Entscheidung in der Sierra Chica, Teil 6


Zum fünften Teil
Tiefe Nacht lag über Carrizo und die Einwohner der Dorfes saßen in den Hütten auf ihren Stangen und schliefen tief und fest, als sich leise die Kirchentüre einen Spalt weit öffnete. Zuerst sah man einen kapuzenverhüllten Kopf, dessen Besitzer kontrollierte, ob die Luft rein war. Dann ging die Türe ganz auf und eine vermummte Gestalt in einem langen Umhang trat heraus. Es war Padre Léon. Er schloss die Türe hinter sich ab, und huschte dann lautlos über den Platz in die nächtlichen Schatten der Hütten. Bis auf das eine oder andere Schniefen und vereinzeltes Gackern träumender Hühner herrschte Totenstille. In Deckung bleibend, stahl sich Padre Léon ungesehen bis zum Aussichtsturm. An der Plattform angelangt, hörte er, wie der dicke Hugo, der die Nachtwache hatte, laut schnarchte. Der Padre würde also unbemerkt das Dorf verlassen können. Er musste sich beeilen, um vor Anbruch des Tages zurück zu sein, denn bis zum Treffpunkt, den Tres Dedos, einer Felsengruppe am Rand der Sierra Chica, war es ein Stück zu reiten.  Der Priester sattelte also seinen Klapperhasen, band ihm mit einem Stück Stoff das Maul zu, damit man das Klappern nicht hörte, wenn er Carrizo verließ und ritt dann los. Nach einer guten Stunde, die ereignislos verlief, erblickte er vor sich die drei fingerförmigen Zacken der Tres Dedos. Dahinter versteckt lag das Nachtlager der Four Cocks. Als er sich den Felsen näherte, hörte unmittelbar neben sich ein heiser geflüstertes „Wer da?“
„Léon!“, sagte der Priester nur und saß von seinem Klapperhasen ab.
Darauf kam Bob hinter einem Steinbrocken hervorgekrochen und befahl Padre Léon mit einem knappen Kopfnicken, ihm zu folgen. Nach einigen Minuten erreichten sie das Lager, an dem die anderen drei Cock-Brüder schon ungeduldig warteten.
So so, der Padre.“, sagte John, der Anführer und Sprecher der Bande. „Und läuft alles nach Plan?
„Buenos Dias, Señores und Glückwunsch zu der kleinen Show, die Sie da abgezogen haben. Sehr professionell.“, antwortete Léon, während er sich zu den Brüdern an das fröhlich prasselnde Lagerfeuer setzte. Dann fuhr er fort: „Natürlich Señor Cock. Alles klappt wie am Schnürchen. Sancho, ein ehrgeiziger junger Gockel aus dem Dorf ist gestern morgen los geritten, um El Pollo zu finden. Und so wie ich Sanchos Hartnäckigkeit kenne, wird er nicht ohne meinen Erzfeind nach Carrizo zurückkehren. Gestatten?“ Er deutete auf den Suppentopf, der über dem Feuer hing, nahm sich einen Napf und schöpfte.
Gute Arbeit.“, sagte John, während seine Brüder zustimmend nickten. „Übrigens: Das mit den angesteckten Schwanzfedern war eine prima Idee von Dir. Aber gib' nur darauf acht, dass Dir Deine echten Federn nicht versehentlich während der Messe aus der Soutane rutschen. Ach ja, und der Auftritt mit dem bescheuerten Küken war wirklich eine Meisterleistung. PENG PENG, Haha.“
Léon lachte, nachdem er einen Löffel Suppe gegessen hatte: „Was ein paar Bonbons und eine damit verbundene kleine Drohung so alles bewirken können. Aber keine Sorge, Señor Cock. Meine Schwanzfedern habe ich fest angebunden. Da passiert schon nichts. Wenn ich jetzt wieder um mein Heiliges Ei bitten dürfte?“
„Hm, ich weiß ja nicht.“ John blickte den Geistlichen streng an, während er mit dem erbeuteten Ei spielte, dass um seinen Hühnerhals hing. „Vielleicht sollten wir es als Faustpfand und Entschädigung behalten, falls wir El Pollo doch nicht zu fassen kriegen.“
„Das klappt ganz bestimmt.“, sagte der Padre ein wenig verunsichert. „Sie bekommen El Pollo von mir auf dem Silbertablett serviert. Und außerdem habe ich Ihnen ja schon verraten, dass die Bewohner Carrizos nicht ganz so arm sind, wie es den Anschein erweckt. Da hat sich im Laufe der Zeit so einiges an Schätzen angesammelt. Wo hätten es dieser dumme Hühnerhaufen auch ausgeben sollen außer im Saloon und Alkohol ist ja in unserem Dorf bekanntlich strengstens verboten. Glauben Sie mir, da gibt es genug zu holen.“
Ein gutes Gefühl habe ich dabei nicht. So eine Versicherung hat schon seinen Sinn, aber was soll's“, sagte John Cock nachdenklich. Dann nahm er zögernd die Kette mit dem silbernen Ei von seinem Hals und reichte sie dem Verräter, der gierig danach griff und sie in einer Tasche unter seinem Umhang verschwinden ließ.
Es bleibt also dabei. Morgen früh brechen wir unser Lager hier ab, denn wir haben noch ein paar andere Dinge zu erledigen. Aber verlass' Dich darauf: Wir kehren zum nächsten Hühnermond zurück, um mit El Pollo abzurechnen. Und wage es ja nicht, uns über den Kamm zu hauen, Padre, denn sonst rupfen wir Dich diesmal wirklich. Und das wird richtig unangenehm.“
„Sie können sich voll und ganz auf mich verlassen, meine Herren.“, sagte der Priester, während er aufstand. „Zum nächsten Hühnermond gehört El Pollo Ihnen.“
Padre Léon verabschiedete sich knapp, zog die Kapuze über seinen Kopf und stieg in den Sattel seines Klapperhasen. Dann ritt er los.
„Wir hätten das Ei behalten sollen.“, murmelte John leise, seinen Brüdern zugewandt, während sie dem davon reitenden Priester nachsahen, bis er von der Dunkelheit der Nacht verschluckt wurde.
Der nächste Teil erscheint am Freitag

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