Filmkritik zu ‘Tom Sawyer’

Filmkritik zu ‘Tom Sawyer’

In der Mitte des 19. Jahrhunderts haben in der fiktiven Stadt St. Petersburg in Missouri Frauen noch kein Wahlrecht. Sie gelten als das schwache Geschlecht gegenüber den starken Männern. Eine Rothaut wird skeptisch auf der Straße angesehen, sein Geld ist nicht das gleiche wert, wie von einem weißen Mitbürger und der Name Muff Potter steht nicht etwa für eine – inzwischen aufgelöste – deutsche Popband, sondern für einen heruntergekommenen Schreiner, der fälschlicherweise des Mordes bezichtigt wird. Das ist nur ein kleiner Auszug aus den Abenteuern, die der Lausbub vom Mississippi namens Tom Sawyer in den Geschichten des amerikanischen Schriftstellers Mark Twain gemeinsam mit Huckleberry Finn erleben darf. Mit der Verfilmung des 1876er Werkes kehrt ‚Effi Briest‘-Regisseurin Hermine Huntgeburth nun nach mehreren Fernsehproduktionen zurück auf die große Leinwand. Bevor – wie bereits bestätigt wurde – im kommenden Jahr erneut unter derselben Regisseurin und mit gleicher Besetzung ‚Huck Finn‘ in die deutschen Kinos kommen wird, startet am 17. November mit ‚Tom Sawyer‘ der erste Teil der Literaturverfilmung mit Heike Makatsch, Benno Fürmann und Peter Lohmeyer als Unterstützung für die beiden Jungdarsteller Louis Hofmann und Leon Seidel.

Filmkritik zu ‘Tom Sawyer’

Benno Fürmann

Tom Sawyer ist ein Junge, der den Kopf voller Streiche hat und sich am liebsten mit seinem besten Kumpel Huckleberry Finn herumtreibt. Seine Tante Polly hat sich vorgenommen, Tom zu einem verantwortungsbewussten, anständigen Menschen zu erziehen. Doch er wehrt sich, so gut er kann. Statt seine Zeit in der Schule zu vertrödeln, verbringt er jede freie Minute bei Huck, der am Ortsrand in einer Tonne lebt und dort völlig unbeaufsichtigt seine Freiheit genießt. Eines Tages führt es die beiden um Mitternacht auf den Friedhof des Ortes, wo sie schnell feststellen, dass sie nicht die einzigen sind, die sich dort herumtreiben. Sie müssen mit ansehen, wie Indianer Joe einen kaltblütigen Mord begeht und ihn dem trotteligen, aber unschuldigen Sargschreiner Muff Potter in die Schuhe schiebt.

Das Friedhofsabenteuer bildet dabei nur den Auftakt zu einer Verstrickung mehrerer Ereignisse, die Tom und Huck nie zur Ruhe kommen lassen. Lediglich 109 Minuten hat die Regisseurin Zeit gehabt, die Vorlage filmisch umzusetzen. Da wurde nicht nur diese anfängliche Geschichte, sondern auch die Jagd nach einer einsamen Insel und einem Goldschatz, die Liebesgeschichte zwischen Tom und der Richterstochter Becky und die allumfassende Präsenz von Indianer Joe in den Film hineingepresst. Eine schwierige Aufgabe, die nur am Rande gelungen ist. ‚Tom Sawyer‘ arbeitet die Abenteuer mit einer Art Checkliste ab, ohne sie dabei sonderlich miteinander in Beziehung zu setzen. Für den durchgängigen roten Faden kann man allenfalls Benno Fürmann als Indianer Joe verantwortlich machen, der in jeder diese episodenhaft angeordneten Erzählungen etwas Leinwandzeit zugesprochen bekommt.

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Heike Makatsch

Das wiederum ist auch nicht weiter schlimm, denn Fürmann stiehlt Tom Sawyer und Huckleberry Finn die Show. Als diabolisch böser, zugleich aber auch charmanter Indianer Joe ist er eine der Stärken des Filmes. Mit künstlicher Hakennase mimt er die Rothaut, mit dem niemand in der Stadt ein Wort wechseln will, bis Toms Tante Polly ein Dankeschön über die Lippen bekommt, nachdem Joe ihr hilfreich zur Hand geht. Bei der übrigen Bevölkerung wird seine Anwesenheit gerade so toleriert. Huntgeburth inszeniert ihren Schurken auf der einen Seite als Unterdrückten, der ähnlich wie Huck Finn, außerhalb der bestehenden Gesellschaft zu überleben versucht. Auf der anderen Seite ist er der kaltblütige Mörder, der Tom Sawyer nach dem Leben trachtet. Mit einer Lichteinwirkung, die sich in bester Bösewicht-manier auf die Augen konzentriert und zusätzlich durch Fürmanns gekonntes Spiel mit Blicken zur Spitze getrieben wird, entwickelt sich ein gefährlich interessanter Gegenspieler für die zwei Helden.

Die Schauplätze des Drehs in der rumänischen Hauptstadt Bukarest bilden den zweiten Höhepunkt des Filmes. Von der fiktiven Stadt, in der sich die Handlung zuträgt, bis hin zur Floßfahrt auf dem Mississippi, einem nächtlichen Abstecher zu dem Haus auf der Klippe, wo Indianer Joe und sein Komplize eine Truhe voller Goldmünzen finden und einer finsteren Höhle, in der sie den gefundenen Schatz versteckt halten, werden hier Kulissen genutzt und von der Kamera so eingefangen und zelebriert, dass die Schauspieler manchmal sogar überschattet werden. Das Ambiente, welches Hermine Huntgeburth hier inszeniert, lässt jedenfalls keine Zweifel offen, dass man sich in der abenteuerlichen Welt Mark Twains befindet.

Leider kann der Film mit seinen Stärken nicht überspielen, dass die gefühlte Laufzeit weitaus länger erscheint, als es die eigentlichen 109 Minuten erwarten lassen. Der Film nimmt sich anfänglich sehr viel Zeit, verpasst es hierdurch die Geschichte überhaupt so richtig in Schwung zu bringen. Für den stets von seiner Abenteuerlust getriebenen Tom Sawyer, dürfte dieser Filmausflug das Harmloseste sein, was ihm bisher wiederfahren ist.

Denis Sasse

Filmkritik zu ‘Tom Sawyer’

‘Tom Sawyer‘

Originaltitel: Tom Sawyer
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Produktionsland, Jahr: D, 2011
Länge: ca. 109 Minuten
Regie: Hermine Huntgeburth
Darsteller: Louis Hofmann, Leon Seidel, Heike Makatsch, Benno Fürmann, Joachim Król, Peter Lohmeyer, Magali Greif, Sylvester Groth


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