Erinnerung(en) an Minsk

In den letzten Weißrusslandtagen hielten mich Raum und Zeit erfolgreich davon ab zu schreiben. Mein selbst auferlegtes Programm war zwar ziemlich dicht, jedoch war ich immer äußerst erleichtert, wenn ich den letzten Bus ins Hotel noch mit Müh‘ und Not erreichen konnte. Wenn die Zeit nur „verflogen“ wäre, hätte mich dies beruhigt. Nicht verflogen ist sie. Sondern regelrecht verschossen.

Aber genug von den Entschuldigungen. Ich möchte noch ein Bisschen über meine weißrussischen Eindrücke schreiben.

Wie sieht man Belarus von außen?

  • Das Volk leidet unter der absoluten Herrschaft von Lukaschenko
  • Alle Wege nach außen sind gesperrt
  • Es gibt keine Meinungsfreiheit und die Gefängnisse sind voll mit politischen Gefangenen
  • Der KGB ist überall
  • Es herrscht Kommunismus

Diese Punkte möchte ich jetzt etwas näher erläutern und meine Sicht der Dinge beschreiben. Einiges habe ich gesehen, einiges habe ich gehört und zu einigem habe ich mir selbst ein Bild gemacht.

Diktatur:

Eine Bibliothek mit eigener Lukaschenko-Sektion

Eine Bibliothek mit eigener Lukaschenko-Sektion

Ja, Lukaschenko herrscht seit den frühen 90ern ohne Unterbrechung und ja, über die Demokratie dort lässt sich streiten.

Dem möchte ich allerdings gegenüberstellen, dass die Opposition zu wünschen übrig lässt. Sie ist zersplittert und führt großteils Grabenkämpfe gegen sich selbst, anstatt eine nationale Einheit zu demonstrieren.

Unter Lukaschenko leidet es sich auch schlecht. In 6 Tagen in Minsk habe ich etwa drei Obdachlose gesehen, von denen nur eine wirklich gebettelt hat. Die Wirtschaft wird stark vom Staat kontrolliert – beispielsweise werden fast alle größeren Projekte ausschließlich von weißrussischen Firmen erfüllt (ein Beispiel dafür sind die minsker Stadtbusse, die alle in Weißrussland gefertigt wurden), was als gelebter Protektionismus zwar für außenstehende nicht allzu nett ist, aber zumindest die interne Wirtschaft fördert.

Einer der Busse

Einer der Busse

Wirtschaftlich gesehen muss sich einiges tun, da sich der Rubel im freien Fall befindet und die Leute wegen den steigenden Lebensmittelpreisen auf die Straße gehen.

Demokratisch gesehen ist Lukaschenko weniger ein netter Saddam Hussein und viel eher ein schlechter Putin. Als Putins Zeit abgelaufen war ist er gegangen (zugegeben: Ganz weg ist er noch nicht), Lukaschenko blieb.

Sperren:

Wie restriktiv kann ein Land mit McDonalds sein? (Die Toiletten werden übrigens auch hier für Öffentliche gehalten)

Wie restriktiv kann ein Land mit McDonalds sein? (Die Toiletten werden übrigens auch hier für Öffentliche gehalten)

Als ich das erste Mal ins Internet gegangen bin wollte ich nicht meine Mails abrufen oder Ähnliches. Mich hat die BBC-Seite interessiert. Ohne Probleme zugänglich. Danach die Seite der österreichischen Zeitung „Die Presse“ – auch möglich. Noch dazu zügiger als erwartet. Vor ein paar Jahren war das Internet noch schlechter, habe ich gehört.

Die Reisefreiheit wird aufgrund anderer Umstände erschwert: Die staatliche Fluggesellschaft fliegt nicht allzu viele Ziele an und ausländische Unternehmen wollen in Euro oder US-Dollar bezahlt werden. Weißrussische Rubel kann man jedoch nicht oder nur sehr schwer umtauschen. Unter Umständen kann es passieren (und passiert auch), dass jemand zwar genug Geld für den Flug hätte, ihn jedoch nicht bezahlen kann, da niemand die Rubel will. Zudem macht es auch Europa für Weißrussen unfreundlich schwierig zu kommen. Man muss zeigen, dass man genug Geld für den Aufenthalt hat, eine Einladung benötigt man dann noch ebenso wie das Visum, dass dann auch noch ausgestellt werden muss. Dass sich Europa extrem auf Besuche aus dem Osten freut, ist kein Geheimnis…

Meinungsfreiheit:

An diesem Ort betet man für die politischen Gefangenen...

An diesem Ort betet man für die politischen Gefangenen...

Mein Russisch ist ziemlich schlecht, also kann ich nicht sagen, was in den Zeitungen steht. Eine englischsprachige Gazette liegt jedoch auf meinem Schreibtisch. Sie ist sehr neutral. Bisschen Wirtschaft, bisschen Präsident und das war es. Neutral – ohne aufsehen zu erregen.

Am Anfang wurde ich gewarnt, bestimmte Gebäude zu fotografieren. Dazu gehörte der Präsidentenpalast, das Parlament und militärische Einrichtungen. Wenn man davon Fotos macht, nimmt einem der KGB die Kamera ab und nicht nur die Speicherkarte.

