Feridun Zaimoglu. Siebentürmeviertel

zaimoglu_siebentürmeviertelDas historische Istanbul erleben! Mit Zaimoglu in die 30er Jahre reisen und sich einlassen auf einen sprachgewaltigen Roman … Die Vorfreude ist groß. Der Anfang des Romans ebenfalls. Weil das erste Kapitel den Namen “Der Erbarmer” trägt und dies einer von vielen Namen Allahs ist, schaue ich ins Inhaltsverzeichnis. Es besteht aus 99 Kapiteln, die jeweils mit einem Namen Gottes überschrieben sind und sich Der Erhabene, Der Verzeiher, Der Großzügige … nennen. Im Vorsatz lese ich aus einer Überlieferung des Propheten, Gott hätte neunundneunzig schöne Namen, einen weniger als hundert.

Meine Neugier ist jetzt geweckt und ich beginne mit dem Prolog, der sich ebenfalls wie eine Aufzählung vieler Namen liest: Sie nennen mich Hitlers Sohn. Flüchtiger Arier. Kind mit Kraft. Sie nennen mich Windhundwelpe des Führers. Sie rufen mich den Gelben, die kleine Sonne, Zauberperle, lachendes glückliches Äffchen. Sie sagen: Verwandle dich nicht, und wir werden dich bewundernSie knurren die Laute, die Türken, sie pressen sie heraus, die Koseworte … Sie nennen mich: Das deutsche Kind, das die Düsternis vertreibt.

Das Kind heißt Wolf und schaut mit sehr klugen Augen in diese Metropole, eine Stadt voller Türken, Armenier, Tschetschenen, Griechen, Kurden … Wolf ist ein kleiner Junge, dessen Mutter tot ist. Gemeinsam mit dem Vater hat er die Heimat Deutschland verlassen müssen. Wundersamer Weise versteht er alles, was – in welcher Sprache auch immer – gesprochen wird. Ob in der Teestube oder im Hamam – die Männer reden viel, haben aber Angst vor ihm, vielleicht plaudert er was aus? Mir ist dieser Junge einfach zu klug, nichts Kindliches ist in seinem Blick. Hab ich irgendwas verpasst? Erzählt ein alter Mann in Rückblicken? Nein, die Geschichte passiert in der Jetzt-Zeit im Istanbul des Jahres 1939. Und Wolf ist immer noch ein kleiner Junge aus Deutschland, der mit anderen Jungen kindliche Spiele spielt. Blutige und brutale Spiele. Ich lasse mich immer tiefer hinein ziehen in diesen Strudel aus Situationen. Immer mehr Figuren tauchen auf. Der Text wird immer zäher. Ich atme tief durch, habe das erste Achtel geschafft. Dann auf Seite 106 eine Textstelle, die ich – wie viele andere vorher -wieder und wieder lese und einfach nicht verstehe …

Blutregen. Werde oder sterbe, seine Weisung. Die Sonne schwärzte sich, wenn nicht der beste Krieger König wird. Man hätte uns alle in einen Eunuchenstall gesteckt, was eine Schande. Der Krämer unterstellt ihm Seelenschwellung.

… und den Roman abbreche. Wütend, enttäuscht und irgendwie frustriert.

Mir kommt in diesem Moment Lotti Huber in den Sinn. In ihrer Biographie “Diese Zitrone hat noch Saft” sagt sie: Ich als Leser verlange vom Autor: Schüttle mich, rüttle mich, fasziniere mich, reiß mich aus der täglichen Routine, gib mir Denkanstöße. Muss ich etwas lesen? Quatsch. Ich will etwas lesen (S. 154).

Auch ich möchte in der wenigen Zeit, die mir zum Lesen bleibt fasziniert und durchgerüttelt werden. Ich möchte nicht frustriert oder gelangweilt sein. Ich werde manchmal gefragt, warum ich immer nur über Romane schreibe, die mir gefallen haben und nie auch mal kritisch rezensiere. Hier ist sie, meine spontane und wenig begeisterte Rezension. Ich habe nicht allzu viel Zeit investiert in dieses kurze Statement, denn das ist ja genau der Grund, warum ich eben doch lieber positive Kritiken schreibe – für die ich mir auch gern viel Zeit nehme. Weil ich meine Leser begeistern und verzaubern will, weil ich sagen will: Leute lest dieses Buch! Das kann ich vom “Siebentürmeviertel” einfach nicht sagen. Der Roman stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2015. Bin gespannt auf weitere Meinungen zum Buch. Und weil das Thema “Türkei” mich ja doch irgendwie nicht los lässt, stürze ich mich ins nächste Projekt: Emrah Serbes mit “Deliduman” ist gerade erschienen!

Feridun Zaimoglu. Siebentürmeviertel. Verlag Kiepenheuer & Witsch. Köln 2015. 797 Seiten. 24,99 €

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