Everything is possible in India

„May I ask you one question, please.“

Sein Blick verriet mir, es war eigentlich keine Frage die er mir stellen wollte, es war eine Aussage, er hatte sie nur als Frage formuliert. Eine bittere, trostlose, wahre und vor allem berechtigte Frage.

„Why are you here? In a country like this. Everywhere poor people and dirt. What leads you to come here and travel around? Nothing to see, the good times  are over. For long time.“

Wie gesagt, eine berechtigte Frage, keine Frage.

Ich sah ihn an, er sah mich zurück an. Ein Hund bellte aus weiter Ferne. Eigentlich hätte der klassische Strohballen vorbei wehen müssen um der Situation die Krone aufzusetzen. Keiner verzog auch nur eine Miene. Dann fingen wir beide an zu lachen. Warum? Kann ich heute nicht mehr genau sagen, wahrscheinlich war es die ironische Idiotie der Frage an sich oder vielleicht hatte ein indischer Zauberer um die Ecke einen Lachzauber an uns versucht. Vielleicht aber war der Mann, der mir diese Frage stellte, um halb zehn Uhr abends, an einem Bahnhof in Nord-Indien, einfach nur ein Yoga-Lehrer und musste sein tägliches Pensum an Lachen erfüllen. Everything is possible in India. Die großen Werbebanner flankierten an sämtlichen Straßen und Gehwegen. Und es stimmt, alles ist möglich. Man braucht nur das nötige Kleingeld für dieses all umwobene Alles. Und wie sich herausstellte war der gute Mann, kein Yogalehrer oder irgendetwas der gleichen, er war komischerweise ein Sohn eines reichen und mächtigen Mannes, der in einem Palast wohnt, irgendwo im Süden. Natürlich kann man als Pessimist oder Zyniker jetzt sagen, er wird es nur erzählt haben um sich interessant zu machen, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen und sich hervorzuheben, und in diesem Fall gebe ich den pessimistischen Zynikern sogar Recht dabei. Es war sein Vorhaben mit anderen Menschen, Inder ausgeschlossen, in Kontakt zu kommen. Und diese Frage war für ihn der Einstieg in sämtliche Gespräche mit verschiedensten Daseinsformen der menschlichen Art. Inder ausgeschlossen. Er selbst war Inder, er war sein bisheriges Leben in Indien ansässig und konnte seinen Worten nach zu urteilen die indische Bevölkerung absolut nicht ausstehen. Es waren Heuchler, Diebe, Unmenschen die nur das Geld und ihren eigenen Glauben lobten. Obgleich es die eine Seite der Inder war den Touristen das Geld aus der Tasche zu ziehen und irgendwie versuchen zu überleben, war die andere Seite die, welche die Armen nicht ausstehen konnte. Diese wiederum suchten nicht das Geld aus fremden Taschen, sie suchen die Nähe zur Welt, zu den Reisenden, zur Geschichte, einer anderen Form des Lebens oder einfach nur zu irgendwem der mit ihnen Englisch sprach. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Mittlerweile waren wir auch über die ausgeschweiften Hass-Predigten gegenüber seinen Mitmenschen fertig und konnten von den schönen Dingen des Lebens sprechen, unter anderem waren das Genussmittel, welche den Stunden im Leben das Sahnehäubchen aufsetzte. Er erzählte mir von seinen Erfahrungen mit Frauen und seinen Alkoholexzessen, davon wie schlecht diese indischen Zigaretten für den Körper waren und worin der Sinn bestand mit mehreren als nur mit einer Frau zu schlafen. Inder sind, sofern sie es sich leisten können, absolute Lebemenschen und lassen nichts aus um ihrem Leben die Farbe Gold zu verabreichen. In diesem Punkt können wir Deutsche, wenn wir an einem verregneten, einsamen und tristen Montag zu Hause sitzen und nicht wissen was wir mit unserer Zeit anfangen sollen, wirklich noch einiges abschauen. Lebensgefühl, das Gefühl Glücklich zu sein und sich nicht mit Waren zu überhäufen um es zu erreichen. Das können sie die Inder, auch wenn sie noch so arm dran sind und jeden Tag versuchen heute mal nicht hungrig einschlafen zu müssen. Man kann es in manchen Gesichtern sehen und wenn man genau hinhört, auch in ihrem Lachen.