Das Parlament habe ich fotografiert und mich bei einigen Fotos sogar demonstrativ davor hingestellt (nachdem eine Freundin von mir die Wache gefragt hat – ihn hat die Fragerei verwundert). Den Präsidentenpalast konnte ich nicht fotografieren, da in dem Moment, in dem ich vorbeigegangen bin Lukaschenko gerade Ausgang hatte und man zu diesem Zweck die Straßen immer für kurze Zeit sperrt. Militärische Gebäude: Ich möchte sehen, wie jemand Fotos von solchen Einrichtungen beispielsweise in Israel macht. Auch in Österreich sieht man vor beispielsweise Kasernen ein „Fotografieren verboten“-Schild.

Als jedoch bei den Präsidentschaftswahlen im Dezember Menschen vor dem Parlament protestiert hatten und einige auch randalierten wurden etwa 60 von ihnen eingesperrt und zu Strafen zwischen 2 und 10 Jahren verurteilt. Neben dem Parlament gibt es die Rote Kathedrale. Vor ihr steht ein Erzengel, der gerade einen Drachen aufspießt – das ist auch der Ort, an dem für diese Gefangenen gebetet wird.

KGB:

Adresse des KGB in Minsk. Das Gebäude wollte ich dann aber wieder nicht zu auffällig ablichten...

Adresse des KGB in Minsk. Das Gebäude wollte ich dann aber wieder nicht zu auffällig ablichten...

Ja, den KGB gibt‘s in Weißrussland noch – und nicht all seine seine Agenten sieht man auch. Was ich weiß gibt es relativ viele von ihnen, die sich „unters Volk mischen“. Mir scheint sogar, dass ich einigen von ihnen begegnet bin und auch mit ihnen gesprochen habe. Man sollte sich in solchen Gesprächen nicht zu sehr auslassen und wie mir der österreichische Botschafter gesagt hat nur solche Dinge sagen, die man auch in die Zeitung schreiben würde. Lukaschenko genießt jedoch nicht allzu viel Rückhalt im Volke und wenn man pro Lukaschenko agiert könnte man entweder als Verrückter oder einfach nur dumm gesehen werden. Es empfiehlt sich daher, nicht über Politik zu sprechen und wenn man doch darauf zu sprechen kommt eher den Gesprächspartner reden lassen, um so herauszufinden, welche Meinung er oder sie hat. Obwohl ich zuerst nicht allzu gut über El Diktatore gesprochen habe ist mir nichts passiert. Auch am Flughafen gab‘s keine Probleme. Bei öffentlichen Veranstaltungen findet man auch recht häufig sehr unauffällige Leute, die man weder eingeladen hat, noch kennt… Aber das gibt‘s auch in Demokratien.

Die Bestimmungen in den Flugzeugen sind übrigens auch weniger dramatisch als in EUSA. Ich konnte eine 2l-Flasche Wasser ohne Probleme mitnehmen.

Kommunismus:

3дравствуйте Tоварищ! Mehr als übergroße Monumente blieben vom Kommunismus nicht übrig...

3дравствуйте Tоварищ! Mehr als übergroße Monumente blieben vom Kommunismus nicht übrig...

Wie schon oben erwähnt hat Weißrussland Protektionismus. Spaßhalber habe ich einige Leute mit „Strastwuitje Tawarisch!“ (Hallo Genosse) angesprochen. Die haben‘s mit Humor genommen und teilweise geantwortet, dass sie keine Genossen seien. Auch sonst wirkt das Land nicht kommunistisch.

In Russland konnte ich diese russischen Kappen kaufen, auf denen noch Hammer und Sichel abgebildet sind. Die Kappen gab‘s im Einkaufszentrum von Minsk. Hammer und Sichel nicht. Genausowenig konnte ich kommunistische T-Shirts oder andere Devotionalien mit diesen Insignien finden. Ich tippe darauf, dass es verboten sein könnte – so wie in Ungarn, Polen oder Litauen. Was dagegen spricht ist die Marx-Straße, der Leninplatz und diverse Statuen. Auch findet sich das Wappen nicht (mehr) auf der Flagge. Religionsausübung ist ohne größere Schwierigkeiten gestattet. Neben den orthodoxen Kirchen gibt es auch katholische und evangelische. Minsk hat mehrere Synagogen – einem davon gehört den Chabad. Seit einiger Zeit steht auch wieder eine Moschee in Belarus.

Die Marxstraße - ironischweise die Luxustraße von Minsk

Die Marxstraße - ironischweise die Luxustraße von Minsk

Zusammenfassung:

Generell wird heißer gekocht, als man isst. Für die Medien ist Weißrussland eine schöne Diktatur, die man auch einmal als solche beschreiben kann.

Für den Besucher ist es ein sauberer Ort mit pünktlichen Bussen, freundlichen Menschen und europäischerem Komfort als es an anderen Orten in Osteuropa zu finden ist. Obwohl es gar nicht (mehr) Europa ist…

Erinnerung(en) an Minsk

War auch in Resteuropa einmal "in": Lenin. Hier vor dem Parlament


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