Fritz J. Raddatz – Karl Marx, eine politische Biographie

Das vorab: das Buch ist vergriffen und wird/wurde offensichtlich seit der 3. Auflage (1981) nicht wieder aufgelegt. Immerhin: im Zentralen Verzeichnis antiquarischer Bücher (ZVAB.de) wird es noch geführt.

Fritz J. Raddatz, der sich selbst sogar als Kommunist bezeichnet hat , ist ein Buch gelungen, dass sich zum Einen aller Verdammung Marx fernhält aber auch einer Heroisierung aus dem Wege geht.

Karl Marx – den viele heute noch als das in Europa umgehende Gespenst sehen – wird hier als ein Mensch gezeichnet, der nicht nur einige noch heute wichtige (und die Geschichte – wenn auch nicht ändernde, so doch beeinflussende) Bücher und Broschüren schrieb, sondern auch als Mensch, der sich als unzuverlässig seinen Freunden gegenüber zeigte, sondern regelrecht streitsüchtig (nicht nur streitbar!) gegen Freund und Feind war. Das ist nicht gerad das Bild, wie es eine Zeit lang Usus war in einem Teil der Welt.

Doch das ist nicht, worüber ich etwas schreiben möchte.
Viel interessanter ist, dass es zwischen diesem Buch und dem (zwar bereits gelesenen, aber hier noch nicht besprochenen) Buch von Rudolf Bahro “Die Alternative” Übereinstimmungen in der Bewertung der Marx’schen Ideen und (sozusagen) deren Folgen gibt. Die beiden Bücher wurde zeitlich etwa parallel geschrieben, so dass man davon ausgehen kann, dass der Eine vom Anderen nichts wusste (zumal Bahros Roman relativ heimlich geschrieben werden musste). Und so finde ich es erstaunlich, dass beide Autoren zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommen:

Marx hat eben nicht – wie in den Staaten des “real existierenden Sozialismus” gebetsmühlenartig heruntergeleiert wurde – eine Zukunft der Gesellschaft vorausgesagt. Sondern, wann immer die Frage nach dem “Was kommt nach der Revolution” auftauchte, sich mit verschwommenden Aussagen beholfen. Das jedoch wäre nicht so schlimm wenn sich nicht eine Gesellschaftsordnung darauf berufen hätte.

Weiterhin kreiden beide der Marx’schen Philosophie an, dass der Mensch in seiner Einzigartigkeit nicht gesehen wird. Sondern einzig sein Wert als Arbeitskraft, als Teil einer Masse (oder Klasse) von Bedeutung ist. Und so verkam das Wort Individualismus in der DDR z.B. zu einem Schimpfwort.

Aber nichtsdestotrotz weist Raddatz darauf hin, dass Bücher wie “Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte”, die “Thesen über Feuerbach”, die “Kritik des Gothaers Programm” und – selbstverständlich – das “Manifest der kommunistischen Partei” und das “Kapital” als genial anzusehen sind. Diese fünf Bücher waren weltverändernd. Und haben die Philosophie bis auf den heutigen Tag grundlegend beeinflusst. An den hier benannten Ideen reiben sich noch heut die Philosophien; die bürgerlichen wie die humanistischen oder kommunistischen. An Marx kommt – wegen dieser Bücher – niemand vorüber, der hinter die Dinge, wie sie scheinen, schauen möchte.
Insofern ist es sicherlich heut noch nicht unsinnig, diese 100 Jahre alten Texte zu lesen.

Hervorgehoben wird auch der Einfluss von Friedrich Engels auf die Arbeiten und Schriften Karl Marx’ als auch auf seinen Einfluss auf das finanzielle Überleben des sich oft sehr eigen gebenden Menschen Marx.
Und Raddatz würdigt auch (anders als Bahro) die unglaubliche Arbeit, die Engels damit hatte, den Band 2 und 3 des Kapital zu veröffentlichen. Marx hat – nach Raddatz – sich vor der Veröffentlichung gescheut, immer wieder neue Forschungen angestellt, immer neue Bücher gelesen und Exzerpte geschrieben um sich nur nicht mit dem Schreiben des Buches abgeben zu müssen.
Obwohl in meiner Kindheit und Jugend MARXENGELSLENIN als ein Wort ausgesprochen wurde, ist mir eigentlich erst durch dieses Buch klar geworden, wieviel Engels im Marx steckt.

Es entzieht sich meiner Kenntnis, weshalb das Buch nicht mehr aufgelegt wird (meine Ausgabe ist die 3te von 1981) – ob Fritz J. Raddatz das nicht nicht wollte, ob der Verlag dagegen war oder ob sich durch die Marx-Forschung neue Ansatzpunkte ergaben, die das Buch fehlerhaft machten.

Sei’s drum. Ich bin sehr zufrieden damit, es gelesen zu haben und meine, dass – wer sich mit der marxistischen Philosophie oder Ökonomie befasst – nicht schlecht fährt, zu wissen, woher die Ideen kamen und wie sehr sie durch Missachtung von denen, die in seinem Namen zu reden sich anmaßten, verändert, verschlechtert wurden.
Wer Dialektik nur im Munde führt ohne sie zu denken darf sich eigentlich nicht auf Marx berufen. Die Apologeten, die einen nicht unwesentlichen Teil der Welt regierten, haben Marx’ unangenehmere Seiten zu Politik werden lassen. So wie Marx Informationen, die nicht in sein Konzept der Welt passten, einfach ignorierte; wie er sich aus anderen Büchern nur die Teile notierte, die in sein gedankliches Gebäude passten (laut Raddatz), so waren die alten Männer des Sozialismus blind gegenüber dem Leben, dass sich nicht an die strengen Formen einer missbrauchten Utopie anpasste. (doch dazu dann mehr bei der Besprechung der “Alternative”)


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