Freunde

EINE WIRKLICHE FREUNDSCHAFT KENNT KEINE GRENZEN. AUCH NICHT DIE AUS STAHL UND BETON
(Vincent Deeg)
Etwas über ein Jahr war es nun schon her, seit sein bester Freund erfolgreich über die sogenannte grüne Grenze in den Westen geflüchtet war. Eine Flucht, die Gerd und Alex zwar lange und gründlich geplant hatten, zu der aber als es endlich soweit war, nur Alex den nötigen Mut aufbrachte.
Ein feiger Hund, wie Gerd sich immer wieder selbst bezeichnete, der, als es zu spät war seinen Entschluss mehr als nur einmal bereute. Das aber lag nicht allein daran, dass er, von seinem einzigen noch verbliebenen Freund verlassen und von der Familie, die seine politischen Ansichten nicht teilte verstoßen nun Mutterseelen allein war. Oder daran, dass ihm die Stasi, als bekannt wurde, dass sein Freund in den Westen geflohen war, das Leben noch mehr zur Hölle machte, als es zuvor bereits der Fall war.
Nein. Es lag auch daran, dass er inzwischen wusste, dass nicht nur ihr gemeinsam geschmiedeter Plan funktioniert hatte, sondern auch, dass er die vermutlich größte und vielleicht einzige Chance an sich vorüber ziehen lassen hatte, die ihn in die Freiheit bringen konnte.
*
Es war die Postkarte, die er eines Tages in seinem Briefkasten fand. Eine Karte von einer ihm völlig fremden Frau, die ihn, als wären sie schon seit Ewigkeiten alte Freunde einen Gruß aus Westberlin schickte.
Ein Gruß aus dem Westen Berlins. Von einer Frau, von der er noch nie etwas gehört, geschweige denn etwas gelesen hatte. Das war schon ziemlich seltsam. Doch noch seltsamer wurde es, als Gerd um deren Vorderseite zu betrachten, die Karte umdrehte. Als er, so wie es jeder erwartet hätte, statt auf eine der Stadtansichten von Westberlin zu blicken, auf die Ansicht des Ostberliner Alexanderplatzes blickte.
Was hatte das alles zu bedeuten? Wer war diese unbekannte Frau? Und vor allem. Warum benutzte sie eine Ansichtskarte, die, wie man auf der Rückseite erkennen konnte, nicht aus West, sondern aus Ostberlin stammte? Warum benutzte sie nicht, wie es die anderen auch taten eine Karte aus dem schöneren Westteil der Stadt?
Viele Fragen, auf die es natürlich, auch wenn sie Gerd am Anfang nicht gleich fand eine Antwort gab. Eine Antwort, die sich, mit Kugelschreiber geschrieben und für das bloße Auge kaum sichtbar auf dem unteren Rand des Bildes versteckte und die er erst sah, als die Sonne, die durch das Fenster schien die glatte Oberfläche der Karte beleuchtete.

„Früher hatte nur Ostberlin einen Alex. Jetzt hat auch Westberlin einen. Wir planen weiter.“

Worte, die, zumindest, was den größten Teil betraf unmissverständlicher nicht hätten sein können. Mit denen ihm diese Frau sicher nicht sagen wollte, dass Westberlin sich nun auch einen Alex gebaut hatte, sondern eher, dass sein Freund Alex, dessen Name nur zufällig derselben war, wie der allgemein gebräuchliche Kurzname des Ostberliner Alexanderplatzes es geschafft hatte und nun in Westberlin lebte.
Und Worte, die sowohl große Freude, als auch tiefe Wut in ihm auslösten. Freude darüber, dass Alex nun endlich dort war, wo er schon immer hin wollte und es offensichtlich auch noch geschafft hatte, gute Freunde zu finden, die ihm dabei halfen, mit seinem, im Osten zurück gelassenen Freund Kontakt aufzunehmen und Wut darüber, dass ihn selbst, als es soweit war, der Mut verließ. Dass er nun und das vielleicht für immer in dieser DDR gefangen war. Dem Land, das er über alles hasste, in dem er nur noch ein Fremder war und das ihn wie einen Feind, wie einen Verräter behandelte.
*
Gerd wäre sicher weniger wütend auf sich gewesen und hätte sich viel weniger Sorgen um seine Zukunft gemacht, wenn er nur verstanden hätte, was mit diesen Worten „Wir planen weiter“ gemeint war. Doch das war nicht der Fall. Und so ahnte er nichts von all dem, was ihm noch bevor stehen sollte. Nichts von dem Plan, an dem man in Westberlin schon seit einem halben Jahr emsig arbeitete und nichts von der Zukunft, die bereits auf ihn wartete. Eine Ahnungslosigkeit, die sich allerdings nur wenige Wochen, nach dem er diese Karte erhalten hatte, buchstäblich in Luft auflösen sollte. Als ihn eines Abends ein fremder Mann ansprach und ihm, nachdem er sich mehrere Male davon überzeugt hatten, weder belauscht, noch beobachtet zu werden davon erzählte, dass er, seine Frau, die die Schreiberin der Postkarte war und natürlich sein Freund Alex an einem Fluchtplan gearbeitet hatten, der nun, genau an diesem Abend starten sollte.
Natürlich war Gerd am Anfang misstrauisch. Wusste er doch, dass die Stasi vor nichts zurück schreckte um jemandem wie ihn ins Gefängnis zu bringen. Dass es sein konnte, dass all das nur eine miese Falle war. Doch als der Fremde, der sich als Peter verstellte damit begann, ihm von ein paar Dingen zu erzählen, von denen nur Gerd und Alex etwas wissen konnten, wurde ihm klar, dass er diesem Mann, der seinen Freund tatsächlich zu kennen schien vertrauen konnte. 
*
Zwei ganze Stunden sollten damals noch vergehen, bis Gerd, der sich in einem speziell dafür umgebauten Campingbus versteckte und Peter, der das Fahrzeug fuhr, zwar von den DDR Grenzorganen misstrauisch beäugt aber doch unbehelligt auf der Westseite Berlins ankamen. Zwei Stunden, bis sich die beiden Freunde, die sich so lange nicht gesehen hatten wieder in die Arme schließen konnten. Zwei Stunden, bis auch Gerd endlich Frei war.
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Gerd und Alex leben noch heute im ehemaligen Westberlin. Sie haben beide Arbeit und sind noch immer mit Peter und seiner Frau Stefanie, den Helden von damals befreundet.
Diese Geschichte beruht auf eine wahre Begebenheit. Sie wurde mir von Alex erzählt.
Alle hier beschriebenen Namen wurden geändert.