Gedanken zur Grass-Debatte

Von Stefan Sasse
Günter Grass. Ich sage den Namen mit einem tiefen Aufseufzen. Ich hatte ursprünglich nicht vor, über diese "Debatte" zu schreiben. Ist es überhaupt eine Debatte? Es erinnert so an Sarrazin, nur andersherum. Beim einen unkritischer Jubel mit einigen wenigen kritischen Stimmen, jetzt kollektives Draufhauen mit einigen wenigen, die ihn verteidigen. Als könnte Presse nur in diesen Aggregatszuständen existieren, zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode erregt. - Ich möchte einige Dinge gleich zu Beginn klären. In diesem Blog hat man schon sehr lange nichts mehr zum Nahostkonflikt gelesen, und das wird auch in Zukunft so bleiben. Ich habe für mich entschlossen, zu dieser Thematik zu schreiben. Die Situation dort ist so verworren, komplex und von jahrzehntealten Feindschaften und Mentalitäten geprägt, die ich nicht einmal zu verstehen beginnen kann, dass mir mein eigenes Wissen nicht als ausreichend scheint, qualifiziert Stellung zu beziehen. Und ich habe keine Lust, in irgendwelche Stellvertreterkonflikte hineingezogen zu werden, die ebenfalls permanent den Konflikt überlagern. An dieser Stelle soll es deswegen um die Grass-Debatte in Deutschland selbst gehen und weniger um den Inhalt seines "Gedichts". Mir ist es unmöglich zu beurteilen, wer im Atomstreit mit dem Iran eigentlich den ersten Stein geworfen hat, geschweige denn, beim wievielten wir aktuell stehen. Mit diesen Vorbemerkungen in medias res. 
Die erste Sache, die mir in dem gesamten Streit um Grass' Aussagen wichtig erscheint ist das Alter. Der Mann ist 84 und hat den Zweiten Weltkrieg noch selbst erlebt, und das noch auf der wahrlich falschen Seite. Er zog daraus - und das muss man ihm jenseits allen Anderen hoch anrechnen - den richtigen Schluss und engagierte sich dafür, dass sich so etwas nicht wiederholen kann. Vor seiner Lebensgeschichte als ständigem Mahner und Erinnerer wirkt das Gedicht daher umso greller. Grass und seine gesamte Generation mussten stets sehr vorsichtig auftreten, wenn sie sich mit dem Thema beschäftigten, und sie taten dies meist auch. Auf ihre alten Tage - Stichwort: Martin Walser - scheinen sie irgendwie das Bedürfnis zu haben, gegen dieses "selbstauferlegte Tabu" (FR) zu rebellieren. Dieser Punkt scheint mit dabei sehr relevant zu sein: Grass kämpft gegen ein Schweigen an, das seine Generation selbst - aus gutem Grund - geschaffen hat. Er rennt gegen die eigene Vergangenheit. Noch deutlicher wird dieser demographische Faktor übrigens bei Marcel Reich-Ranicki, im FAZ-Interview. Auch er argumentiert praktisch ausschließlich aus einer lange versunkenen Vergangenheit heraus, die für ihn gleichwohl Lebensgeschichte ist. Wie er die Zusammenkunft mit Grass 1958 beschreibt - man hat das Gefühl, er sitzt geistig wieder in diesem Hotel in Warschau, dem jungen Grass gegenüber, und bekämpft sich intellektuell mit ihm.
Aber zurück zu Grass. Letztlich existiert dieses ungeheure, unaussprechliche Tabu der Israel-Kritk so einfach nicht. Es ist richtig, dass man noch heute ungeheuer vorsichtig und sensibel vorgehen muss, wenn man die Politik dieses Staates kritisieren will. Es ist auch moralisch richtig. Aber die Gemüter sind hier auf allen Seiten reichlich aufgeheizt und gereizt, was auch auf die eingangs angesprochenen Altlasten der vergangenen Jahrzehnte zu tun hat. Israel ist anders, daran kann kein Zweifel bestehen. Die merkwürdigen Frontlinien, bei denen etwa linke und Rechte sich bei ihrer Kritik vereint im selben Lager gegen "die Mitte" finden, spricht Bände, und sie findet sich praktisch nirgends sonst. Es sind Altlasten aus einer Zeit, als die meisten von uns noch nicht einmal geboren wurden, und wir leben hunderte von Kilometern vom Ort der Geschehnisse entfernt. Allein deswegen ist eine gewisse Vorsicht angeraten. 
Genau diese Vorsicht hat Grass - ich unterstelle: absichtlich - vermissen lassen. Seine Gleichsetzungen, der Vorwurf an Israel, das "iranische Volk auslöschen" zu wollen, all das sind mutwillige Übertreibungen, die eine scharfe Reaktion erwarten lassen mussten. Es gibt Kritiker, die darin eine Absicht Grass' erkennen wollen, sein Befürfnis, sich zu Unrecht angreifen zu lassen und dann in einer moralisch überlegenen Pose zu stehen. Den Gefallen, man muss es sagen, hat man ihm getan. Denn genauso maßlos wie er in seinem Gedicht übertrieb, so maßlos übertrieben es manche seiner Kritiker. Wenn Josef Joffe etwa in der ZEIT erklärt, dass ES aus Grass heraus will, wobei ES der Antisemitismus ist, dass quasi ein dunkler Anti-Grass unter der Oberfläche lauert, und das alles in einer großen Linie auf seine Waffen-SS-Mitgliedschaft zurückführen, dann wird es reichlich albern. Auch die gehässigen Angriffe auf seine literarischen Qualitäten sind nicht gerade die feine Art (und ziehen sich auch durch das Ranicki-Interview, bei dem nie ganz klar ist, ob es nun um Literatur oder Politik geht); man sollte von der Ebene her sachlich bleiben und nicht dermaßen herabwürdigend werden. Auch das Einreiseverbot, das Israel jetzt gegen Grass aussprach ist mehr als albern.
