Fokus Kernenergie (2): Geschichte der deutschen Atomangst

Im Wesentlichen beziehe ich mich im Folgenden auf eine sechsteilige Serie aus Zettels Raum [1]. Wenn euch das Thema also genauer interessiert, empfehle ich euch die Lektüre aller Teile in diesem Blog. Den Link findet ihr am Ende des Artikels.

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Der Beginn der Ablehnung der Atomenergie findet sich in der urspünglichen Ablehnung von Atombomben.

Die ersten einsatzfähige Atombombe hatten die Amerikaner durch das sogenannte Manhattan-Projekt [2] im Sommer 1945. Glücklicherweise hat die Wehrmacht im 2. Weltkrieg schon vorher kapituliert. Die Japaner waren zu diesem Zeitpunkt mit den Amerikanern noch im Krieg und wurden dann auch durch den Abwurf der Atombombe auf Hiroshima die ersten Opfer. Der Gefahr aber haben auch wir Deutschen dicht ins Auge geblickt, was uns erst danach so richtig bewusst wurde.

Ein zweites Mal wurde Deutschland durch den kalten Krieg von der atomaren Katastrophe bedroht. Den eines war klar, sollte es dazu kommen wäre das Schlachtfeld in Deutschland gewesen, das Land in dem die Grenze zwischen dem Osten und Westen am deutlichsten zu spüren war.

Die Ablehnung der Atombombe war folgerichtig bis Tief in die Seele der Deutschen vorgerückt. Die antimilitärische Grundstimmung der Nachkriegszeit begründet sich darauf.

Die Ablehnung der Atomenergie kam erst später. Zunächst stieß die friedliche Nutzung der Atomenergie auf eine breite Zustimmung in der Bevölkerung. Es war die Hoffnung damit verbunden auch nach dem Krieg ein Standort der Spitzentechnologie zu bleiben.

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Der erste Widerstand im Bezug auf die Atomenergie [3] formierte sich Anfang der siebziger Jahre als in Südbaden ein Atomkraftwerk gebaut werden sollte. Es war keineswegs so, dass sich Widerstand auf die Risiken der Atomenergie stützten, sondern vielmehr war es zu Beginn der Widerstand wie gegen so viele Großprojekte. Zuletzt äußerte sich ja auch Widerstand gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21. Der Protest richtete sich eigentlich nur gegen den Standort. Die Menschen waren um den Tourismus besorgt, um den Ruf des Weins und sahen das Atomkraftwerk als einen Schandfleck in ihrer so schönen Landschaft an.

Die nahezu bedeutungslosen K-Gruppen [4] entdeckten den „spontanen Widerstand“ und wollten ihn sich zu Nutze machen, war es doch die Chance auf mediale Aufmerksamkeit für die außerparlamentarische Oposition. Hier konnten sie ihre Kapitalismuskritik, ihren Technik- und Fortschrittsskeptizismus ideal einbringen bei einem Thema das weithin interessierte.

Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten und so war die Anti-AKW-Bewegung geboren. In immer mehr Teilen des Landes wurde sie nachgeahmt. Es war für die K-Gruppen ein gefundenes Fressen wie leicht Sympathie für Gesetzesüberschreitungen zu gewinnen war, die als „ziviler Ungehorsam“, „passiver Widerstand“ und „Gewalt gegen Sachen“ getarnt war. Es war die Hoffnung auf eine Revolution die sie antrieb.

In dem Buch „Die Fruechte des Zorns
Texte und Materialien zur Geschichte der Revolutionären Zellen und der Roten Zora“ [5] ist das Interesse zum Beispiel dokumentiert:

„Einige von uns haben sich an den drei Brokdorf-Demos und der Grohnde-Demo beteiligt. Um ehrlich zu sein, lag zu diesem Zeitpunkt unser Interesse an der Anti-AKW-Bewegung hauptsächlich darin, daß sich dort eine breite Militanz entwickelte, daß es dort Putz gab“

Der Erfolg blieb bekanntlich beschränkt. Es kam nicht zur Revolution. Er beeinflusste aber weite Teile des Linksalternativen Spektrums. Der Anfang des Widerstandes gegen Atomkraft war gemacht. Die Anti-AKW-Bewegung wurde von Teilen der Gewerkschaften und Teilen der SPD adaptiert. Es war aber weiterhin eine Minderheitenmeinung.

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Der Wandel hin zu einer großen Bewegung war damals noch nicht abzusehen. Das änderte sich erst Mitte der achtziger Jahre als die Katastrophe von Tschernobyl bekannt wurde.

Die Warner hatten Recht behalten, so war zumindest die allgemeine Stimmung. Die Minderheitenmeinung wurde mehrheitsfähig. Die Folgen des Atomunfalls wurden in Deutschland aufgrund der geographischen Nähe zu der Ukraine besonders ernst genommen und man war sich unsicher in ihren Auswirkungen. Das dann alles nicht so schlimm kam wie befürchtet wurde gar nicht mehr wahrgenommen.

Seitdem wird die Kerntechnologie nicht mehr unter technischen und ökonomischen Gesichtspunkten diskutiert, sondern ist eine weltanschauliche, moralische fast religiös anmutende Frage.

Der Grund für die spezifische Stärke der Anti-Atom-Bewegung liegt somit vorallem in unserer deutschen Geschichte und ist gerade deshalb auch nicht so leicht auf andere Länder übertragbar. Es scheint ein deutsches Trauma zu sein.

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Der Artikel ist der zweite Teil meiner kleinen Serie zur Kernenergie. Der erste Teil beschäftigt sich mit der Wahrnehmung von Wahrscheinlichkeiten, und setzt die verschiedenen Energieträger in Risikobeziehung [6]. Der dritte Teil erscheint in einer Woche und wird sich mit den Auswirkungen von Tschernobyl beschäftigen. In weiteren Artikeln dieser Serie schreibe ich dann zu Fukushima, zum Umgang der Kerntechnologie in Japan und noch einigen anderen Themen.

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Quellen / Links:

[1] Die Deutschen und das Atom 1-6

[2] Manhattan-Projekt

[3] Geschichte Anti-Atomkraft-Bewegung in Deutschland

[4] K-Gruppen

[5] Früchte des Zorns

[6] Fokus Kernenergie [1]: Umgang mit Wahrscheinlichkeiten und Risiken, Energietechnologien im Vergleich.



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