Für die Trennung von Staat und Religion

Sehr viele Menschen kennen den von Marx geprägten Ausdruck der Religion als Opium des Volkes. Doch das komplette Zitat ist weit weniger Menschen bekannt. Darin wird deutlich, dass Marx‘ Haltung zu Religion erheblich vielschichtiger war: „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.” (Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie)

 

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Photo: Ranoush

Wissenschaft und Religion

Die materialistische Philosophie geht davon aus, dass alles – auch die menschlichen Gedanken und Ideen – mit materiellen Ursachen zu erklären sind. Die Wissenschaften haben es ermöglicht, dass wir nicht mehr auf Gott oder andere religiöse Erklärungen zurückgreifen müssen, um Phänomene der Natur zu erklären.
Es ist aber wichtig zu erkennen, dass die religiösen Gefühle der Menschen authentische Gefühle ausdrücken. In einer Welt, die von Unsicherheit, Plackerei und Gewalt geprägt ist, sind diese Gefühle „Seufzer“ und „Geist“ für die verunsicherten Individuen. 


Klassenkampf und Religion

Religion kann sich sehr unterschiedlich ausdrücken. Sie kann einerseits von Regierungen zur Unterdrückung der Massen genutzt werden. Andererseits können sich unter religiösen Parolen auch ganz handfeste materialistische und klassenkämpferische Aspekte artikulieren. Thomas Müntzer, der deutsche Revolutionär der Bauernkriege im 16. Jahrhundert oder Martin Luther King, einer der Führer der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA der 1960er Jahre stehen für kämpferische, emanzipatorische Bewegungen unter religiöser Führung.
Aus diesem Grunde war Marx nicht einfach antireligiös. Er erkannte, dass Religion oder religiöse Gefühle nicht einfach per Dekret abgeschafft werden können. Tatsächlich zeigen die Erfahrungen der Geschichte, dass Menschen sich sehr stark und sehr schnell verändern können, wenn sie gemeinsam für höhere Löhne im Betrieb oder andere Verbesserungen kämpfen. Je stärker sie Herrscher ihres eigenen Handelns und ihrer eigenen Entscheidungen sind, desto weniger notwendig sind religiöse Erklärungen für sie.
Religion ist Privatsache

Sozialisten gegen Religion

Sozialisten sind – ganz in der Tradition der Aufklärung – für eine Trennung von Staat und Religion. Die Religion ist ganz einfach Privatsache und religiöse Erklärungen sollten nicht durch staatliche Institutionen verstärkt oder gar erzeugt werden.
Aus diesem Grund sind Sozialisten gegen Religionsunterricht an den Schulen und für eine Art Ethikunterricht, in welchem verschiedene Weltanschauungen – aber auch die verschiedenen Religionen – erklärt und diskutiert werden.
Gleichbehandlung der Religionen ist wichtig. Jedoch ist die Trennung von Staat und Kirche längst nicht durchgesetzt. Bis dahin ist es ganz wichtig, nicht zuzulassen, dass eine Religion gegen die andere ausgespielt wird.

Benachteiligung des Islam

Der Islam und die Muslime in Deutschland werden zunehmend angegriffen und ausgegrenzt. Mit geschürtem Islamhass sollen die Kriege des Westens gegen muslimische Länder ideologisch gerechtfertigt werden. Zudem werden – spätestens seit der Hetze von Thilo Sarrazin – Einwanderer, die selbst oder deren Eltern ursprünglich aus muslimischen Herkunftsländern kamen, zunehmend für gesellschaftliche Missstände verantwortlich gemacht. Hier ist höchste Vorsicht geboten, denn das kapitalistische System steckt in einer sehr tiefen Krise (manche Analysten vergleichen die aktuelle Krise sogar mit der Großen Depression der 1930er Jahre) und es besteht die Gefahr, dass wieder ein Sündenbock für das Scheitern der Konkurrenzwirtschaft ausgeguckt werden soll. Wir leben in gefährlichen Zeiten!
Ein Beispiel für staatlichen Rassismus: Eine kopftuchtragende Lehrerin an einer Schule in NRW wurde von ihrem Direktor abgemahnt, das Kopftuch nicht an der Schule und im Unterricht zu tragen. Sie wurde entlassen, weil sie weiter mit Kopftuch unterrichtete. Nachdem die Lehrerin gegen ihre Entlassung klagte, bestätigte das Landesarbeitsgericht Hamm (AZ 11 Sa 280/08 und 11 Sa 572/08) ihre Entlassung. Im Urteil gegen die Lehrerin wird das Tragen von christlicher Ordenstracht und jüdischer Kippa aber ausdrücklich erlaubt. So ist dieses Urteil kein Ausdruck der Trennung von Staat und Kirche sondern ein zutiefst rassistisches und ausgrenzendes Urteil.

In dem sehr lesenswerten Artikel „Wie hast du’s mit der Religion?“ von Marx 21 zum Thema Religion an Schulen heisst es:
„Auch das gehört zur Tradition der Aufklärung: gegen Unterdrückung und Diskriminierung von religiösen Minderheiten und für vollständige Religionsfreiheit einzutreten.“
(Hier der direkte Link zum Artikel)

[mit freundlicher Genehmigung des Autors]

von Francis Byrne

Francis Byrne ist Mitglied von Die Linke und Marx21


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