Nichts desto trotz hatte auch diese Unterhaltung ein Ende und mir nichts dir nichts war er in einer ankommenden Menschenmenge verschwunden. Zum Abschied hat er mir noch eine Zigarette abgenommen, wahrscheinlich um nicht mit leeren Händen davon ziehen zu müssen. Ich drücke meine Zigarette an einem Geländer aus und sah auf meine Uhr. Es war mittlerweile 22:32 Uhr. Der Zug hätte um 21:30 Uhr, plangemäß ankommen sollen. Ein „Super-Fast-Express“ an den Rand des Himalaya Gebirges. Fahrtzeit 9,5 Stunden. Um nicht die Tageszeit einer begrenzten Reise zu verlieren haben wir einen Nachtzug gebucht. Dafür sind diese ja schließlich da, dachte ich. Als ich zurück zu meinen beiden Reisegefährten kam und diese es sich schon gemütlich gemacht hatten, dachte ich nicht daran wann der Zug wohl endlich ankommen würde. Ich dachte auch die nächste Stunde nicht daran und war bester Laune, als wir ein dänisches Pärchen ansprachen doch ein bisschen mit uns Karten zu spielen. Die Frage auf welchem Gleis der Zug ankommen würde, war nach der Meinung sämtlicher Bahnhofsbeamten nicht sicher zu klären. Es gab schätzungsweise 18 Gleise und unser Zug musste zwischen Gleis 1 und Gleis 7 ankommen. Vielen Dank auch. Everything is possible in India. Insgeheim rechnete ich damit, dass der Zug auf Gleis 19 ankam und ohne auch nur einen Laut von sich zu geben davon fahren würde. Wir positionierten uns so, dass jeder von uns die seinen Teil der Gleise im Auge behalten konnte. Als es Mitternacht wurde, war der Bahnhof auf einmal wie leergefegt. Wir saßen Rücken an Rücken um einen Laternenpfahl auf dem Boden und versuchten auszumachen wo und wann der Zug ankam. Im Grunde war es still. Vereinzelte Hupkonzerte aus dem angrenzenden Stadtviertel brachte der Wind, wenn er denn mal vorbeikam, gleich mit und hatte auch immer eine gehörige Portion Uringeruch im Gepäck. Indien wie es leibt und lebt. Die Hoffung das der Zug tatsächlich in nächster Zeit ankommen würde war nicht mehr so groß und grün wie am Anfang, die Farbe begann zu verblassen und wurde langsam zu einem gelblichen Schimmer am Horizont. Ab und an, wenn ein Körperteil eingeschlafen war, stand einer von uns auf und ging über eine Fußgängerbrücke, welche die einzelnen Gleise miteinander verband, hinüber zur Empfangshalle des Bahnhofes. Meine letzte Runde war um kurz vor elf gewesen, ich habe versucht mir durch Fragen unterschiedlichster Beamter ein Bild von der Situation zu machen. Immerhin waren es mittlerweile an die fünf Stunden Verspätung und wir waren die Deutsche Bahn gewöhnt. Gut, nicht die Beste in Sachen Pünktlichkeit, aber nehmen wir mal an die Deutsche Bahn würde sich um fünf Stunden verspäten. Man dürfe wahrscheinlich das Bordrestaurant plündern und bekäme einen Schlafwagen gratis mit dazu. Bloß kein Beschwerdebrief. Ein solcher Brief in Indien wäre so gut wie eine verstopfte Toilette der deutschen Botschaft in Myanmar. Es würde niemanden interessieren, weil niemand da wäre den es interessieren würde.

Niemand konnte mir genau sagen wann oder wenigstens wo der Zug ankommen würde. Die Ankunftstafel war hinter einem glasigen Schalterfenster durch das man gerade noch hindurch schauen konnte und dahinter standen etwa zehn Beamte und sahen die an, welche es wagten etwas zu fragen. Vor mir war eine Schlange von etwa acht Leuten, allesamt Landesleute, einige mit Kindern auf dem Arm, einige mit, andere ohne Gepäck. Ein paar von ihnen standen bestimmt auch nur da um sich einen festen Platz zu sichern, niemand ging an den Schalter. Der Fußboden der Bahnhofshalle war übersät mit ausgelegten Decken und Taschen, auf denen Männer, Frauen und Kinder schliefen. Wenn man dort hindurch wollte, musste man in Kauf nehmen, mindestens fünf Menschen auf herumliegende Körperteile zu treten, es gab keinen Durchgang. Trotz allem aber, herrschte auf dem gesamten Bahnhofsvorplatz ein reger Verkehr. Rikschas hupten an und lieferten Menschen ab oder luden welche auf, Taxis bahnten sich den Weg durch die verschiedensten Blechlawinen, Motorräder, Fahrräder oder Kutschen, alles war vorhanden, alles war wie immer. Nur unser Zug nicht, dachte ich zumindest. Aber irgendwie war es die Tatsache, dass sich niemand so wirklich darum scherte wann der Zug ankommen würde und das machte mich nachdenklich. Warum waren die Leute hier und warum konnten sie seelenruhig schlafen, während ihr Zug eintrudeln könnte? Es war mir ein Rätsel.

Hinter dem Schalter stand eine Tafel auf der diffuse Namen von Zügen notiert waren, bei dem Super-Fast-Express nach Darjeeling stand eine dicke „5“, also fragte ich ob es die Zeit der Verspätung war oder die Uhrzeit, wann der Zug ankommen sollte. Mir wurde dann gebeichtet, dass es sich hierbei um die Uhrzeit handle, wann der Zug eintreffen würde. Ich bedankte mich und trottete zurück um die Neuigkeiten loszuwerden. Sie wurden mit einer optimistischen Darbietung einer Suche nach dem Schlaflager beantwortet und schon war alles wieder in Ordnung. Dachten wir zumindest. Der Grund, warum alle Menschen innerhalb der Halle waren und es in Kauf nahmen sich auf engstem Raum zusammen auf den dreckigen Fußboden zu legen, wurde mir klar, als ich die Augen schloss. Sie mussten es riechen. Moskitos. Soweit das Auge reichte. Und nicht nur etwa hundert von ihnen, da könnte man wenigstens nach einer blutigen Schlacht eine Aussicht auf Besserung haben, nein, es waren Milliarden. Und sie bissen sich durch alles was nicht aus Leder war.

Die Kurzfassung der nächsten Stunden, in denen nicht viel passierte außer dem unablässigen Morden Millionen von Moskitos und dem Versuch ein Auge zu zu bekommen war, dass wir schließlich 18,5 Stunden auf den Zug warten mussten und anschließend beinahe unseren Zielort verschlafen hätten.

Everything is possible in India.



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