Gefangen in der Endlosschleife

Von Michaela Preiner

„L`aringa – Der Hering“ (Foto: Alfred Barsuglia) 06. November 2017 Ausstellung Ein kleiner, heller Raum im Dachgeschoß eines Hauses in der Spiegelgasse war Austragungsort einer mit dem Publikum interaktiven „performativen Installation“. Ursula Blickle stellt das kleine Apartment seit einiger Zeit für kuratierte Performances und Ausstellungen zur Verfügung.

Alfredo Barsuglia, in Wien längst kein Unbekannter mehr und durch seinen „social pool“ auch bereits international einem großen Publikum im Kunstbetrieb aufgefallen, nutzte die Einladung, seine neueste Arbeit „L`aringa – Der Hering“ dort zu zeigen. Vier Performende – zwei Frauen und zwei Männer – vier Lampen, ausgestattet mit Ein-Aus-Schaltern, ein Rollator und der Nachbau einer Wohnungstüre samt angrenzender Wand, eine Bodenmatte mit einer kleinen Tafel und Kreidestiften, eine Badewanne, halb mit Wasser gefüllt und ein Revolver – das waren die Komponenten mit denen Barsuglia sein Szenario aufbaute.

Zwei Frauen und zwei Männer

Jeder Person waren festgelegte Handlungen und Texte zugedacht, die durch das Publikum mit dem Betätigen der verschiedenen Lichtschalter in Gang gesetzt wurden. Im Laufe der Performance wurden die einzelnen Charaktere erkennbar. Eine junge Frau, die sich an die Kinder- und Jugendzeit in einem schönen Haus erinnert, ihr Vater, ein Sänger, der gelähmt seine Wohnung nicht mehr verlassen kann, eine zweite Frau, die zwei Schüsse aus einer Pistole abgibt und ein Mann, der, obwohl er nicht in Schussrichtung steht – offenbar von den Kugeln getroffen – immer und immer wieder zu Boden sinkt.

Die Versuchsanordnung, auch so könnte man das Geschehen bezeichnen, lebt von der Interaktion des Publikums. Wenn von diesem ein Lichtschalter bedient wird, beginnt auch die Szenerie zu leben, die sich unter diesem Lichtschalter befindet. Wenn alle Lichter ausgeschaltet wurden, bleibt der gesamte Raum einfach dunkel und still. Wären alle Lichtschalter gleichzeitig angeschaltet, dann würde jede Person die ihr zugedachte Rolle parallel zu den anderen spielen. Die Grundidee dahinter ist, einen Spiegel unserer Gesellschaft aufzuzeigen, die sich oft nicht bewusst ist, dass eine kleine Handlung eines Einzelnen ungeahnte bis weitreichende Folgen haben kann. Diese Idee wird durch mehrere andere Bedeutungsebenen zusätzlich ergänzt.

Gefangen in der Endlosschleife „L`aringa – Der Hering“ (Foto: Alfred Barsuglia)

Ist das Theater oder Performance oder was?

Barsuglia spielt zugleich auch mit der bewussten, künstlerischen Grenzüberschreitung. Die Performenden agieren als tableaux vivants, wenn sie mit ihrer Geschichte am Zug sind, verharren aber in regloser Position, wenn sie unbeleuchtet bleiben. Durch die Zuseherinnen und Zuseher werden sie wie Roboter aus- und eingeschaltet. Schon bald wird deutlich, die ständigen Wiederholungen der Szenen, in kleinen Details dennoch jeweils abgewandelt, erzeugen das Gefühl, sich in einer Endlosschleife zu befinden, beziehungsweise in die psychischen Endlosschleifen von Menschen hineinzublicken, die in ihren Traumata gefangen, sich ständig wiederholen müssen. Tino Sehgal, der derzeit wohl international bekannteste Performance-Erneuerer, verfolgt in seinen – nur mündlich tradierten Arbeiten – ein ähnliches Konzept. Auch bei ihm wird das Publikum aktiv miteinbezogen, auch bei ihm gibt es vorweg eine durchdachte Regie, auch bei ihm findet sich das Element der Endlosschleifen.

