Ernesto «Paco» Echagüe: Weltenwanderer und Grenzgänger

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Es ist vollendet, dein Leben – endlich vollbracht. Deine letzten Jahre hast du in der Gosse von Mendoza, Argentinien, gedarbt, deine letzten Monate im Spital daselbst. Am Schluss hat dich der Krebs besiegt. Doch womöglich kümmerte dich das ebensowenig wie dein erbärmliches Leben in den Strassen von Mendoza. Radikal hast du dich dem natürlichen Lauf des Schicksals hingegeben. Radikal hast du dich dem «guten Leben» verweigert, warst ganz unten – und das nicht erst am Schluss.

Dieses «Ganz unten» hat dich ein Leben lang angezogen. Schon als Jugendlicher hast du – will man den Erzählungen glauben – in der Gosse gelebt: Als Sohn eines argentinischen Diplomaten in Kinshasa, damals noch Zaire, bist du von zuhause ausgerissen, hast aus Hunger gestohlen, dir aus Tabakresten aufgesammelter Stummel Zigaretten gedreht. Und hast einen Scheck, der dir dein Vater zukommen liess, empört zerrissen. Es ist, wie wenn sich am Schluss deines Lebens die Jugendzeit gespiegelt hätte. Bloss war da kein Vater mehr, der dir einen Scheck hätte zukommen lassen. Hättest du ihn wieder zurückgewiesen?

Was mag dich an diesem «Ganz unten» angezogen haben? War es das Gegenbild zum «Ganz oben», zu deiner Herkunft als Sohn eines Diplomaten? War es das ärmliche, schnörkellose Leben als Grossstadt-Gaucho? War es schlicht die Verweigerung bis zum Äussersten eines bürgerlichen Lebens? Oder war es Unvermögen, dich oben zu halten, oder in der Mitte – irgendwo anders eben als ganz unten?

Und dabei hat es dir am Vornehmen nicht gefehlt, nicht in deinem Äusseren, nicht in deinem Innern, Don Paco. Als stattlicher, welterfahrener junger Mann hat es dich in die Schweiz gespült, wo du geheiratet hast und Vater von zwei Kindern wurdest. Bald beengte dich das Leben hier, und es fror dich. Du passtest einfach nicht hierher und wolltest auch nicht hierher passen. Die Schweizer Enge war dir ungewohnt, die biedere Rechtschaffenheit zu klein. Den Rest besorgte der Alkohol: Deine abgrundtiefe Herzensgüte wurde zur Empfindlichkeit, der man nichts recht machen konnte. Dein Genie wurde zum Wahn, deine Freunschaft zur Last, deine Fabulierlust zum Delirium.

Doch wo viel Schatten, ist auch viel Licht: Dein grundehrliches Zugewandtsein etwa: Ein Glücklicher, wer so wie ich dein Freund sein durfte! Dein Herz war offen wie ein Scheunentor – wie das eines naiven, treuherzigen und wehrlosen Kindes.

Dann wieder erzähltest du von deinem früheren Leben als Weltenwanderer. Manchmal schien es mir fast ein bisschen zu abenteuerlich. Und all deine Sprachen! Hebräisch, Brasilianisch, Französisch, Englisch, Deutsch, Schwiizerdütsch – all dies sprachst du leidlich bis perfekt, und natürlich Spanisch und Argentinisch, was nicht dasselbe ist. Du hättest, zumindest von den Sprachen her, einen guten Diplomaten abgegeben. Stattdessen lebtest du ganz unten, am anderen Ende der Skala.

Wenn ich an dich denke, so kommt mir das Bild eines tiefen Sodbrunnens. Da ist zunächst nur ein schwarzes Loch, eine dunkle Tiefe. Und zuunterst ein kleines Licht, das man zunächst kaum wahrnimmt. Doch je mehr man sich an die Dunkelheit gewöhnt, umso heller wird auch dieses Licht. Und heute ist es hauptsächlich das Licht, das in Erinnerung bleibt. Die Dunkelheit deines Lebens – wenn es für dich wirklich dunkel war, dein Leben – erzeugt bei mir auch so etwas wie Bewunderung: für deine radikale, womöglich selbstlose Absage an das gute, behagliche Leben.


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