Gesunder Egoismus und wie er sich anfühlt

Gesunder Egoismus und wie er sich anfühlt

By : Luminosa/ Tags : Egoismus/Category : Sonstiges/0 CommentGesunder Egoismus und wie er sich anfühlt

Ich stecke gerade wieder in einer solchen Situation. Wir lernen meist sehr früh Teamplayer zu sein, mit anderen zu teilen, für andere da zu sein. Eine gesunde Einstellung, welche uns auch im weiteren Leben oft sehr nützlich sein kann. Aber heute frage ich mich wirklich, ob das immer so gut ist.

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Wenn ich mich selbst einschätzen müsste würde ich sagen, ich war bis vor kurzem der größte Teamplayer, hab nur an das Wohl der anderen gedacht und habe immer versucht es anderen recht zu machen. Vor allem in meinem Beruf hab ich das gute 5 Jahre durchgezogen. Ich war immer zur Stelle und habe meine Bedürfnisse und mein Privatleben zurückgestellt. Das wurde ausgenutzt. Und die Kollegen die einfach “Nein” sagten, die wurden gar nicht mehr gefragt. Wieso auch – ich war ja immer da. Egal was war. Alle anderen sagten oft “Sandra – sag doch einfach mal nein”… Aber wisst ihr wie schwer das ist? Ich konnte nicht und hab´s mir mit machen lassen. Und was hat es mir gebracht. Äh – nix.

Diese Erkenntnis hatte ich Ende des letzten Jahres. In meinem Beruf und im Team hatte sich gerade alles geändert und so hab auch ich angefangen mal darüber nachzudenken, wie es weitergehen soll. Die Arbeit hatte mich geschlaucht. Aber ich hab nie was gesagt. Personalmangel war ein Dauerzustand. Anstatt meinem Arbeitgeber mal zu sagen, dass mir freie Tage zustehen und so, habe ich nichts gesagt und mich zuhause aufgeregt. Das war nicht immer so dufte – das alles belastete mich und meine Beziehung. Ich war mehr mit der Arbeit verheiratet als mit meinem Mann.

Versteht mich nicht falsch, ich liebe meinen Job. Irgendwie. Oder auch nicht?! Sagen wir es so: Es hat schon mal mehr Spaß gemacht. Es gab eine Zeit da waren meine Kollegen Familie – da hat man gelacht, da war die Arbeit Nebensache. Mittlerweile ist jeder Tag ein Kampf. Hat nichts mit den neuen Kollegen zu tun, sondern einfach mit der Organisation. Ich kämpfe mich jeden Tag durch das Chaos und versuche positiv zu denken. Nur etwas hat sich geändert: Ich.

Die Einsicht dass sich all die Mühe die man sich über Jahre hinweg gemacht hat nichts, aber wirklich rein gar nichts gebracht hat, tat weh. Ich hab sie verdrängt und hab, wie so oft im Leben, immer gesagt: “Bald…dauert noch ein bisschen”…. Tja, die böse Einsicht: Nichts hat sich getan. Es war alles umsonst. Von einem läppschen “Danke” kann ich mir leider nichts kaufen. Also was tun. So weitermachen? Das Privatleben auf den 2. Platz stellen? Weiterhin für die Arbeit leben? Nein. Es muss sich etwas ändern.

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Und hier komme ich nun zu dem neuen etwas was ich gelernt habe: Egoistisch sein. Ich hasse es. “Nein” zu sagen fällt mir nach wie vor schwer, aber es funktioniert. Mittlerweile habe ich wieder ein Privatleben. Versteht mich nicht falsch, das hatte ich zwar vorher auch, aber da ging die Arbeit vor. Da war es egal, ob man mit Freunden verabredet war oder sich schon auf das freie Wochenende mit dem Ehemann gefreut hat. Ich lebe wieder. Aber hab ich ein gutes Gefühl dabei? Nicht immer. Absolut nicht. Jedes mal wenn ich “Nein” sage habe ich ein schlechtes Gewissen. Ich versuche mich dann zu erklären, was aber eigentlich nicht nötig ist. Es fühlt sich so an, als würde ich jemanden im Stich lassen. Ich versetze mich in die Lage meines Gegenübers und da überkommt es mich. “Oh Gott, wie würde ich mich jetzt fühlen wenn…” Das zu bekämpfen und ist genauso schwer, wie das rauchen aufzuhören. Glaubt mir, ich weiß wovon ich rede.

Leben und leben lassen. Das finde ich einen sehr wichtigen Spruch. Und habe immer “leben lassen” , hatte das eigene “Leben” aber immer vernachlässigt. Und nun?

Das einzig positive an der ganzen Sache ist, dass ich mittlerweile “Serviceleitung” bin. Glaubt mir, das heißt eigentlich gar nichts. Ich schaue einfach, dass es irgendwie läuft. Und es läuft. Wir sind ein tolles Team und wenn mal was nicht so klappt, wird darüber geredet. Wir sind alle gut drauf und versuchen den Tag mit ein paar Witzen rumzukriegen.

Ich schreibe den Dienstplan seit ein paar Monaten. Ich habe mir immer geschworen, wenn es mal soweit ist, dann werde ich einiges ändern. Und das habe ich.

Ich habe Dienstzeiten zu unseren Gunsten verändert, konnte mehr Personal besorgen und achte darauf, dass jeder aus “meinem” Team sein geregeltes Frei hat und nicht wild zwischen den Schichten hin und her wechselt. Und es klappt. Seitdem ist das Team zufrieden.

Und ich? Auch ich bin es. Ich halte meine freien eingeplanten Tage ein. Frei ist Frei. Ich kann “Nein” sagen. Ich mache meinen Job und versuche die Arbeit anderer zu verdrängen. Wieso soll ich immer helfen, wenn mir doch keiner hilft? Wieso soll ich immer Mutter Theresa spielen? Nein – ich bin ein Mensch mit nur 2 Händen und einem Kopf, ich hab genug eigene Sachen zu tun die zu 100 Prozent stimmen sollen. Ja, nach außen hin mag es egoistisch wirken – aber für mich ist es einfach das richtige. Arbeit ist für mich nur noch Arbeit. Ich muss noch lernen, nach Feierabend abzuschalten und mir nicht all zu große Gedanken zu machen, was morgen ist. Aber auch das wird. Es stehen dieses Jahr so viele tolle Sachen an, für die es sich mehr lohnt, seine eigenen Gedanken zu verschwenden.

Es ist nicht leicht das richtige zu tun und gewisse persönliche Eigenschaften zu ändern. Aber ich hab es getan. Es war zwar ein langer Prozess der immer noch läuft – aber in ein paar Monaten werden hoffentlich die Gewissensbisse nachlassen.

Ich habe nur ein Leben und wenn ich dafür ein bisschen “egoistisch” sein muss, dann werde ich das sein.

Für mich,  meine Ehe, mein Leben.

sandra