Essai 190: Über die Probleme anderer Leute

In Internet-Diskussionen herrscht das Recht des Stärkeren – wobei mit „Stärke“ nicht Charakterstärke gemeint ist, sondern Lautstärke. Wer am aggressivsten herumpöbelt und am unfairsten kämpft, gewinnt. Das Spannende dabei ist, dass man eine Fülle an Beleidigungen lernt, die man Menschen wie mir angedeihen lassen kann, die sich vom Gepolter der Idioten unbeeindruckt zeigen und einfach weiter stur auf Gerechtigkeit pochen.

„Gutmensch“ ist dabei ja schon ein Klassiker. OK, ich hab den Begriff hier auf meinem Blog im „Essai 63: Über unhöfliche Weltverbesserer und Gutmenschen ohne Manieren“ auch schon abfällig benutzt, obwohl es ja eigentlich etwas Löbliches ist, wenn man ein guter Mensch ist. Ich meinte das allerdings in dem Sinne, dass jemand nur behauptet, er sei ein guter Mensch, sein Verhalten jedoch nicht sonderlich nett oder anständig ist. Also ein Heuchler. Die Pöbler im Internet meinen es wohl auch so, gehen aber anscheinend von vorneherein davon aus, dass alle Menschen, die sich bemühen, keine Arschlöcher zu sein, sich der Heuchlerei schuldig machen.

Ebenfalls sehr beliebt ist die Abkürzung „SJW“, die für „Social Justice Warrior“ steht und auch Menschen zugedacht wird, die Arschlochverhalten anderen gegenüber nicht unwidersprochen dulden wollen. Pöbler finden nämlich, dass es ein Zeichen von Schwäche sei, sich nicht wie ein egoistisches Arschloch zu benehmen respektive ein solches Gebahren zu kritisieren. Und um zu beweisen, dass sie selbst keine Schwächlinge sind, machen sie den als „SJW“ abgestempelten Zeitgenossen dann zusammen fertig. Zumindest versuchen sie es.

So, und nachdem ich so weit ausgeholt habe, komme ich nun auch zum eigentlichen Thema meines Essais: den Problemen anderer Leute. Es ist so, dass vor allem diejenigen als „SJW“ oder Gutmensch bepöbelt werden, die auch dann Mitgefühl mit anderen Menschen zeigen, wenn diese ein Problem haben, das sie selbst nicht von sich kennen. Arschlöcher hingegen brummen einfach „Wenn’s nicht mein Problem ist, ist es kein Problem“ in sich hinein und belehren als Nichtbetroffene dann Betroffene darüber, dass sie gar nicht betroffen sein können und dürfen, weil es schließlich kein Problem gebe.

Besonders häufig fällt mir das in Diskussionen zum Thema Rassismus, Sexismus und anderen Formen der Diskriminierung auf. Ich bin der Meinung, ich muss nicht selbst dunkelhäutig sein, um einzusehen, dass es scheiße ist, aus reiner Rechthaberei darauf zu beharren „Negerkuss“ statt „Schokokuss“ zu sagen. Zack, schon bin ich ein „SJW“. Ich denke auch, dass ich AKKs Karnevalsfrotzeleien über Menschen, die sich nicht eindeutig dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zuordnen können, total daneben finden kann, auch wenn ich selbst eine Cis-Frau bin. Boooaaaaah, was bin ich doch für ein Gutmensch! Ich kann auch den berüchtigten „Danke, dass du nicht Papa bist“-Edeka-Werbespot sexistisch und elterndiskriminierend und überhaupt nicht lustig finden, selbst wenn ich keine Kinder habe. Mannomann, ich habe ja wirklich ü-ber-haupt keinen Sinn für Humor und gehöre wahrscheinlich einfach mal wieder so richtig durch-ge-bumst, damit ich wieder etwas lockerer werde, nicht wahr?

Ganz ehrlich? DAS KOTZT MICH AN!!!!!

Ich bin es leid, dass so viele Menschen offenbar kein Mitgefühl mehr mit ihren Mitmenschen empfinden, wenn diese ein bisschen von der Norm abweichen. Das ist echt nicht einfach, wenn man nicht dem Durchschnitt entspricht, in welchem Bereich auch immer. Man muss sich viel häufiger für das rechtfertigen oder erklären, was man ist, man wird oft miss- oder gar nicht verstanden, man wird immer wieder von Arschlöchern gepiesackt und die erwarten auch noch Dankbarkeit dafür … das ist ätzend. Gut, wenn es einem gelingt, damit zurecht zu kommen und sich dagegen zu wehren, dann macht es einen innerlich stärker und man lernt sich im Laufe des Lebens immer besser kennen. Aber das kostet SO VIEL KRAFT und manchmal möchte man doch auch einfach nur dazugehören.

Ich kann einfach nicht verstehen, warum es so vielen Menschen anscheinend schwerfällt, das zu begreifen und einfach mal nett zu Leuten zu sein, ob sie einem selbst nun ähneln oder ein bisschen anders sind. Das hat man sich ja schließlich nicht ausgesucht, von der Norm abzuweichen. Ich hab mir zum Beispiel ganz bestimmt nicht ausgesucht, sensibler und klüger als der Durchschnitt zu sein. Ja, klingt arrogant, weiß ich auch … aber ist halt so.

Soll ich mich jetzt jedem Arschloch gegenüber dümmer und plumper geben, als ich bin, damit sein fragiles Selbstwertgefühl, das nur darauf beruht, Probleme anderer Leute als nichtexistent abzuwatschen und sich mit anderen Arschlöchern zusammenzurotten, keine Kratzer im Lack bekommt? Das sehe ich nun überhaupt nicht ein. Trotzdem ist mir klar, dass es sich bestimmt leichter lebt, wenn man weniger Mitgefühl mit anderen hat und einem die Dummdreistigkeit von Arschlöchern nicht weiter auffällt, weil man zu ihnen dazugehört. Aber so bin ich nun mal nicht.

Ich will nicht sagen, dass jeder normale Durchschnittsmensch ein Arschloch ist. Bitte versteht mich da nicht falsch. Aber normale Durchschnittsmenschen, die die Probleme nichtdurchschnittlicher Menschen als nichtexistent verurteilen, obwohl sie gar nicht wissen, wie das ist, in deren Haut zu stecken … das sind Arschlöcher. Und die werden von mir auch in Zukunft mit meiner geballten Klugscheißer-Power aufs Höflichste darauf aufmerksam gemacht, dass sie sich schlecht benehmen. Es kommt nämlich niemand als Arschloch auf die Welt, sondern das ist eine Frage des Verhaltens – und das kann man ändern.


Und, mischt ihr euch manchmal in Diskussionen um Probleme ein, die euch streng genommen nicht selbst betreffen, weil euch das unfaire Verhalten der Pöbelarschlöcher auf den Zeiger geht? Wurdet ihr deswegen schon mal als „SJW“ oder „Gutmensch“ verhöhnt? Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt 🙂

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