt finden wir ihn aber in gewisser Weise schon. Wenn man sich die Geschichte der deutschen Popkultur nämlich anschaut, dann hat sich da in den letzten zehn Jahren nicht so wahnsinnig viel geändert – alles schön gesungen, super produziert, aber es ist auch immer ein bisschen platter geworden.
Was genau macht dann den Unterschied?
TP: Nun, die Produktionen sind in Österreich mittlerweile mindestens ebenso gut, die Themen sind vielleicht ein wenig interessanter, vor allem aber ist die Sprache eine exotischere. Das ist neu, sticht aus dem Einheitsbrei im Radio etwas heraus, verstört aber nicht.
Ist der Schmäh da wichtig?
TP: Sicher. Die österreichische Popmusik wurde selbst im eigenen Land lange Zeit ignoriert. Es ist ja nicht so, dass da vorher nichts war, aber es wurde halt nicht wahrgenommen und einige Künstler haben sich dann eher an den allgemeinen Trend von außen angepasst, als etwas Eigenes zu machen. Die Christina Stürmer hat’s ja irgendwie geschafft, aber sie macht das sehr gut, weil sie authentisch bleibt und nicht unbedingt versucht, auf hochdeutsch zu singen. Und irgendwie haben sich dann viele Bands gedacht, dass es ihnen eigentlich egal ist, ob sie jetzt auf Ö3 gespielt werden und sind dann eben etwas mutiger geworden als vielleicht manche Band aus Deutschland, weil die Erwartung, den großen Durchbruch daheim im Radio zu schaffen, ohnehin schon nicht mehr da war.
Stichwort Alleinstellungsmerkmal: Euer Debüt war, wenn man es mit anderen vergleicht, von großer Liebe zur Heimat, zum dortigen Lebensgefühl, auch von einer Art zufriedener Genügsamkeit geprägt – ist es für einen dann um so schmerzlicher, wenn sich die Verhältnisse daheim so krachend ändern wie gerade eben?
TP: Also, noch schmerzlicher glaube ich nicht. Wenn man sich die Geschehnisse anschaut, dann ist es ja nicht nur ein österreichisches Problem, das gibt es genauso in Deutschland, in Ungarn, in den USA. Dieses Gefühl der Angst, etwas zu verlieren, was man sich aufgebaut hat. Und daraus folgt dann dieser Hang zum Nostalgischen und die Ablehnung von allem, was sich ändert – warum sollte es das, es ist eh gut so, so in etwa. Hinzu kommt die Digitalisierung, die ja auch noch lang nicht abgeschlossen ist, die aber zusätzlich verunsichert. In einer pluralistischen Gesellschaft wie der unseren ist es eigentlich abwegig, diesen verstaubten Heimatbegriff herzunehmen, aber die Populisten machen das halt und hoffen damit genau die Leute zu erreichen, die Angst vor dem Neuen haben.

Granada:

Granada: Ganz links Lukacz Custos, ganz rechts Thomas Petritsch.


In Deutschland hat man ja wieder ein anderes, vielleicht noch schwierigeres Verhältnis zur Heimat …
TP: Aber gerade, wenn dieser Begriff besetzt wird, ist es doch um so wichtiger, ihm wieder einen linksliberaleren Anstrich zu verpassen, ihn wieder zurückzuerobern …
LC: … wie zum Beispiel gerade bei Wiener „Life Ball“ und dessen Thema „The Sound Of Music“ – mehr Heimat geht ja eigentlich gar nicht.
Wisst Ihr eigentlich, wo Ihr am 29. November seid?
TP: Ja doch, da sind wir in Deutschland …?
Genau, da seid Ihr im „Scheiss Berlin“. Warum denn eigentlich das Berlin-Bashing?
TP: Oh, das ist gar kein Berlin-Bashing, da gibt es für uns gar keinen Grund zu. Wir haben den Vorwurf schon oft gehört, aber wenn man den Song von der neuen Platte genauer anhört, dann ist das sogar fast eine Liebeserklärung an Berlin. Es geht da um ein fiktives Pärchen aus Graz, das sich trennt und sie geht eben weg nach Berlin und lernt dort einen neuen Freund kennen. Und weil der alte irgendeinen Grund braucht, um seinen Minderwertigkeitskomplex, das gekränkte Ego irgendwie zu trösten, schimpft er halt über die Stadt.
Okay, da ist mir wohl der Doppelsinn entgangen. Ich schieb das jetzt mal auf den Dialekt…
TP: Ja, schon allein die Tatsache, dass jemand Graz über Berlin stellt, hätte stutzig machen müssen (lacht). Und warum Liebeserklärung? Nun, wir haben uns lange überlegt, welche Stadt am ehesten für diesen Song in Frage käme. Und ohne jetzt schleimig klingen zu wollen: Berlin hält das am ehesten aus, die Stadt kann so austeilen, die kann aber auch gut einstecken.
In gewisser Weise beruhigt mich das auch, denn diese ganze Berlin-Hasserei ist gerade in München ziemlich beliebt und doch schon längst vorbei und öde, es spricht also für Euch, dass das gar nicht so gemeint war. 
TP: Nein, das ist, wie wir finden, gerade als Zumutung eher ein Zeichen unserer Wertschätzung!
Granada:
Vielleicht noch so ein mögliches Missverständnis, das man aus dem Weg räumen kann: „Sauna“: Schwitzende Leiber, dampfende Hitze, will man oder lässt man das?
TP: Das ist lustig, denn auch die Band hat mir das zu Beginn nicht geglaubt, als ich mit dem Text angekommen bin: „Immer feucht und immer glitschig, nackt und dabei sehr hitzig, du weißt genau, worum es geht“. Ja, es geht wirklich um einen Saunagang. Natürlich wirkt das leicht schlüpfrig, weil nackte Haut vorkommt – aber hey, das ist Sauna, oder?
LC: Wir machen das sogar ziemlich oft, gerade am Day Off zwischen den Konzerten geht’s in die Sauna, es gibt gerade im Winter nichts Besseres – und danach schlafst wie ein Baby.
Im Roman „Schwere Knochen“ von David Schalko kommt auch der Begriff ‚Granada‘ vor und meint da den totalen Kampf, den Krieg. Wenn Ihr Euch entscheiden müsstet, was stände Euch denn näher – die Granate oder der Granatapfel?
LC: Der Granatapfel, in jedem Fall! Was aber daran liegt, dass ich schon immer sehr gern Granatäpfel gegessen habe. Ich hatte auch die Idee, das zweite Album „Pfel“ zu nennen, dann könnte man hintereinander Granada „Pfel“ sagen (lacht). Aber das ist dann doch nichts geworden.
Neben Graz und Wien, wie fühlt sich München für Euch an?
TP: Sehr gut. Wir haben mit den Sportis, Fiva und auch Mark Liebscher viele musikalische Freunde in München, die Konzerte waren bis jetzt auch immer toll, das Publikum ist fantastisch. Klar gibt es die Schickimickis, es fahren hier ein paar mehr Ferraris herum als beispielsweise in Graz, aber es hat eben auch diese kleine, feine Indieszene.
Kann es sein, dass man in München allein wegen der Lage etwas näher an Euch, am Dialekt dran ist als etwa Hamburg oder Bremen?
TP: Vielleicht, das ist schon möglich. Aber in erster Linie geht es eher darum, was die Musik transportiert, den Spaß daran. Und da gibt es eigentlich keine Unterschiede.

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