Ebenfalls merkwürdig, wenngleich nicht auf die Grass-Debatte beschränkt, ist die stete Gleichsetzung Israels mit "den Juden". Erneut, das kann mit meinem geringen Fachwissen zum Thema zusammenhängen, aber empfinden wirklich alle Juden überall in der Welt Israel als ihren Sprecher, als ihre legitime Stimme? Diese implizite Annahme schwingt in all den Antisemitismusvorwürfen stets mit. Ich empfinde das als merkwürdig. Eigentlich ist das Judentum erst einmal eine Religion; der Vatikanstaat spricht ja auch nicht "für die Christen", zumindest hätte ich noch nie gelesen, dass man christenfeindlich sei, wenn man dessen Politik kritisiert. Die Idee, dass die Juden in ihrer Gesamtheit irgendwie zusammengehören und in eine Art Sippenhaft zu nehmen sind ist doch per se antisemitisch, oder? Genau das wird doch aber, wenngleich ins vermeintlich Positive gewendet, von denen gemacht, die in einem Angriff auf Israel immer sofort Antisemitismus gegen alle Juden, egal wo in der Welt, vermuten. Oder übersehe ich hier etwas? Dieser Widerspruch hat mich schon immer etwas ratlos gelassen, aber nie mehr als jetzt.
Ich finde aber an der Grass-Debatte etwas ganz anderes bemerkenswert. Abgesehen von einigen arg extremen Ausrutschern - Joffe und Reich-Ranicki etwa - ist es gut zu sehen, dass zumindest in diesem Bezug der moralische Kompass der deutschen Öffentlichkeit noch funktioniert. Dass die Mehrheit der befragten Deutschen auf Grass' Seite ist, sagt dabei recht wenig aus. Was ist Grass' Seite überhaupt, und könnte die Mehrheit der Befragten das benennen? Wahrscheinlich ging es den meisten ohnehin nur um die Frage, ob "man Israel kritisieren darf". Klar darf man das, aber das hat auch nie jemand bezweifelt. Das ist auch die Phantomdebatte, die hier geführt wird. Nein, interessant ist etwas völlig anderes, was das unwahrscheinliche Gespann Mely Kiyak und Michael Spreng herausgearbeitet haben, sie etwas deutlicher und pointierter als er. Ihre Einleitung muss man ausführlich zitieren:
Als Thilo Sarrazin vor siebzehn Monaten sein Buch veröffentlichte, in dem er Leute wie mich als minderwertige, der Gesellschaft schadende Subjekte beschrieb und mit falschen Zahlen seine Denunziationsschrift fütterte, passierte erstmal nichts. Genüsslich und unkommentiert veröffentlichte die Bildzeitung, später der Spiegel, vorab Passagen daraus. Dann wurden Talkrunden angestrengt, wo es um die Frage ging, wie man die Defekte bestimmter Gruppen in den Griff kriegt. Ein Land versuchte sich pseudowissenschaftlich in Vererbungslehre und Religionskritik. Versuchte den ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Schaden, den wir diesem Land antun, zu bemessen. Stellte in immer neuen Variationen unsere Existenzberechtigung in Frage. 
Genau hier liegt der eigentliche Skandal. Josef Joffe bezeichnete "Deutschland schafft sich ab" als "Die gute Provokation" und bemühte einige Klassiker, die Sarrazin beigesprungen wären, lebten sie heute noch. Auch die große Mehrheit der sonstigen Medienöffentlichkeit war damals ohne Wenn und Aber auf Sarrazin-Kurs, debattierte lustvoll, warum die Migranten durch Inzest und Bildungsferne uns Deutschen so unterlegen seien. Protest regte sich kaum, und vor allem eine Gruppe blieb geradezu peinlich still: der Zentralrat der Juden und andere, die sich gerade zu Wort melden, wie etwa Reich-Ranicki. An ihnen wäre es damals gewesen, Position zu beziehen gegen diese Diskriminierung. Die größte Erregung war ihnen aber Sarrazins Juden-Gen wert. Das weit verbreitete Schweigen im Falle Sarrazin ist mindestens eine ebenso große moralische Hypothek wie es Grass' verschwiegene SS-Mitgliedschaft war.
Denk- und Sprechverbote bei bestimmten Themen, da haben alle Seiten Recht, sind niemals gut. Joffe hat das beim Thema Sarrazin, Augstein beim Thema Grass erkannt. Der bessere Weg einer Auseinandersetzung mit Quatsch ist es, den Inhalt anzugreifen. Ein allgemeines "Pfui, pfui, pfui" wird den vermeintlichen Tabubrechern stets nur begeisterte Anhänger von den extremen Rändern zutreiben, die dieses Flaggschiff dann nutzen um ihren eigenen Müll zu verbreiten. Hätte man Sarrazin von Anfang an auf sachlicher Ebene auseinandergenommen, vielleicht wäre die Stimmung heute nicht so vergiftet. Auch der Frontalangriff auf Grass dürfte Israel einen Bärendienst erwiesen haben. Der Eindruck, dass "man Israel nicht kritisieren darf" und der Ärger darüber, den es unzweifelhaft gibt, dürften sich dadurch nur verstärkt haben. Überzeugt wird so auch niemand. Das kann nur gehen, wenn man die Argumente widerlegt. Und das ist weder bei Sarrazin noch bei Grass öffentlichkeitswirksam getan worden. Die Folgen im Falle Sarrazin sind mittlerweile schmerzhaft sichtbar, und ich wage zu behaupten, dass es bei Grass ähnlich verlaufen wird.

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