Was unterscheidet Barsuglias Arbeit „Der Hering“, um ein Beispiel von seinen Werken zu nennen – von Sehgals? Es ist zum einen eine offensichtliche, handwerkliche Komponente, die Barsuglia ins Spiel bringt. Ob die mit Holz verbrämte Badewanne oder eine aufgestellte Wand mit Türe – Barsuglia geizt nicht mit Anschauungsmaterial. Auch in seinen temporären Arbeiten in Kunsthallen und Galerien zeigt er jeweils ein höchst professionell gestaltetes „Bühnenbild“, auch wenn sich darin kein Leben mehr abspielt. Der Künstler legt bei vielen seiner Rauminszenierungen selbst Hand an, aber wo er Hilfe braucht, arbeitet er mit spezialisierten Handwerkern zusammen. Er lerne dabei nicht nur ständig etwas dazu, wie er in einem Interview einmal festhielt, sondern er genieße es auch, dabei aus der Kunstwelt auszutreten und mit Menschen zusammenzuarbeiten, die nicht aus diesem Genre kommen.

Gefangen in der Endlosschleife „L`aringa – Der Hering“ (Foto: Alfred Barsuglia) Gefangen in der Endlosschleife „L`aringa – Der Hering“ (Foto: ECN)

Tanz, Performance, Musik und bildende Kunst

Der zweite Unterschied zu Sehgal ist, dass Barsuglia sein „Publikum“ mit auf Reisen, oftmals mit kriminalistischem Background, mitnimmt. Einzelne in Szene gesetzte Puzzlesteine können dabei zu einem Ganzen im Kopf zusammengesetzt werden. Die auf Italienisch gesungene Arie, die der Vater, vorne übergebeugt auf seinem Rollator sitzend immer wieder vorträgt, erschließt sich nicht allen. Auch dieses Moment ist bewusst gewählt, erlaubt aber der Sprache Unkundigen einen größeren Interpretationsspielraum. Der Kunstkonsum, der ganz nebenbei passiert, geschieht so, dass man fast vergessen könnte, dass die Arbeit im Kunstkontext verankert ist.

Dabei stellen sich natürlich eine ganze Reihe von Fragen. Zu welcher Kunstgattung sollte man nun eine performative Installation wie       „L´aringa – der Hering“ zählen? Die szenische, durchkomponierte Aufführung liegt nahe beim theatralen Bereich. Mit dem Bariton Stefan Zenkl, der einen Teil der Leidensgechichte des Vaters singend wiedergibt, wird die Grenze zum Musiktheater überschritten. Mit Alex Deutinger, der in vielerlei Arten von Kugeln getroffen zusammensacken darf und Sara Lanner, die den Revolver bedient, weist der Weg in die Tanz- und Performanceszene. Barbara Grahsl wiederum ist Schauspielerin.

Alleine schon diese Besetzung zeigt, dass es Barsuglia darum geht, viele unterschiedliche Kunstfelder miteinzubeziehen. Eine Vorgehensweise, die sich vor allem im zeitgenössischen Tanz sehr gut beobachten lässt, in der bildenden Kunst jedoch noch weit weniger anzutreffen ist. Weit entfernt ist der Künstler auch von jeder Art von Geheimniskrämerei, die den Markt anheizt. Sehgal verbietet Foto- und Videoaufnahmen, gibt selten Interviews und will seine Performances in den Institutionen, in welchen sie aufgeführt werden, nicht verschriftlicht wissen. Barsuglia liebt den Kontakt mit dem Publikum.

„Am besten funktioniert dieses Stück, wenn die Menschen, gleich wenn sie den Raum betreten, in dem es stattfindet, ein Glas Wein in die Hand bekommen und sich dann ganz frei zwischen den einzelnen Szenen bewegen können“ – O-Ton Barsuglia. Auch, dass gerade das Publikum ein bestimmendes Element ist, von dem der Ausgang der Performance maßgeblich abhängt und sich nicht wirklich vorhersehen lässt, ist bewusst angelegt. Momente, wie jener, in welchem in der Spiegelgasse eine plötzliche Finsternis herrschte und niemand den Lichtschalter für lange Sekunden bedienen wollte, sind die spannendsten überhaupt und nicht vorhersehbar. Ad hoc stellen sich dabei wieder neue Fragen: Wie lange ist es einer Gruppe von Menschen möglich, inaktiv zu bleiben? Wird die Stille und Dunkelheit als beklemmend oder inspirierend empfunden? Was bedeutet der Akt des erneuten Licht-Einschaltens in so einer Situation? Ist es die Erlösung, die ein einzelner einer Gemeinschaft angedeihen lassen kann oder vielmehr ein Gewaltakt, den manche, wie in diesem Fall, als zu früh ermpfinden?

„L´aringa – der Hering“ erwies sich in Wien als offenes Kunstwerk, das sich trotz aller vorgegebener Regieanweisung so wandelbar ist, dass es bei jeder neuen Afführung zu neuen Gedankenkostellationen anregen kann. Grund genug, sich die Performance bei einer der nächsten Gelegenheiten noch einmal anzusehen  und an den Lichtschaltern wieder aktiv zu werden.

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